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Caravaggio, „Die Wahrsagerin“, 1596/97.

Ausstellung

Ungeschönter Realismus

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Caravaggisten in Münchens Alter Pinakothek.

Michelangelo Merisi löste die Revolution aus. Wer? Unter seinem Beinamen Caravaggio (1571-1619) ist er berühmt, ja Legende – und heutzutage ein Museumskassenknüller. Die Alte Pinakothek in München wollte in Kooperation mit dem Centraal Museum in Utrecht aber nicht simpel den Ruhm abschöpfen, sondern die Auswirkungen der Revolution auf Europa zeigen. Und für diese sorgten insbesondere die niederländischen Caravaggisten. Wegen „Utrecht, Caravaggio und Europa“ setzten sich also Leihgaben aus 50 Museen weltweit in Bewegung, teils in fünf schwer bewachten Transporten. Vorausgegangen waren vier Jahre Arbeit für Bernd Ebert (Sammlungsleiter holländische und deutsche Barockmalerei) und sein Team sowie viel Aufregung – für Caravaggios „Wahrsagerin“ fehlte ein Stempel; nun ist das Glück vollkommen.

Kurator Ebert möchte herausarbeiten, dass sich damals junge Feger nach Rom aufmachten. Sie waren zwar ausgebildete Maler, aber eben 18, 20 Jahre alt. Im Moloch Rom mit seinen 100 000 Einwohnern und bei Stoßzeiten mit ebenso vielen Pilgern, mit barockem Prunk und brutaler Armut, mit ungezügelter Lust und ebensolcher Gewalt, mussten sie sich außerdem einer harten Konkurrenz stellen. Künstler wie Gerard van Honthorst (1592-1656), Hendrick ter Brugghen (1588-1629) oder Dirck van Baburen (um 1592-1624) saugten Caravaggios Innovationen auf und entwickelten sie weiter. Deswegen stellt Ebert an den Beginn der Schau nicht nur einen Stadtplan Roms, sondern auch den Dialog von Caravaggios Gemälde „Die Kreuzigung Petri“ (Kopie von 1602) mit Honthorsts lavierter Federzeichnung. Der tastet das Bild exakt ab, ändert minimal Details – bei ihm zerreißt der Nagel durch Petri Hand den Balken –, geht indes nicht auf die Hell-dunkel-Inszenierung ein.

Caravaggio hatte mit dramatischen Lichtkontrasten gearbeitet. Den Effekt verstärkte er durch ungeschönten Realismus, ob grausige Wunden, schmutzige Füße, ob schlaffe Haut. Und er setzte diese Menschen so in die Bildfläche, dass sie beinahe aus ihr herausbrechen. Das mag bei Altarbildern in der Kirche nicht mehr bedrängend wirken, in der Alten Pinakothek steht man als Betrachter jedoch in einem Wirbel aus Gewalttat, Hass, Wut und Sexbetrug. Wie ihr großes Vorbild haben auch die Jungkünstler aus dem Norden nicht weggeschaut; ähnlich den Caravaggisten der ersten Stunde, etwa Orazio Gentileschi und Orazio Borgianni. Mitunter sind sie blutrünstiger, wenn sie zum Beispiel zeigen, wie mühsam und sudelnd David den Kopf des Riesen Goliath absäbelt. Nur die Franzosen sind immer auf Eleganz bedacht.

Das zeigt die sensationelle, einmalige Gruppe von drei „Grablegungen“. Da ist das Vorbild, Caravaggios Werk von 1602/03, das die Vatikanischen Museen tatsächlich hergegeben haben – allerdings nur bis 20. Mai. Der schwere, fahle Männerkörper muss von den zwei Trägern mit aller Kraft gehalten werden; sie dürfen das Übergewicht nicht verlieren, sonst würden sie mit in die Finsternis stürzen. Der Abwärtsbewegung folgen zwei Frauen, gefasst trauernd mit dem Kopf. Die dritte Frau hinten reißt in der Klage Arme und Blick hoch, weist mit diesem Aufwärtsschwung zugleich auf die Auferstehung hin. Van Baburen transformiert die Gruppe, hält aber an dem ungeschönten Leichnam fest. Den lässt er nach vorne kippen, verschattet ihn stark – während Caravaggio Christus als helles Zentrum hervorhebt. Die Psychologie, die sich in Mimik und Körpersprache seiner Figuren spiegelt, ist außerdem feiner und differenzierter. Nicolas Tournier (1590-1630) streicht die Frauen ganz und glättet die Körperlichkeit fast schon klassizistisch.

Nach all diesen Gewalttaten ist man froh, wenn man sich etwa bei den Heiligen Hieronymus, Petrus oder Andreas ausruhen und ihre Nachdenklichkeit genießen darf. Genauso entspannend wirkt die schöne Serie von Musikanten, die van Baburen schuf. Nicht zuletzt sie haben Ebert animiert, Studenten der Musikhochschule mit Kompositionen zu beauftragen. 75 Stücke sind neben den Informationstexten auf dem Audioguide zu hören. In den meisten Gemälden kommen Musiker allerdings im „Rotlichtmilieu“ vor, so Bernd Ebert. Freier, Kupplerinnen, Huren, (Falsch-)Spieler, Wahrsagerinnen und Säufer treffen sich da – nicht jeder Pilger hatte nur den Petersdom im Sinn.

Alte Pinakothek, München: bis 21. Juli, „Grablegung“ nur bis 19. Mai. Katalog, Hirmer, 34,90 Euro. www.pinakothek.de

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