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Juergen Teller, „Young Pink Kate“, London 1998.
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Juergen Teller, „Young Pink Kate“, London 1998.

Mode

Emanzen in Versace

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
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Claudia Schiffer zeigt im Düsseldorfer Kunstpalast die Welt der Mode, wie sie in den Neunzigern war – glamourös und authentisch zugleich.

Allein das Plakatmotiv! Fünf Frauen stehen in metallicglänzenden Miniröckchen und Lackschuhen nebeneinander. Die eine schiebt den Rock hoch, um ihren Oberschenkel zu begutachten. Die nächste scheint kurz vor dem Orgasmus zu stehen, die dritte überprüft ihren Bauchnabel, Nummer vier und fünf posieren im Lolita-Style. Das alles wirkt keck und kokett – und aus heutiger Perspektive ziemlich irritierend. Die Aufnahme stammt von 1994, Richard Avedon hat sie für eine Versace-Kampagne fotografiert. Zu sehen sind Frauen, die als Supermodels berühmt wurden: Nadja Auermann, Christy Turlington, Claudia Schiffer, Cindy Crawford und Stephanie Seymour, und es bedarf schon des Transfers aus der Mode in die Kunstwelt, um eine solche Szene heute noch plakatieren zu können. Das Bild ist zum Dokument geworden. Zu einem Verweis auf eine Zeit, in der sich die Modewelt neu erfunden hat und Models zu Stars wurden.

„Captivate! Modefotografie der 90er. Kuratiert von Claudia Schiffer“ heißt die Ausstellung im Kunstpalast in Düsseldorf. Captivate, das lässt sich mit faszinieren, entzücken übersetzen. Der Titel erscheint bei genauer Betrachtung als Understatement. Natürlich gibt es zahlreiche schön hergerichtete Frauen zu sehen, die in perfekter Beleuchtung posieren. Doch die Schau zeigt mehr als das, sie zeigt einen Paradigmenwechsel. Zwar erscheint das, was damals als revolutionär galt - selbstbewusste Models mit eigenem Profil, Charakter und dickem Konto - heute geradezu selbstverständlich. Doch der Wandel, der sich damals vollzog, war aus emanzipatorischer Sicht gewaltig.

„Wir nahmen unsere Karrieren selbst in die Hand“, schreibt Claudia Schiffer, im Katalog. „Mit unserem Einfluss gingen beispiellose Honorare und Exklusivverträge einher.“ Models - jedenfalls einige - wurden plötzlich genauso verehrt wie Schauspielerinnen und Popstars. Sie diktierten jetzt die Bedingungen.

Schiffer und ihre Kolleginnen haben einen Mythos geschaffen und doch - das macht die Ausstellung auch deutlich - war dieser Glamour, die Selbstbestimmtheit eben vor allem das: ein Mythos. Denn letztlich ist der immense Erfolg von Claudia Schiffer, Naomi Campbell, Kate Moss, Linda Evangelista und einigen anderen vor allem auf ihre Wandelbarkeit und Professionalität zurückzuführen. Starfotografen wie Peter Lindbergh, Helmut Newton oder Mario Testino formten ihre je eigene Version von Claudia, Naomi oder Linda – je nachdem, was der Auftraggeber forderte.

Michel Comte fotografierte Claudia Schiffer mit Kolleginnen 1994.

Dies zeigt sich am eindrücklichsten an der Kuratorin selbst, die – nachdem sie 1987 von einem Modelagenten im Düsseldorfer Club „Checkers“ entdeckt worden war – mal als süßer Teenie mit Teddybär, mal als Glamourlady oder Pin-up posierte und dabei jedes Mal sehr überzeugend wirkt – wobei das Teddybär-Bild heute unter Verdacht stünde, pädophile Neigungen zu befriedigen.

Sogar als Barbie ließ Schiffer sich ablichten (interessanterweise von einer Frau: Ellen von Unwerth). Da steht sie steif mit Schmollmündchen und Engelslocken im Glitzerkleid, was aus heutiger Sicht enorm irritiert; es widerspricht ja genau jenem Ideal der starken, selbstständigen Amazone, für die man die Supermodels stets hielt. Für die Fotografin war es wohl ein Experiment, war von Unwerth doch eher dafür berühmt, dass sie ihre Modelle aufforderte, sich frei zu bewegen, anstatt in starrer Pose zu verharren. Sie war übrigens die erste Fotografin, mit der Schiffer ein wichtiges Shooting hatte. „Ich war siebzehn und trug meine eigene Kleidung“, erzählt Schiffer im Katalog. Von Unwerth zeigte die Bilder Paul Marciano, dem Mitbegründer der Modemarke Guess, der beschloss, Fotografin und Model für eine Jeans-Kampagne anzuheuern. Das war der Durchbruch für beide.

Es ist die Stärke der Ausstellung, dass sie zeigt, was war: das Wilde, Aufmüpfige, Exaltierte, aber auch das Klischee, das in zahlreichen Posen weiterlebte. Und das hat seine herrlichen, übermütigen und überraschenden Seiten. Um politische Korrektheit hat sich die Kuratorin eher nicht geschert. Dafür hat man tatsächlich den Eindruck, etwas von der Energie, der Macht und dem Spaß nachempfinden zu können, der vor knapp dreißig Jahren bei den Shootings und hinter den Kulissen der Fashion-Shows geherrscht haben mag.

Es ist eine Reise zurück in die Zeit, als Modekampagnen begannen, die visuelle Kultur zu prägen. Werbung war jetzt überall, ob auf Plakatwänden oder in den Zeitschriften, die man zu Hause las. Hochwertige Modewerbung galt als Kunst der Stunde, die Protagonistinnen und Protagonisten wurden als Künstler gesehen- ob Modemacher, Stylistin, Fotograf oder Cover Girl. „Individualität“ manifestierte sich vor allem in den zu jener Zeit modern gewordenen Gruppenfotos, auf denen auch schon einmal 15 Supermodels gleichzeitig in goldfließenden Roben posierten.- jede ein wenig anders.

Ein Foto aus dieser Reihe ist das hier abgebildete von Michel Comte: „Ein energiegeladener, klassischer 1990er-Jahre-Versace-Moment“, schreibt Schiffer. „Wir gingen direkt vom Laufsteg zu einem Shooting für die italienische ,Vogue‘ in Versaces Palazzo und von dort in denselben aquamarinblauen Kleidern zusammen zur Party. Gruppenbilder sind komplex (...). Michel Comte ließ es spontan aussehen, doch es bedurfte mehrerer Stunden und zahlreicher Variationen, bevor die perfekte Aufnahme gelang.“ Da ist es offenbar nicht sehr viel anders als beim Familienbild: Fast immer guckt einer blöd.

Man erkennt an dieser Beschreibung auch – und das ist wirklich das Schöne –, dass diese Bilder noch analog hergestellt wurden, die Methoden der Manipulation waren auf Make-up, Licht und Retuschen im Labor beschränkt, und das sieht man. Wer dicht herangeht, entdeckt winzige Makel an Haut, Haar oder Sofa, was den Bildern bei aller Inszeniertheit etwas Authentisches verleiht.

Und hier kommt Juergen Teller ins Spiel, dessen Bilder ebenfalls zu sehen sind. Der deutsche Fotograf prägte seinen ganz eigenen Stil, indem er die Models backstage oder in unspektakulären Szenerien tatsächlich sie selbst sein lässt: teils ungeschminkt, unfertig gekleidet, nachdenklich, genervt, müde - und gerade dadurch unsagbar schön. Teller arbeitete - und das tut er noch immer - mit Blitzlicht auf eine Weise, die roh und ungefiltert wirkt. Sein Gespür für Realismus wirkte stilbildend.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgte die britische Fotografin Corinne Day. Ausgestellt ist eine Reihe von Aufnahmen, die Kate Moss 1990 an einem Strand zeigen - ungeschminkt, ausgelassen, ungekünstelt. Fotos, die das Gegenteil dessen sind, was damals der State of the Art war. In der Folge änderte sich die Sprache der Modefotografie. Die Exaltiertheit gehörte jetzt der Vergangenheit an.

Kunstpalast Düsseldorf: bis 9. Januar 2022. www.kunstpalast.de

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