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Hier die Installation des Kunstwerks in Dresden. Von der in Berlin gibt es noch keine Abbildung.

Manaf Halbouni

Bus-Kunstwerk musealisiert

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Von Dresden nach Berlin: das "Monument" des deutsch-syrischen Künstler Manaf Halbouni wird vor dem Brandenburger Tor aufgebaut.

Mamadou Konate aus Mali starb am 2. März 2017 bei einem Hüttenbrand in einem Camp für Migranten in Severo, Italien. Er wurde 33 Jahre alt. In den Flammen kam auch der 36-jährige, ebenfalls aus Mali stammende Nouhou Doumbia ums Leben. Beide stehen auf einer Liste mit insgesamt „33 293 registrierten Asylsuchenden, Geflüchteten und Migrant*innen, die aufgrund der restriktiven Politik der Festung Europa zu Tode kamen“.

Die Liste, die den Zeitraum vom 1. Januar 1993 bis zum 25. Mai 2017 erfasst, ist ein dokumentarisches Projekt der türkischen Künstlerin Banu Cennetoglu, die mit „The List“ am 3. Herbstsalon des Berliner Maxim Gorki Theaters teilnimmt, der von Samstag an mit rund 100 Werken präsentiert wird. „The List“ ist ein bewegendes, beinahe leises Kunstwerk, das in seiner dokumentarischen Nüchternheit daran erinnert, dass Kriege, Flucht und Vertreibung immer auch aus Einzelschicksalen bestehen, die zuletzt nur noch selten Aufnahme in die Spitzenmeldungen der Nachrichtensendungen fanden. In ihren besten Momenten aber ist es insbesondere das irritierende Vermögen der Kunst, starke Signale gegen das Vergessen auszusenden.

„Monument“ vor dem Brandenburger Tor

Auf schrill-metallene Wucht hat indes der deutsch-syrische Künstler Manaf Halbouni gesetzt, dessen bereits in Dresden erprobtes „Monument“ nun beim Herbstsalon vor dem Brandenburger Tor Station machen wird. Über einen Mangel an Aufmerksamkeit für sein robustes Kunstwerk konnte Halbouni sich gewiss nicht beklagen. Dabei sollten die drei von Februar bis April vor der Dresdner Frauenkirche aufgestellten Verkehrsbusse nach Vorbildern aus der syrischen Bürgerkriegsstadt Aleppo, wo sie Zivilisten als Schutzschilder dienten, doch vor allem ein Zeichen sein „für Frieden, Freiheit und Menschlichkeit“, ein Mahnmal für die humanitären Katastrophen, die durch Kriege hervorgerufen werden.

Aber die Busse sorgten bald für Ärger. Es dauerte nicht lange, da schlug der gut gemeinten Botschaft Missgunst entgegen. Dresdner Bürger empfanden den Zeitpunkt und den Ort als geschichtspolitische Provokation. Die „Schrottbusse“, so formulierten es noch die moderateren Stimmen, beschädigten die Erinnerung an die Zerstörung der Stadt im Februar 1945. Dabei hatte Halbouni ausdrücklich eine künstlerisch inspirierte Brücke schlagen wollen zwischen dem Leid der Dresdner Bevölkerung damals und der Zerstörung Aleppos im bis heute andauernden Bürgerkrieg in Syrien. Das wurde in der aufgeheizten Atmosphäre der Pegida-Demonstrationen gezielt missverstanden. Jeder Tropfen Öl, der Halbounis Bussen entwich, drohte einen emotionalen Flächenbrand auszulösen.

Die Wogen waren noch nicht geglättet, als die Diskussion bereits eine neue Wendung erhielt. Auf Pressefotografien aus Aleppo waren an den Fahrzeugen, die Manaf Halbouni zu seinem Kunstwerk inspiriert hatten, propagandistische Wimpel der syrischen Dschihadisten von Ahrar al-Scham, eine dem IS nahestehende Oppositionsgruppe, zu sehen. War das „Monument“ dadurch nicht vollends diskreditiert? Halbouni widersprach. Auch wenn inzwischen eine Fahne aufgesetzt worden war, dienen die Fahrzeuge nun als Schutzschilder für Bürger in Not.

Der Künstler arbeitet mit Perspektivwechseln

Die Werke des in Damaskus geborenen, in Dresden aufgewachsenen deutsch-syrischen Künstlers leben ohnehin sehr stark von permanenten Perspektivwechseln. Anhand einer Arbeit mit historischen Europakarten spielte er in seiner Arbeit „What if…“ den Gedanken durch, was gewesen wäre, wenn die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts im Osmanischen Reich und dem arabisch geprägten Teil der Welt stattgefunden hätte. Die kartografischen Umbenennungen, die Halbouni darin versuchsweise vornahm, dienten einer propagandistischen Rechten als sicherer Beleg dafür, dass es sich bei Halbouni um einen islamistischen Agitator handeln müsse.

Beim Maxim Gorki-Theater weiß man indes schon etwas länger, mit wem man es zu tun hat. Manaf Halbouni gehörte bereits 2015 zu den Teilnehmern des Herbst-Salons, mit dem das Theater alle zwei Jahre seinen Kunstbegriff erweitert und mit Werken der bildenden Künste in die neue Saison startet. Für Halbouni ist es also auch eine Rückkehr nach Berlin.

Und es ist ohnehin nicht anzunehmen, dass die Ankunft der Busse vorm Brandenburger Tor die Dresdner Debatte noch einmal anheben lässt. In der Kunststadt Berlin kommt das für Dresden konzipierte Werk ja bereits als Leihgabe musealisiert an, was zeigt, dass Fortbewegung auch in der Kunst eine Schutzfunktion hat.

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