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Friedrich von Amerling, „Junges Mädchen“. 1834.

Albertina

Von Briefkästen und anderen schönen Künsten

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Die Albertina zeigt Prächtiges und Zartes aus den Sammlungen der Fürsten Liechtenstein. Zum Zusammenhang von Geld und Kunst.

Als er die Herrschaften Schellenberg und Vaduz erworben hatte, hatte Hans Adam I. von Liechtenstein (1657-1712) sein Ziel erreicht: Er war reichsunmittelbar geworden und hatte ein Anrecht auf einen Sitz im Reichsfürstenrat des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Damals machte man solides Geld mit fruchtbarem Grundbesitz und fleißigen Bauern. Großes Geld machte man allerdings schon damals eher auf den Finanzmärkten. Hans Adam I. war dort erfolgreich genug gewesen, um sich das kleine Fürstentum kaufen und leisten zu können. Mit der Gründung einer Bank allerdings hatte er wenig Erfolg.

Als Kaiser Karl VI. am 23. Januar 1719 die Grafschaft Vaduz und die Herrschaft Schellenberg vereinigte und sie zu dem Reichsfürstentum Liechtenstein erhob, da war Hans Adam I. von Liechtenstein bereits tot. Aber obwohl der 23. Januar 1719 als Gründungsdatum des Fürstentums Liechtenstein gilt, wird als sein wahrer Begründer Fürst Hans Adam I. gefeiert. Er hatte die Liechtensteins reich und zu Fürsten gemacht, und er begründete ihre prachtvollen Kunstsammlungen.

Ein Staat wurde Liechtenstein erst 1806 mit dem Ende des Heiligen Römischen Reiches. Inzwischen ist auch das Habsburger Reich zugrunde gegangen. Liechtenstein gibt es noch immer. Und noch immer hat dort der Fürst das Sagen. Seit 2003 sogar mehr als zuvor.

Als die Nazis 1938 in Österreich einmarschierten, wurde Vaduz das erste Mal in der Geschichte des Fürstentums der wirkliche Aufenthaltsort der Familie. Liechtenstein überlebte den Zweiten Weltkrieg als neutraler Staat. Den mobilen Teil ihres Vermögens schaffte die Fürstenfamilie – da zeigte sich, wie gut es ist, sich den Luxus eines eigenen Staates zu halten – 1945 in letzter Minute nach Vaduz.

Massys Quentin, „Die Steuereintreiber“, späte 1520er.

Aber das Unternehmen Liechtenstein war pleite. Im Juni 1945 hatte die tschechoslowakische Regierung die Liechtensteinschen Besitzungen in Böhmen und Mähren entschädigungslos enteignet. Es gab keine Güter mehr, auf denen etwas erwirtschaftet werden konnte. Da half die Kunst. Die riesigen, in den vergangenen drei Jahrhunderten zusammengetragenen Sammlungen, wurden nicht mehr vom Fürsten finanziert, sondern jetzt finanzierten sie die fürstliche Familie.

Irgendwann wendete sich das Blatt wieder. Im Katalog zur Ausstellung „Rubens bis Makart. Die Fürstlichen Sammlungen Liechtenstein“ heißt es dazu nur: „Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung bekamen die Sammlungen seit Mitte der 1970er Jahre wieder die Möglichkeit, eine aktive Sammlungspolitik zu betreiben und gerade im letzten Jahrzehnt unvergleichliche Glanzstücke zu erwerben.“

Die erste hierauf genannte Neuerwerbung ist das Gemälde „Die Steuereintreiber“ von Quentin Massys (1466-1530). Es ist ganz sicher eines der Glanzstücke der Ausstellung in der Albertina. Ich weiß nicht, wie viel die Herrschaften ausgegeben haben für dieses Bild. Aber ich sehe sie sich amüsieren über diesen Erwerb. Das Gemälde hat Hogarthsche Züge. Der Herr mit Brille links führt Buch über die einzutreibenden Steuerschulden. Der Herr rechts scheint dem Betrachter des Bildes zu drohen: Wenn Du nicht zahlst, kriegst Du es mit mir zu tun. Das Bild entstand in Zeiten, in denen Steuereinnahmen gerne verpachtet wurden. Man hat es also nicht so sehr mit Staatsbeamten als vielmehr mit einer Art Inkassobüro zu tun.

Der Fürst Hans Adam II von und zu Liechtenstein hatte es 2008 gekauft, als gerade der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück fest entschlossen schien, dem Geschäftsmodell des Winzstaates den Garaus zu machen. Eine CD hatte gezeigt, wem alles Liechtenstein eine Flucht vor den deutschen Steuerbehörden erlaubt hatte. Wikipedia weiß zwar von einer florierenden Liechtensteinschen Industrie zu berichten, aber sprechend ist doch auch der Befund, dass die 38 000 Einwohner des Landes bis vor kurzem 80 000 Briefkästen benötigt haben sollen.

Das 2008 erworbene Gemälde war als Abwehrzauber gedacht. Es bannte Steinbrücks bösen Blick. Es hatte sich schon seit Jahrhunderten allergrößter Beliebtheit erfreut. Mindestens sechzig Variationen von ihm sind bekannt. Wie schön für den Fürsten, dass ausgerechnet die von ihm erworbene Version das vielkopierte Original des Antwerpener Malers Quentin Massys sein soll. Die Drohung des Steuereintreibers – ein Schelm, wer an Peer Steinbrück dabei denkt – verhallte damals völlig wirkungslos. Im August 2009 erklärte der Fürst in einem Interview: „Gerade Deutschland muss man entgegenhalten, dass wir und die Schweiz mit dem Bankgeheimnis vielen Menschen, besonders Juden, das Leben gerettet haben. Deutschland sollte sich an die eigene Nase nehmen und an seine Vergangenheit denken.“ Der plötzliche Reichtum Liechtensteins hatte allerdings wenig mit seiner Rolle während des Dritten Reiches zu tun. Der kam erst in den siebziger Jahren als Briefkastenfirmen flüchtigem Kapital als sicherer Hort dienten.

Staatszweck Steuerflucht? Nein, nein, nein! In seiner staatsphilosophischen Abhandlung „Der Staat im dritten Jahrtausend“ schreibt der Fürst: „Es wäre ein schöner Erfolg, wenn es der Menschheit im dritten Jahrtausend gelingt, alle Staaten in Dienstleistungsunternehmen zu verwandeln, die den Menschen auf der Basis der direkten und indirekten Demokratie sowie des Selbstbestimmungsrechtes auf Gemeindeebene dienen.“

Rudolf von Alt, „Salon im Palais Rasumofsky an der Landstraße in Wien“, Aquarell, 1836.

So viel zur PR. Die Wirklichkeit sah so aus: 2003 wurde die Liechtensteinsche Verfassung dahin gehend verändert, dass der Fürst „aus erheblichen Gründen“ jederzeit den Landtag auflösen und mittels Notverordnungen selbst regieren kann. Er kann ohne Angaben von Gründen die Regierung entlassen. Er hat ein Vetorecht, was die Besetzung des Gremiums angeht, das die Richter bestimmt.

Diese Regelungen gelten noch immer. 2010 zahlte Liechtenstein knapp 50 Millionen Euro an das Finanzministerium der BRD und wurde nicht mehr verfolgt. Von der schwarzen Liste der Steueroasen wurde Liechtenstein dann kurz vor seinem 300. Geburtstag gestrichen.

Also Zeit, sich ganz auf die Kunst zu konzentrieren. Zumal dafür ja Geld da ist. Das Haus Liechtenstein soll zehn Mal so reich sein wie die Windsors. Das ist in erster Linie die Tat von Hans Adam II. Der 1945 in Zürich geborene Fürst hatte seinen Namen als Auftrag bekommen. Er sollte, so dachte sich das sein Vater, wie der Ahn das Geschlecht sanieren und ganz nach vorne bringen. Das hat er – wenn man vorne so definiert – getan.

Jetzt endlich zur Kunst. Die Albertina, die so freundlich war, mich zu diesen Ausstellungen einzuladen, zeigt großartige Gemälde und Skulpturen der Liechtensteinschen Sammlungen und knapp einhundert Aquarelle der Biedermeierzeit aus derselben Kollektion. In letzteren wird oft die häusliche Intimität, gewissermaßen „die Kunst und das schöne Heim“ gezeigt, während in der Abteilung „Von Rubens bis Makart“ die Kunst die der Überwältigung ist. Mal durch Demagogie, wie in Quentin Massys’ „Die Steuereintreiber“, mal durch Schönheit, mal durch Intelligenz, mal durch Masse. Rubens’ Rückenakt „Venus vor dem Spiegel“ gehört der letztgenannten Gattung an.

Ein Heiliger Sebastian von Cornelis Cornelisz van Haarlem (1562-1638) zeigt, dass es Zeiten gab, da man ein anderes Verhältnis von Muskeln und Fett als schön empfand, als wir das heute tun. Dank des glatt rasierten Oberkörpers des jungen Mannes wird das besonders deutlich.

Wie tief protestantisch meine Ästhetik geprägt ist, erfuhr ich gar nicht vor Gillis van Coninxloos (1544-1607) Waldlandschaft. Ich wusste nichts über den Maler, aber das Licht, das er in und zwischen diesen Ästen eingefangen hatte, hatte es mir so angetan, dass ich nachlas und entdeckte, dass er vor der Eroberung Antwerpens durch die Spanier ins pfälzische Frankenthal geflohen war und später als treuer Protestant in Amsterdam ein großes Atelier führte. Das Gemälde gehört zum Genre des Waldinterieurs. Der am Karlsruher Institut für Technologie lehrende Kunsthistoriker Martin Papenbrock ging so weit, diese Waldbilder als „Landschaften des Exils“ zu betrachten, als Fluchtorte verfolgter Protestanten.

Wo ist die Intelligenz? Sie strahlt einen an. Es ist der Kopf, der Blick des Bildhauers Antonio Canova. Johann Baptist Lampi hat ihn 1806 in Wien gemalt. Canovas Kunst war programmatischer Klassizismus, eine Art Konzeptkunst. Canovas klarer Verstand hatte ausgerechnet, so glaube ich es auf diesem Gemälde sehen zu können, wie Wirklichkeit und Süße gemischt werden müssen, damit die Hand lustvoll zu spüren scheint, was das Auge, beim Blick auf die drei Grazien zum Beispiel, sieht.

Ferdinand Georg Waldmüllers Rosen aus dem Jahre 1843 zeigen, wie wenig die Fotografie damals noch vermochte gegen die Kunst. Sie war kaum mehr als eine grobe Skizze. Sie war unfähig, den Rausch des Realen festzuhalten.

Natürlich sind Anthonis van Dyck, Giuseppe Arcimboldi, Frans Hals, Jacob Jordaens e tutti quanti, nicht zu vergessen das begeisternde Selbstporträt des Bartholomäus Spranger (1546-1611) alle einen Gang in die Wiener Albertina wert. Aber man wird den Gedanken nicht los, das alles wäre in alle Winde verstreut, wenn es nicht jetzt doch eine Bank, die LGT, gäbe, die den Fürsten von und zu Liechtenstein gehört. Die beschreibt sich selbst so: „Mit Sitz in Liechtenstein sind wir Teil der weltweit größten Private Banking und Asset Management Gruppe, die vollständig von einer Unternehmerfamilie gehalten wird. Als Family Office des Fürstenhauses verfügt die LGT über langjährige Erfahrung in der Verwaltung großer Vermögen.“ Keine Kunst ohne Kapital.

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