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Boris Lurie und Wolf Vostell: Schock-Therapeuten in Arno Brekers Atelier

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Von: Ingeborg Ruthe

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„NO!art“, Kiste eines Holocaust-Überlebenden.
„NO!art“, Kiste eines Holocaust-Überlebenden. © Boris Lurie

Im Kunsthaus Berlin-Dahlem treffen sich postum zwei vom Holocaust geprägte Freunde: Wolf Vostell und Boris Lurie.

Berlin-Dahlem, Käuzchensteig 8, ein beliebtes Kunsthaus seit 2015. Freitagnachmittag ist es ungewöhnlich still in den hohen Hallen. Draußen heizt die Sonne, drinnen im Kühlen senken die Besucher die Stimme. Selbst die Kinder flüstern nur. Als habe das, was an den Wänden hängt, auf Podesten oder in Vitrinen steht, ihnen die Stimmen genommen.

Darf man den Begriff Genius Loci in den Mund nehmen? Geist des Ortes? Der hehre Begriff brennt auf der Zungenspitze. Denn einst war das Ausstellungsgebäude das Staats-Atelier des NS-Bildhauers Arno Breker. Doch 77 Jahre nach dem Ende des unseligen Tausendjährigen Reiches haben Künstler diesen Ort gründlich entnazifiziert. Sie haben ihn stattdessen mit dem Geist von Frieden, Humanismus, Demokratie und Kunst-Freiheit gefüllt.

Einer der konsequentesten Mieter war der aus Leverkusen stammende Wahlberliner Wolf Vostell (1932–1998). Ein politischer Fluxus-Pionier, Vorreiter des Happenings und der Medienkunst, den es in die Frontstadt zog. In diesen „tragischen Luftkurort Berlin“, wie er Berlin nannte. Diesen Ort, „der ja unsere Geschichte beinhaltet. Und diese Geschichte verarbeite ich in meinen Bildern und in meinen Objekten“.

Hier verschaffte er seiner Konsumgesellschafts-Kritik im Wirtschaftswunder-Nachkriegs-Westen mit geradezu rabiaten Anti-Denkmalen Ausdruck. So zwei in Beton eingegossene Cadillac-Karossen am Ende des Kudamms. Aber auch in vielen Happening-Aktionen, in denen seine geistige Wahlverwandtschaft zu Joseph Beuys deutlich wurde. Er versenkte Fernsehapparate der westdeutschen Wohlstandsbürger in Beton, benannte eine ganze Werkserie um 1980 „Endogene Depression“, in der er die einbetonierten „Lieblingsobjekte“ der Konsumgesellschaft“ vorführte: TV, Automobil, Flugzeug, Musikgerät. Es waren überdeutliche Statements gegen eine Massen-Medialisierung und gegen die Manipulation sowie Suggestion von konsumtiven Bedürfnissen. Klar, dass gewisse Kreise ihn als Spaßverderber beschimpften, ihn am liebsten in die Mangel-Gesellschaft des Ostens verjagt hätten.

Und er war ein Maler, der noch im Jahr vor seinem Tod das Monumentalbild „Shoah“ mit Acrylfarben und Betonmatsch auf die drei Holztafeln des riesigen Triptychons krachte. Er hatte den vormals „kontaminierten“ Dahlemer Arbeitsort 1984 bezogen. Damals hatte er sein erstes Environment, das Raumkunstwerk „Schwarzes Zimmer“, längst gebaut. Der Holocaust war sein großes Thema. Auch deshalb kleidete er sich – heute würde man ihm womöglich kulturelle Aneignung unterstellen – in reiferen Jahren wie ein alter jüdischer Gelehrter. Aber Wolf Vostell war nicht religiös. Er betrachtete die Kunst als seine Religion.

Was Unwissende für exaltiert hielten, war sein Anliegen. Wie die 1990 wiedervereinigte deutsche Gesellschaft mit all ihren Verdrängungsmechanismen. Eben an das erinnern, was nie vergessen werden darf. Dass Vostell zu den bedeutendsten deutschen Künstlern des 20. Jahrhunderts zählt, begriff das ostdeutsche Publikum in der Ausstellung „Deutschlandbilder“ 1997 sofort. Da sahen wir die Decollagen aus dem „Schwarzen Zimmer“ wie „Deutscher Ausblick“, „Treblinka“ und „Auschwitz Scheinwerfer 568“.

Nun stehen wir im Kunsthaus Dahlem wieder davor. Vostell würde im Oktober 90 Jahre alt. Anlass für die Direktorin Dorothea Schöne sowie den Gastkurator und Vostell-Kenner Eckhart Gillen, all das auszubreiten, was diesen intensiven Künstler zur Phänomenologie des Verdrängten bis zuletzt umgetrieben hat. Selbst dann noch, als er mit seiner spanischen Frau Mercedes zwischen Malpartida de Cáceres in der surrealen Landschaft der Extremadura und Berlin pendelte. Sieben Meter breit ist das Bild „Shoah 1492–1945“. Es ist den einst aus Spanien und anderen Ländern vertriebenen Juden wie den vom NS-Regime Ermordeten gewidmet.

Ein Betonpfeiler, dessen oberer Teil an den aufgerissenen Rachen einer Bestie denken lässt, stürzt auf ein abstraktes Gewirr von Leibern. Ein zweiter Pfeiler versinkt in der heillos zerstörten Körpermasse. Nicht von ungefähr lehnte der Maler die Wucht und Brutalität an Picassos Anti-Kriegs-Bild „Guernica“ an. Für ihn waren die erschlagenen Menschen und der in der Ausstellung unmittelbar gegenüber platzierte Auschwitz-Scheinwerfer „Dasselbe in Grün“, Zeugen eines perfiden Machtsystems, dessen „Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch …“, wie Brecht warnte.

Vostell lernte den in Riga aufgewachsenen jüdischen Maler Boris Lurie (1924–2008) in den 1960er Jahren kennen. Es war ein Bruder im Geiste, der die Schrecken der Schoah und des Holocaust am eigenen Körper ertragen musste. Seine Familie wurde ermordet. Nur er und sein Vater überlebten das Magdeburger NS-Außenlager Buchenwald. Lurie emigrierte nach New York und gründete dort 1959 die „NO!art“. Das ist eine ruppige, packende Bildsprache, oft mit direkter Bezugnahme auf die Schoah und die oberflächliche, unbedenkliche Konsumkultur der Nachkriegszeit. Die beiden standen im intensiven Kontakt. Lurie wollte kein Mitleid für die Opfer der Schoah. Seine Kunst setzte auf eine Art Schock-Therapie. Mit dokumentarischen Fotos der Gaskammern, nackten Leichenbergen in den Todeslagern, gelben Davidsternen, Hakenkreuzen, NS-Bütteln und aufreizenden Pin-up-Girls als Produkten des gleichen inhumanen Systems. Als Malerei auf einer Transportkiste, auf Fluchtkoffern und Leinwänden.

Kurator Eckhart Gillen verschränkt Luries Kunst mit den kruden Bildwerken Vostells, um unser Erschrecken, das beide wollten, abermals zu erreichen. In Luries collageartigem Gemälde „A Jew Is Dead“ von 1964 löst die erbarmungslose Direktheit der Mischung aus Symbolen, Schrift und Körperteilen den Schock aus. Und dann dieser dunkle Raum, vor dem das Schild „Betreten auf eigene Gefahr“ hängt. Vostells „Thermo-Elektronischer Kaugummi“ ist eine Installation, wo Kau- und Schmatzgeräusche durch einen an die Wange geklebten Mikrosensor in den Lautsprecher eines Koffers übertragen werden. Stacheldraht links und rechts, und man tritt auf tausende Löffel und Gabeln. KZ-„Flair“ trifft auf Frucht-Kaugummi-Genuss. Lagerhölle und Alltagsbanalität. Geschichte, jedoch auch Gegenwart – in den grauenvollen Flüchtlingslagern dieser Welt, in Putins Krieg gegen die Ukraine.

Vostell und Lurie – die Künstlerfreude wurden zu ihrer Zeit von Liebhabern der lukullischen, gefälligen Kunst angegriffen, weil sie viele Betrachter aus ihrer bequemen Selbstzufriedenheit rissen. Weil sie mit ihren „hässlichen Bildern“ nervten. Beide wurden akzeptiert, verstanden, verehrt oder aber abgelehnt. Jetzt begreifen wir, dass ihre Kunst an Brisanz nichts eingebüßt hat.

Kunsthaus Dahlem, Berlin, Käuzchensteig 8: bis 30.10., Katalog 20 Euro.

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