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Winter/Hoerbelt, „Donnerstags ist alles gut“.

Blickachsen Bad Homburg

Blickachsen: Emine wünscht sich einen Regenwurm

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„Wish Trees“ und andere Skulpturen bei den Blickachsen im Bad Homburger Kurpark.

Hinterher kann man nur froh sein. Ob man die zwölfte Ausgabe der Skulpturenbiennale Blickachsen nun für gelungen hält oder nicht. Weil es schlichtweg gute Laune macht, in Bad Homburg, wo der Großteil der Schau zu sehen ist, durch den wunderschönen Kurpark zu laufen. Weil es sich herrlich anfühlt, im landgräflichen Schlosspark herumzuspazieren und man dabei, auf der Suche nach Kunst, die Landschaft ganz neu betrachtet. Zum Beispiel die Bäume, hinter denen man Objekte vermutet, die man zunächst nicht findet – bis der Blick irgendwann nach oben wandert und gigantische rote Bälle in Baumkronen entdeckt. Kurz glaubt man an ein Versehen, dann kapiert man, dass solche Bälle unmöglich absichtslos dort gelandet sein können. Dass sie von Außen dort gar nicht hineinpassen und offenbar an Ort und Stelle in großer Höhe aufgepumpt wurden. Sie möchte, so die schwedische Künstlerin Anne Thulin, deren Werk den Titel „Double Dribble IV“ trägt, „das Vorhersagbare, das Proportionale und das Funktionale in Frage stellen und herausfordern“.

Das tut auf seine ganz eigene Weise auch Jeppe Hein mit seinem „1-Dimensional Mirror Mobile“, ein simpler runder, zweiseitiger Spiegel, in dem man sich in der Landschaft stehend betrachten kann. Dass der Spiegel – zunächst langsam, dann immer schneller – um die eigenen Achse rotiert, hat allerdings einen irritierenden Effekt: Das Grün tanzt um einen herum, mal sieht man einen Tennisplatz vorbei rauschen, mal einen goldenen Tempel. Fast kommt man sich vor wie in einem Karussell. Da macht es gar nichts, dass der Spiegel bereits einen Sprung hat.

Der Däne ist übrigens nicht der einzige Künstler, der in Bad Homburg mit Spiegeln arbeitet. Der Israeli Arik Levy lässt sogar einen spiegelnden Monolithen 13 Meter in die Höhe ragen. Der Clou ist, dass die Skulptur leicht geneigt ist und den Grundriss eines unregelmäßigen Dreiecks mit abgeschnittenen Ecken aufweist. Die Umgebung verzieht sich dadurch, man meint fast, sie stürze auf einen. Komisch ist auch, dass man scheinbar nach vorne sieht, (weil es da ja genauso grün ist, wie hinter einem), während man selbst im Bild ist. Das spiegelnde Paillettenbild, das die Schwedin Katarina Löfström zwischen die Kronen zweier Bäume gespannt hat, nimmt sich dagegen ziemlich unspektakulär aus: Wie es so sanft im Wind flattert und dabei immer andere Partikel des Himmels einfängt, erinnert es eher an eine zu hoch gehängte Partydekoration als an eine Skulptur.

Die Anwesenheit zahlreicher skandinavischer Künstler (immerhin zwölf von 34) erklärt sich übrigens durch die Kollaboration mit dem schwedischen Skulpturenpark Wanås Konst, deren Leiter bei der Auswahl der Werke mitgewirkt und einen Akzent auf ortsspezifische Arbeiten gelegt haben. Wenngleich nicht alles am ausgestellten Ort Sinn ergibt. Bei den drei schwarzen Bronzeblöcken, die hölzernen Transportboxen für Kunstwerke nachempfunden sind und vom dänisch-norwegischen Künstlerduo Elmgreen & Dragset auf einer Wiese abgelegt wurden, als seien sie irgendwo heruntergefallen, erschließt sich der Zusammenhang zum Ort jedenfalls nicht.

Bei Sofia Hultén ist die scheinbare Deplatzierung intendiert. Die Schwedin hat drei Fahrradständer mitten im Grün aufgestellt. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als seien hier Diebe am Werk gewesen: Von den drei Rennrädern, die hier scheinbar mal angeschlossen waren, existieren nur noch die Rahmen. Dann merkt man, dass letztere mit dem Geländer auf eine Weise „verflochten“ sind, die eine Entfernung ohne Werkzeug unmöglich macht.

Ebenfalls seltsam, wenngleich weit weniger beiläufig, erscheint die schier endlos lange Installation „There Must Be a Way Out of Here“ von Kaarina Kaikkonen. Hoch über dem Boden der breiten Brunnenallee im westlichen Kurpark hat die Finnin eine unheimliche Prozession arrangiert: 200 gebrauchte Jacketts fassen einander – sortiert nach Farbschattierungen – an den Schultern, es wirkt wie eine Geister-Polonaise.

Surreal wie in einem Traum erscheint auch die Arbeit „Wish Trees for Bad Homburg“ von Yoko Ono im Obstgarten des Schlossparks. Die Künstlerin fordert die Besucher auf, einen Wunsch auf einen Zettel zu schreiben und ihn in einen der Apfel-, Pflaumen- oder Birnbäume zu hängen. Unzählige Menschen haben das bereits getan. Emine (auch Mimi genannt) wünscht sich einen Regenwurm. Eungseong hätte lieber ein Pferd. Nicole und Harald wiederum träumen davon, „dass viele Menschen die transzendentale Meditation kennenlernen“, doch sie sind Ausnahmen. Natürlich wünschen die meisten Menschen Glück und Gesundheit für sich und ihre Lieben. Wie große Blütenblätter hängen die unzähligen Zettel in den Ästen, was erstaunlich schön aussieht. Man kann es kitschig finden oder auch sehr poetisch. Ein Erlebnis ist es allemal.

Blickachsen 12 , Bad Homburg, außerdem auch in Bad Vilbel, Eschborn, Frankfurt, Kloster Eberbach, Kronberg: bis 6. Oktober. www.blickachsen.de

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