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„Die blaue Pferd“ von 1911 - ein Motiv, das Franz Marc liebte.
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„Die blaue Pferd“ von 1911 - ein Motiv, das Franz Marc liebte.

Franz Marc

„Der blaue Reiter ist gefallen“

  • VonIngeborg Ruthe
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Vor 100 Jahren ist der Blaue-Reiter-Expressionist Franz Marc im Alter von 36 Jahren vor Verdun getötet worden. Für die Nazis war Franz Marc ein „entarteter Künstler“.

Den Namen „Blauer Reiter“ hatten sich Franz Marc und Wassily Kandinsky ausgedacht. Beide liebten die Farbe Blau – der Bayer Marc für seine Pferde und der Russe Kandinsky für seine Reiter. Was die Gruppe, die sich 1911, ein Jahr vor Herausgabe des Künstler-Almanachs „Blauer Reiter“, in München locker zusammenfand und schon 1914 wieder trennte, zusammengebracht hatte, waren die Ideen über Kunst und Welt.

So glaubten Marc, Kandinsky, August Macke, Paul Klee, Alfred Kubin, Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin, dass jeder Mensch Kunst genießen sollte, diese nicht nur den Gebildeten und Wohlhabenden offen stehe. Außerdem ging es den „Blauen Reitern“ darum, Kunst zu schaffen, die jeder versteht. Sie organisierten Ausstellungen, fanden erst zögerlichen, nach und nach enthusiastischen Zuspruch.

Die Gruppe wollte mit den alten Mal-Traditionen der Akademien brechen, eine Plattform für eine „Neue Kunst“ erschaffen, neue Ausdrucksformen finden. Man strebte die Gleichberechtigung verschiedener Sparten an, knüpfte Kontakte mit Tänzern, Komponisten, Bühnenleuten. Deutlich war das Interesse an mittelalterlicher und primitiver Kunst wie die Begeisterung für die damaligen aktuellen Kunst-Strömungen: den wilden, animalischen Fauvismus, den technik-gläubigen Futurismus, den geometrischen Kubismus.

Die „Blauen Reiter“ verstanden sich als Expressionisten, viele ihrer Werke sind weit abstrakter als etwa die ab 1905 erst in Dresden, später in Berlin aktiven „Brücke“-Künstler. Im „Blauen Reiter“ forderte man, weit radikaler also, eine vom Gegenstand unabhängige Eigengesetzlichkeit des Bildes.

Franz Marc fiel heute vor 100 Jahren, gerade 36 Jahre alt, in der Hölle vor Verdun. Ein Granatsplitter traf ihn in den Kopf. Im Schlosspark Goussainville steht ein Gedenkstein, seine Gebeine wurden 1917 nach Kochel am See überführt, nahe dem heutigen Franz-Marc-Museum, wo am 6. März eine Ausstellungs-Trilogie des Werkes beginnt. Wie die meisten seiner Gefährten war Marc freiwillig an die Front gezogen. Die bizarr-patriotischen Gefühle, die Rechtfertigung des Völkermords als notwendiges Durchgangsstadium für ein neues Europa, brauchten sich in den Schützengräben rasch auf. Franz Marcs Hoffnungen zeigten sich bald als Drama eines verirrten Idealismus.

Als man den gefallenen Künstler später zum nationalen Helden aufbaute, war das ein Nimbus, den er wohl zurückgewiesen hätte. Für Marc, der in nur einem halben Jahrzehnt ein einzigartiges Lebenswerk voller Spannungen und Zerrissenheit – was wohl auch dem Streit unter den „Blauen Reitern“ geschuldet war – geschaffen hat, muss harmoniesüchtig gewesen sein. Bei ihm befanden sich zudem Christentum und Nietzsches nihilistische Philosophie in seltsamem Einklang. Er filterte daraus Melancholie. Und die steckt tief in seinen deutschen Landschaften. Er war begeistert vom Kubismus und Orphismus der französischen Malerkollegen. Das Pferd in seiner Eleganz und Vitalität wurde ihm zum Symbol des Lebens, des Wirklichen und der Freiheit. Auch als er 1912 den „Tiger“, zuvor eine Landschaft mit Heuhocken, weiße und gelbe Katzen und Hunde, rote und grüne Rehe, Esel, gelb-rot-grüne Kühe und 1913 gar einen fast zentrifugalen „Mandrill“ malte, ist der Einfluss der radikalsten, aus Frankreich, vom „Erbfeind“ der Deutschen kommenden Strömungen jener Zeit unübersehbar und scheidet die Geister.

Kandinsky vermerkte im Tagebuch, Marc habe schon früh den Menschen als hässlich, das Tier hingegen als schön und auch reiner empfunden. Vor allem das Pferd verkörperte ihm das Sinnbild einer den Geist und die Materie versöhnende „Weltanschauung“. Marc berührte sozusagen die Grenze zwischen innerer Natur und geistiger Transzendenz, seine meist elegisch wirkenden Pferde symbolisieren gleichsam die Sehnsucht des Malers nach Erlösung von der Erdenschwere und nach einem Gleichklang von Dasein, Natur und Geist.

Am intensivsten steht wohl dafür der seit der Nazi-Aktion „Entartete Kunst“ verschollene „Turm der blauen Pferde“ von 1913. Es ist, als habe sich der Maler eine Art „Reinigung“ vom Ersten Weltkrieg, von dieser „Massenschlächterei“ (Kurt Tucholsky) versprochen, die bis 1918 fast zehn Millionen Tote forderte. Ein „Weltenbrand“, aus dessen Asche, so hoffte und träumte auch Franz Marc, ein neues, besseres Europa entstehen sollte.

Marcs Bilder wurden im September 1913 in Herwarth Waldens Erstem Deutschen Herbstsalon in Berlin gezeigt. 1916 war der Maler, dessen Freund August Macke schon im September 1914 in der Champagne im „Stahlgewitter“ verreckt war, endgültig desillusioniert. Vom Grauen der Schlachten berichtete er seiner Frau Maria ab 1915 in Briefen, die 1920 postum veröffentlicht wurden. Für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg schwebte ihm, wie er schrieb, vor, „konstruktive, zukünftige Bilder“ zu malen. Rückgriffe etwa auf seine „Blaue Reiter“-Werke wolle er dabei nicht nehmen. In der Kunst gelte es, nach vorne zu schauen.

In einem Nachruf der befreundeten expressionistischen Dichterin Else Lasker-Schüler heißt es: „Der Blaue Reiter ist gefallen, ein Großbiblischer, an dem der Duft Edens hing. Über die Landschaft warf er einen blauen Schatten. Er war der, welcher die Tiere noch reden hörte; und er verklärte ihre unverstandenen Seelen.“ Für die Nazis war Franz Marc ein „entarteter Künstler“; sie entfernten 130 seiner Gemälde aus den deutschen Museen, viele davon sind bis heute verschollen.

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