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Stillleben: Clara Ianni hielt Einschusslöcher auf Metallplatten fest.
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Stillleben: Clara Ianni hielt Einschusslöcher auf Metallplatten fest.

„Unter Waffen“ im MAK

Bizarre Ästhetisierung von Waffen

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Waffen sind Kult, so veranschaulicht es eine Ausstellung in Frankfurts Museum Angewandte Kunst. Sie beeinflussen den Alltag und beherrschen den Ausnahmezustand.

Waffen sind wohl so etwas wie eine Weltmacht. Gut gehen sie bereits manchem Kind zur Hand, und wie sehr erst der einen oder anderen Schurkenhand. Bei Gelegenheit ist sie verlängerter Arm niederer Instinkte. Aber was ist die Waffe dann dem Kind? Spielzeug? Zu beschönigt, um wahr zu sein!

Denn wenn man auf einem Video zusieht, so von heute an in der Ausstellung „Unter Waffen“ in Frankfurts Museum Angewandte Kunst (MAK), wie der Adrenalinstoß über die Gesichter von Kindern fährt, und die Gesichtszüge entgleiten lässt, während sie dem Zusammenbruch eines soeben tödlich niedergestreckten Tieres zusehen, dann ist nicht von der Hand zu weisen, wie sehr eine Waffe wahrhaftig ein Spielzeug ist.

Das Künstlerinnenkollektiv Neozoom zeigt in ihrem Video „Buck Fever“ die Waffe als Lustspender. Als Tötungswerkzeug, mit dem sich Wonnen erzielen lassen. Abstoßend erhebend zeigt sich das Töten eines Lebewesens, der Triumph des eigenen Lebens im Vollzug des Tötens. Fiebrige Erregung steht, während das Tier noch zuckt, den Kindern ins Gesicht geschrieben, nicht etwa Bestürzung, Erschütterung oder fassungsloses Entsetzen.

Beobachter, der man ist, möchte man sich abwenden. Aber das lässt die Ausstellung nicht zu. Denn Martialisches allerorten, angefangen vom Militärlook in der Mode, ob er sich nun tarnt oder in der Bomberjacke vollkommen unverhüllt zeigt. „Fire & Forget 2“ lautet die Ausstellung im Untertitel und setzt eine 2015 in den Berliner Kunstwerken gezeigte Schau fort, die das Thema Waffen und Gewalt in der zeitgenössischen Kunst veranschaulichte. In Frankfurt haben die drei Kuratoren, Ellen Blumenstein und Daniel Tyradellis sowie Matthias Wagner K als Direktor des MAK das Thema weiter abgesteckt, erweitert um Exponate aus der Werbung, um Produkte der Waffenindustrie – oder um einen afghanischen Wandteppich, der in den 1980er Jahren entstand, als geknüpfter Aushang gegen die sowjetische Invasion, mit Szenen aus einem Krieg, der bis heute Land und Leute wüst zurücklässt.

Besucher, der man im MAK ist, wird man auf einen Rundgang geschickt, der dem einer Waffenmesse nachgebildet ist. Was auf denen so los ist, und wer da als salonfähiger Demokrat anreist, etwa ins salonfähige Abu Dhabi, um mit salonfähigen Diktatoren salonfähige Waffengeschäfte zu machen, hat der Fotograf Julian Röder festgehalten. Kleine Wüstensöhne, keine acht, neun Jahre alt, werden ins Cockpit von Kriegsmaschinen gesteckt, um ein privates Foto für den letzten Schrei deutscher Waffenexporte abzugeben. Im Familienalbum wird ein von Kindesbeinen an unerbittlicher Generationenvertrag festgehalten.

Was man nach wenigen Schritten sieht, erscheint auf den ersten Blick wie ein Märtyrer-Video des IS – tatsächlich zeigt die Arbeit des in Nazareth geborenen Sharif Waked einen Protagonisten, der zum Erzähler der Geschichten aus 1001 Nacht wird, der Geschichte der Scheherazade, die durch Erzählen den Aufschub ihrer Hinrichtung bewirkt.

„Waffen sind unsere neuen Ikonen“

Wie auch immer optimistisch man die Listen der Literatur beurteilen mag: Unbestritten bereitwillig hat sich das Design von der Waffenindustrie in Dienst stellen lassen. Ausdrücklich hat ein solcher Tausendsassa wie Philippe Starck erklärt: „Waffen sind unsere neuen Ikonen.“ Ob Lampen oder Champagnerständer, die Kalaschnikow wirkt regelrecht vorbildlich.

Eine Designsparte, der die Ideen, wie man immer wieder hört, nicht ausgehen, kommt auf immer wieder die gleichen Gimmicks zurück. Auf Weihnachtskugeln in Granatenform. Oder Sexspielzeug, das man sich ebenfalls in Granatenform einverleiben kann. Überhaupt ist die Granate ein ungeheurer Gleichmacher, nicht nur auf dem Schlachtfeld, dort aber nicht nur virtuell. Oder das Handy, versehen mit einem Schlagring: Von entwaffnender Dürftigkeit ist so mancher Joke der Designindustrie, der vorgefunden wurde in Frankfurter Shops und Souvenirläden. Man kann auf den Gedanken kommen, dass es sich bei der ironischen Waffenproduktion, einem Handtäschchen fürs Pistölchen, einem Tobias-Rehberger-Rucksack im Tarnlook des Ersten Weltkriegs, um so etwas wie eine Salamitaktik handelt, mit der das Neckische Oberhand gewinnt über das Ethische. Ethisch ist natürlich ein pompöses Wort, und weil das Neckische um die ungeheure Fallhöhe zu moralischen Überlegungen weiß, versucht es zu nivellieren.

Muss man sich abfinden? Hat ein scharfes Accessoire, etwa der „Dynamit-Ring“ der britischen Firma Mawi, beliebt bei der High Society, die Waffe der Kulturkritik stumpf werden lassen? Bestimmt ein martialisches Design das Bewusstsein? Anhand von Schaufensterpuppen, die so etwas wie den letzten Schrei der Modebranche (Helmut Lang, adidas, Alphaindustries, Nike) vorführen, werden die Möglichkeiten des Militarylooks durchexerziert. Wie fühlt man sich darin – neutral wie ein Südpolbewohner im Zweiten Weltkrieg?

In ausgeprägter Vieldeutigkeit führt die Schau ihr Thema vor. Kaum ein Objekt ist so unumwunden doppeldeutig wie das Möbel, das Goncalo Mabunda schuf. Als Erinnerung an den 16 Jahre wütenden Bürgerkrieg in Mosambik entstand ein aus unbrauchbar gemachten Waffen zusammengesetzter Thron, ein waffenstarrender Herrschersitz, der zugleich wie ein Folterstuhl wirkt.

Leere Mörsergranatenhülsen aus dem Ersten Weltkrieg, Attraktion auf manchem Flohmarkt in Flandern, hat Kris Martin zu einem Haufen aus Messing drapiert. Ist darin eine Ansammlung von Knochen erkennbar? Die Waffe muss keine böse Form aufweisen, um mit Ambivalenz aufgeladen zu sein. Obwohl vielerlei unternommen wird, um es zu tarnen, ist es kein Geheimnis, dass die Waffe ein erregendes Instrument ist, das man nur entsichern muss, ob man nun drohen oder niedermachen will.

Pures Schreckensinstrument ist sie auf einem Polizeivideo, Prothese der Abschreckung und Abwehr, wenn die Wirkung eines sogenannten Tasers getestet wird. Sie, verehrter Leser, kennen den Unterschied zwischen Beretta und Walther PPK? Sie wissen, wer, hier ein Symbol der Gerechtigkeit, dort ein Inbegriff des Grauens, Excalibur mit sich führte, wer Gram? Zum Taser ist zu sagen, dass die pistolenartige Waffe Projektile verschießt, die mit Widerhaken versehen und an Drähte gebunden sind. Der Zweck der Erfindung besteht darin, dass das Nervensystem eines Getroffenen umgehend kollabiert, so dass er zusammenbricht, wie gefällt. Am Rande des Videos von Andree Korpys und Markus Löffler ist zu erfahren, dass das Instrument, in den USA eine Ware auf dem freien Markt, in der Bundesrepublik allein die bayerische Polizei nutzt. Das Video zeigt Zusammenbrüche von Leibern, die das alte Wort vom Schießprügel schlagend illustrieren.

Werkzeuge weltumspannender Vernichtung

Dass es ganz und gar nicht nur um Auseinandersetzungen Auge in Auge geht, sondern um Werkzeuge weltumspannender Vernichtung, führt ein ebenfalls von Korpys und Löffler stammendes Video vor. Die Künstler haben 2002 den Staatsbesuch von George W. Bush in Berlin dazu genutzt, den amerikanischen Präsidenten nicht nur an der Seite des damaligen Bundespräsidenten zu zeigen. Sondern Bush quasi in Begleitung des sogenannten nuklearen Fußballs – eines Koffers, der den Auslöser zur Aktivierung der Atombombe bereithält.

Wenn die Ausstellung, von der man zwangsläufig keinen pazifistischen Parcours erwarten darf, ihre Objekte nüchtern vorführt, dann heißt das nicht, dass sie sich irgendwelchen Illusionen hingäbe über die finale Bestimmung von Waffen. Die Ausstellung führt dem Besucher total abgebrühte Tötungsrituale als kultische Handlung anhand eines Ego-Shooterspiels vor Augen. In einer nach außen hin verspiegelten Kiste lässt Jon Rafman zwei Menschen wie ein Pärchen Platz finden, wo sie dem Vernehmen nach Entsetzlichem beiwohnen können.

Zum Zeitpunkt des Zutritts zum Grausigen hat der Besucher überhaupt eine geballte Ladung an Brutalitäten zu sehen bekommen. Dadurch, dass das eine oder andere Postulat der Aufklärung nirgendwo plakativ ausgesprochen wird, ist sie nicht abwesend. In einem mehrteiligen Kaffeeservice, einem Sinnbild bürgerlicher Lebensweise, sind in die Glasur Blutspuren eingebrannt worden. Angesichts dieses Objekts von Antonio Murado, das womöglich bloß eine Reflexion über den Verzehr blutiger Mahlzeiten ist, darf man zu dem Gedanken abschweifen, dass so eminent bürgerliche Werte wie Individualismus und Freiheit als reine Konsumwerte ein eminentes Missverständnis wären.

Bei allem kann man auch in dieser Ausstellung (also nicht etwa nur im Fernsehen oder Internet) zusehen, wie die Einschläge näher kommen. Dass das so ist, dafür hat ausdrücklich der Terrorismus die Verantwortung übernommen. Wie sehr intensiv das so ist, illustriert die Ausstellung anhand ihres inoffiziellen Israel-Schwerpunkts. Roy Brand, Ori Scialom und Keren Yeala-Golan zeichnen mit so etwas wie einem Sanddrucker die Grenzziehungen des Staates. Eine Nadel markiert in einem Sandkasten die Situation von 1949, von 1951 – schließlich heute. In den Sand schreibend und den Sand glättend und verwischend, wird die Expansion eines Staates nachvollzogen, dessen Existenzrecht eine vierköpfige Panzerbesatzung verteidigt, die auf vier Monitoren, einer Installation von Omar Fast, ihren Gewaltalltag aus der extrem eingeschränkten Panzerperspektive Revue passieren lässt. Nicht zuletzt zu sehen die Porträts junger israelischer Soldaten und Soldatinnen, die ihr Selbstbewusstsein ausstellen, lässig posieren, sich unglaublich leger als Bürger in Uniform präsentieren.

Die Schau lässt manche schreckliche Phalanx ablaufen, zum Abschluss eine Folge von Bildern, auf denen Rabih Mroué, nach Art des Daumenkinoeffekts, einen Scharfschützen zeigt, der sich aufbaut, bis der Beobachter ihm in die Gewehrmündung schaut. Mit dem letzten, vor einem Schuss begleiteten Foto sieht der Beobachter das Bild kollabieren. Was er damit sieht?

Die Allgegenwart des Todes zeigt sich in vielen Fällen geschickt getarnt, aber auch auratisch aufgeladen. In einem quadratischen Kabinett wird der „Liberator“ präsentiert. Bei der Waffe handelt es sich um eine funktionstüchtige Pistole, die im 3-D-Druckverfahren hergestellt werden kann. Vierseitig, wie um einen mittig installierten „Altar“, wie in Räumen sakraler Beweihräucherung, laufen vier Videofilme. Ein aktueller Rekrutierungsfilm der Bundesmarine; ein Heimvideo über einen Bundeswehrbesuch Ende der 80er Jahre; ein Youtube-Video über selbst gebastelte Waffen sowie ein obszöner Werbefilm des Waffenherstellers Heckler & Koch.

Mit den Videos wird das Letzte gegeben, angefangen von der bizarren Ästhetisierung von Waffen bis hin zu ihrer unverhohlenen Fetischisierung. Zur Eindringlichkeit der Ausstellung gehört, dass sich der Besucher auch in dem Museumsraum vom Kult um die Gewalt aus allen vier Himmelsrichtungen bombardiert sieht.

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