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Ein ägyptischer Militärhubschrauber kreist über dem Dach des Ägyptischen Museums in Kairo.
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Ein ägyptischer Militärhubschrauber kreist über dem Dach des Ägyptischen Museums in Kairo.

Plünderungen in Ägypten

Ist den Bildern aus Kairo zu trauen?

Ein kaputtes Modellschiff, eine Figur aus dem Grabschatz des Meketre. Wurde die von Plünderern aus der Vitrine geworfen oder ist sie im Chaos hinunter gefallen? Friederike Seyfried, Direktorin des Berliner Ägyptischen Museums, macht sich Sorgen um die Antiken-Sammlungen in Ägypten.

Von Nikolaus Bernau

Seit Tagen versucht Friederike Seyfried, die Direktorin des Berliner Ägyptischen Museums, zu erfahren, wie die Lage in Ägypten ist: „Es ändert sich alles rasend schnell, man kommt gar nicht mehr mit.“ Freunde und Verwandte schicken ihr zwar E-Mails mit Hinweisen. Doch direkten Kontakt in das unruhige Land, in dem offenbar auch Museen geplündert werden, hat selbst Seyfried derzeit nicht: „Die Nachrichtenlage ist sehr unübersichtlich. Bisher hat sich alles auf das Nationalmuseum am Tahrir-Platz in Kairo konzentriert. Aber wir haben inzwischen auch Berichte aus den Museen auf dem Sinai, in Luxor und in Memphis.“

In Memphis seien das Museum und das Depot geplündert worden, teilte auch die ehemalige Direktorin des Ägyptischen Museums, Wafaa El-Saddiq, in einem Interview mit. In Luxor hat das Militär sich vor die Tempelanlagen und das Tal der Könige gestellt, an anderen Grabungsorten soll die Bevölkerung den Schutz übernommen haben. Seyfried ergänzt: „Aus Ismailia haben wir eine Nachricht, dass ein Depot mit Objekten geplündert wurde, die während der israelischen Besatzung der Sinai-Halbinsel ausgegraben worden sind und kürzlich an Ägypten übergeben wurden. Die Bibliothek in Alexandria hingegen scheint sicher zu sein.“

"Da tut einem das Herz weh"

Anfang der Woche hatte das Deutsche Archäologische Institut bekanntgegeben, dass der ägyptische Antikendienst alle Grabungen vorerst geschlossen hat und die Mitarbeiter aus Luxor und Assuan abgezogen werden. Die ersten Familien werden schon nach Deutschland gebracht. Doch wie weit ist den Berichten und den Bildern zu trauen? Wir sitzen vor dem Bildschirm, sehen Fotografien und kleine Filme aus Kairo an: Ein kaputtes Modellschiff, eine Figur aus dem Grabschatz des Meketre. Wurde die aus der Vitrine geworfen, ist sie gefallen oder gar sorgfältig abgelegt worden? Fotos von Mumienköpfen neben Knochenresten: „Schlimm“, sagt Seyfried, „das waren doch Menschen! Aber ein Mumienkopf bricht eben auch leicht ab.“ Und dann: „Das sind zwei Skulpturen aus dem Schatz des Tutanchamun. Eindeutig. Wie die zerbrochen sind – da tut einem das Herz weh.“

Friederike Seyfried kennt das Museum gut, ist sich sicher bei der Identifizierung der Fragmente. Aber warum berichtet der umstrittene bisherige Direktor des ägyptischen Antikendienstes, Zahi Hawass – berühmt geworden auch durch die Forderung nach einer „Rückgabe“ der Berliner Nofretete-Büste –, auf seiner Homepage www.drhawass.com, dass nur eine Skulptur aus dem Schatz beschädigt wurde? Dass eine Plünderung durch „drei Tourismus-Polizisten und viele junge Ägypter“ verhindert wurde? Zahi Hawass wurde am Montag in das eigens neu geschaffene Amt des Antikenministers der neuen Regierung Ägyptens berufen. Er ist ein international bekannter Mann, der zwar als eitel, aber auch als integer gilt. Ein Aushängeschild? Konnte er dem Angebot nicht widerstehen?

Wenn Mubaraks Regime die Unruhen überstehen sollte, behielte Hawass eine einzigartige kulturpolitische Machtposition – die Kontrolle über alle Ausgrabungen und Museen. Er hat also ein Interesse daran, die Schäden kleinzureden und gerade jene Polizei zu loben, die als besonders regimetreu verhasst ist. Kam seine jüngste Nofretete-Offensive nicht auch genau an jenem Tag, an dem von den Oppositionsbewegungen die großen Demonstrationen gegen Mubarak angekündigt wurden? Und verhinderte er damit möglicherweise manche kritische Überschrift?

Seine ewige Widerstreiterin Wafaa Ed-Saddiq behauptet übrigens, unter den Dieben seien auch Mitarbeiter sowie Polizisten ausgemacht worden. Auf den Fotos sind eingeschlagene Vitrinen zu sehen. Einige von Hunderten. Für Seyfried scheint öfter nur ein Objekt zur Seite gerückt zu sein. Zeigen die Fotos also weniger die Zeichen einer gescheiterten Plünderung als die von begrenztem Vandalismus? Möglicherweise sogar staatlich angeordnet?

Die Bilder rufen die Erinnerung an das nach dem Sturz Saddam Husseins geplünderte Nationalmuseum in Bagdad zurück. Kaum etwas ist besser geeignet, die Folgen der Destabilisierung eines Regimes zu zeigen. Tatsächlich ging die Nachricht, das Ägyptische Museum sei „geplündert“ worden, in Minuten um die Welt. Ein Foto zeigte den Prachtbau im Rauch – die Wolke zog allerdings aus der ferneren Nachbarschaft herüber. Die Fotos der ägyptischen Nachrichten zeigen immer Soldaten in den Galerien, als Garanten von Ruhe und Ordnung.

Seyfried hält solche Beobachtungen derzeit für „pure Spekulation“. Viel größer sei die Gefahr, so wie einst im Irak, dass Räuber und Händler das Chaos als Chance sehen. Die aber würden sich eher an kleinere Standorte wagen. Die Plünderung von Museen fand in Europa meist nur im Auftrag totalitärer Regime statt, unter Napoleon, Hitler, Stalin. Für die Bevölkerung hingegen scheinen Museen selbst in revolutionären Situationen als Tabu-Raum zu gelten. Gilt das auch für Ägypten? Seyfried ist optimistisch: „In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich die Lage völlig verändert – und zwar gerade auch wegen der Arbeit von Zahi Hawass. Überall, selbst in kleinen Provinzorten wurden neue Museen gegründet oder alte renoviert.“ Und in der Tat: Am Wochenende schützte nicht nur die Polizei oder das Militär das Ägyptische Museum in Kairo vor Plünderern, sondern auch eine Menschenkette. Wenigstens dieses Foto war wohl nur eindeutig zu lesen.

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