Laura J. Padgett, "Wolke", 2005, aus der Serie "Diptychen".
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Laura J. Padgett, "Wolke", 2005, aus der Serie "Diptychen".

„Somehow real“

Bilder, um sie eine Weile festzuhalten

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Das Museum Giersch in Frankfurt zeigt so verrätselte wie echte Foto- und Videoarbeiten von Laura J. Padgett.

An einer grauen Außenmauer, vor einem dunklen Eingang, neben Wassserpfützen lehnt ein Reisigbesen. Oder: Ein dünner, grobgewebter schwarzer Vorhang weht über das fein gemaserte Holz eines Fenstersimses. Und: Ein signalrot gepolsterter Hocker steht neben einer Reihe Schuhe, Schlappen sind darunter, das müsste die Garderobe sein. – Hier, in ungeheuer still, ungeheuer abgeklärt wirkenden Räumen wohnt also der berühmte Architekt Peter Zumthor. Im Jahr 2005 hat Laura J. Padgett bei ihm Zuhause fotografiert. Erstmals ausgestellt sind diese Arbeiten und andere Padgetts nun im Frankfurter Museum Giersch, Anlass ist die Tatsache, dass die seit langem in Frankfurt lebende und auch lehrende Amerikanerin die Marielies-Hess-Kunstpreisträgerin 2017 ist.

„Somehow real“, irgendwie real lautet der Titel der Ausstellung. Das kommt hin. Denn oft wirken die Fotografien Laura J. Padgetts, als müssten sie geschummelt, bearbeitet, mindestens arrangiert sein. Aber sie wartet auf den richtigen (Licht-)Moment, sucht nach dem richtigen Winkel, man könnte es auch Perspektive nennen.

Neben der in und um Peter Zumthors Haus entstandenen Serie gibt es weitere Beispiele für die intensive Architekturbeobachtung der Fotografin. Denn sie hat die Entstehung des unterirdischen Erweiterungsbaus des Städel-Museums begleitet, vor allem die Erd- und Oberlicht-Arbeiten. Wiederum verdichtet sie in Ausschnitten, oft zu fast abstrakten Bildern. Auch zu solchen, die „somehow real“ sind, vor denen man aber dennoch rätseln muss.

Zum Beispiel über Größen- oder Spiegelungsverhältnisse. Das vor allem in ihren Diptychen, denen Padgett zwar manchmal ein wenig Text mitgibt, den sie aber nicht als Werktitel verstanden wissen will. „Geografie/Geometrie“ steht etwa neben zwei Fotografien. Die linke zeigt eine Zimmerecke in einer Kunst- und Kartenhandlung (Geografie!) – mit alten Karten, Stichen vermutlich –, die rechte ein verschachteltes (Geometrie?), teils mit stilisierten Ranken bemaltes altes Haus. Beziehungsweise einen Teil dieses Hauses, das offenbar fast direkt am Meer liegt.

Man muss gründlich schauen und dann seine Schlüsse ziehen bei den Bildern Laura J. Padgetts. Einkalkulieren muss man außerdem, dass man sich irren kann. Und womöglich, dass die Fotografin sich einen Scherz erlaubt. Etwa, wenn sie zu einem Diptychon „Don’t Let Go“ schreibt, das einerseits ein Stück Staumauer im Winter, andererseits eine alte Lampe und die geschnitzte Lehne eines Sessels zeigt. Wer soll hier was nicht loslassen? Die Mauer das Wasser, der Möbel-Inhaber seine guten (Erinnerungs-)Stücke? Oder der Betrachter seine Assoziationen – die man vor diesen Bildern allemal reichlich hat.

Im vierminütigen Video „Solitaire“ werden vor allem Frankfurter Manches wiedererkennen, da es sich um 60er-Jahre-Filmausschnitte des Hessischen Rundfunks handelt. Da huschen Max Horkheimer und Hannah Arendt vorbei, der Römer, die Straßenbahn und jede Menge Baustellen. Ein Junge fährt unter einem Spielplatz-Pilz im Kreis, Kennedy winkt, eine Gasmaske wird ausgepackt oder eher eine Anti-Atom-Maske. Hannah Arendt übrigens sagt gerade (wenn wir es richtig verstanden haben): „Ein Gedanke muss klug sein, um lange zu seinem Recht zu kommen.“

Vom hier sehr schnell Geschnittenen kann man sich dann beim zweiten Video namens „ambient noise“ erholen: Durch große Fenster blickt man auf einen Hinterhof, ab und zu ist die Jalousie geschlossen, dann fährt sie wieder hoch.

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