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Biennale in Venedig: Zur falschen Zeit am falschen Ort

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Von: Sandra Danicke

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„The Milk of Dreams“: Die Hauptausstellung der Biennale in Venedig ist magisch, verträumt, surreal und vor allem – enttäuschend.

Man geht hinein und ist erst einmal überwältigt. Da steht diese gigantische schwarze Frauenskulptur, sie hat keine Augen. Umringt wird sie von schwarzweißen Drucken, auf denen menschliche Wesen agieren, deren Gesichtern die Münder und Nasen fehlen. Die monumentale Skulptur der US-Amerikanerin Simone Leigh (deren Arbeiten auch den US-amerikanischen Pavillon in den Giardini bevölkern), ist ein Statement, dem sich niemand entziehen kann. Auratischer, hoheitsvoller kann Kunst kaum auftreten. Die Druckgrafiken an den Wänden der 1999 gestorbenen Kubanerin Belkis Ayón zeigen geschlechtslose Wesen, die der Kultfigur zu huldigen scheinen und zugleich einen ganz eigenen, geheimnisvollen Zauber entfalten. Die Kombination wirkt bezwingend.

Gleich im nächsten Raum des Arsenale stößt man auf riesige Mischwesen des Argentiniers Gabriel Chaile. Es handelt sich um kugelrunde Lehmöfen mit Füßen und Gesichtern, die erstaunlicherweise nicht albern, sondern humorvoll wirken und auf geheimnisvolle Weise Respekt einflößen. Der Künstler, dessen Vorfahren spanische, afro-arabische und kanarische Wurzeln haben, beschäftigt sich mit den Materialien und dem Formenrepertoire prä-kolumbianischer Kulturen. Die Tatsache, dass es sich dabei um Porträts von Familienangehörigen handelt, wirkt so grotesk und liebevoll zugleich, dass man regelrecht verzaubert in die Hauptausstellung der Venedig Biennale abtaucht, von der man bereits gehört hat, dass sie vorwiegend von Frauen bespielt wird.

„The Milk of Dreams“, so der Titel der von Cecilia Alemani kuratierten Mammutschau, heißt auch ein Kinderbuch der surrealistischen Künstlerin Leonora Carrington, deren Zeichnungen und Gemälde den Ton vorgeben. Die 2011 verstorbene Britin interessierte sich für Magie und Okkultismus, beschäftigte sich mit traditionellen Ritualen und Glaubensformen. Sie schuf traumgleiche, von Hieronymus Bosch inspirierte Welten, bevölkert von Frauen und Tieren, die sich bisweilen in einer geheimnisvollen Symbiose zu Mischwesen verbinden. Man kann nun konstatieren, dass hier bereits zentrale Topoi der Gegenwart angelegt sind: die Vermischung von Mensch und Maschine, die Auflösung von Geschlechtergrenzen.

Allerdings verfestigt sich beim Durchqueren der Ausstellung ein ganz anderer Eindruck: Man hat das Gefühl, zahlreiche der hier präsentierten Künstlerinnen und Künstler wollten der Realität lieber entfliehen, anstatt sich mit ihr auseinanderzusetzen. Da werden Zauberwälder und Parallelwelten beschworen, Traumlandschaften evoziert, Bäume umarmt, dass man sich erstaunt die Augen reibt. Hätte man all dies vor zehn, zwanzig Jahren gezeigt, wäre man über die zahlreichen Entdeckungen, die man hier zweifellos machen kann, vermutlich begeistert gewesen. Jetzt, gefühlte 27 Surrealismus-Ausstellungen später, ist man doch eher befremdet.

Der Feminismus, der hier beschworen wird, wirkt so altbacken und weltfremd wie die Theorien von Rudolf Steiner. Da wird gestickt, geknüpft, gestrickt und gefädelt, werden Nabelschnüre wie Orden zu Schau getragen, wird die Gebärfähigkeit des weiblichen Körpers gefeiert, als müsste die Befreiungsbewegung der späten sechziger Jahre noch einmal durchexerziert werden. Da wird die Schönheit und Poesie von Blättern, Blumen und Bäumen zelebriert, als handele es sich um Werte, die in Vergessenheit geraten sind.

Nichts, wirklich gar nichts spricht gegen eine künstlerisch aufbereitete Huldigung der Natur. In dieser geballten Ladung zu dieser Zeit an diesem Ort kann man jedoch nicht umhin, darin die Hilflosigkeit der Kuratorin zu erkennen. Nach dem Motto: Da kann man nichts falsch machen.

Wobei gerade die historischen Kapitel, die sowohl im Arsenale als auch im zentralen Pavillon in den Giardini gewissermaßen als Fußnoten eingeklinkt sind, einen Zauber entfalten, der die zeitgenössischen Positionen bisweilen zu Kitsch degradiert. Die zarten Hängeskulpturen, die die 2013 gestorbene US-Amerikanerin Ruth Asawa aus dünnen Eisen- oder Kupferdrähten gewoben hat, wirken nicht nur zauberhaft fragil, sondern auch vollkommen zeitlos, auch weil sie durch ihre substanzlosen Schattenwürfe über sich hinausweisen. Die Tanzskulpturen, die Lavinia Schulz und Walter Holdt in der Weimarer Republik erfunden haben, sind so skurril und abgedreht, dass sie ihre Dynamik auch ohne die expressiven Tänze des Künstlerpaars entfalten.

Dann wieder: Bäume in lila, Glitzerdecken, zerbrochene Eierschalen und alles was sonst noch indigen, urtümlich, magisch wirkt. Am Ende, man ist schon ziemlich entnervt, gibt es einen Lichtblick: Die Installation der nigerianisch-amerikanischen Künstlerin Precious Okoyomon besteht vor allem aus (echten) Pflanzen. Der Gesamteindruck ist zugleich einnehmend und unheimlich. Und tatsächlich ist das Grün nicht so harmlos wie es aussieht. Es handelt sich um die japanische Kletterpflanze Kudzu, eine Art Knöterich, nur viel aggressiver.

1876 baute die US-Regierung die Pflanze im Mississippi-Gebiet an, um der durch den massiven Baumwollanbau hervorgerufenen Bodenerosion entgegenzuwirken. Zunächst funktionierte das Vorhaben, doch dann wurde aus der rasant sich vermehrenden Pflanze eine Plage. Heute ist die Einfuhr von Kudzu in den USA verboten, wenngleich sie im Süden des Landes nach wie vor ihren Dienst verrichtet.

Die Analogien zwischen den versklavten Menschen aus Afrika und der Pflanze aus Japan liegen auf der Hand: Man holte sie, weil man sie brauchte. Dass sie sich selbstständig machten, war so nicht vorgesehen. Und so ragen aus diesen Pflanzenteppichen immer wieder geisterhaft anmutende Wesen wie eine Mischung aus Voodoo-Puppen und Vogelscheuchen auf, die uns daran erinnern, dass die Natur kein geschichtsfreier Raum ist. Gleichzeitig schlagen sie auf elegante Weise den Bogen zu der imposanten Frauenskulptur, die Simone Leigh an den Anfang gesetzt hat. Versöhnt ist man trotzdem nicht.

Biennale Venedig: bis 27. November.

„Springvieh“ von Lavinia Schulz und Walter Holdt, 1924. Foto: Sandra Danicke
„Springvieh“ von Lavinia Schulz und Walter Holdt, 1924. © Sandra Danicke

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