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Simon Dybbroe Møller: "Mass, Weight and Volume (Fallen into Place)", 2008; Stahl/steal, Größe variable/size variable.
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Simon Dybbroe Møller: "Mass, Weight and Volume (Fallen into Place)", 2008; Stahl/steal, Größe variable/size variable.

Kunstverein Frankfurt

Vom Bewerbungsgespräch ins Verhör

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
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Dybbroe Møller, Lasch & Ponn und Holmkvist im Kunstverein: "Sie können uns gleich die Wahrheit über sich sagen", heißt es im Bewerbungsgespräch (Film). Hätten wir uns aus dem Staub gemacht? Von Sandra Danicke

Schließlich steht man im Obergeschoss, ist seltsam berührt und weiß nicht warum. Sicher, die Musik klingt ein wenig melancholisch, und es herrscht Dunkelheit, bis auf einige schwach erleuchtete Flecken am Boden, doch man ist sich nicht sicher, was diesen Anflug von Nostalgie, ein ganz leichtes Déjà-vu-Gefühl auslöst.

Die Partitur, die hier von Streichern gespielt wird, wirkt modern, feierlich und vollkommen unbekannt. Die Flecken, die von an der Decke angebrachten Diaprojektoren herrühren, sind merkwürdig diffus, so dass man nicht weiß, wie viel von dem, was man sieht oder besser: erahnt, sich auf dem jeweiligen Dia und wie viel davon auf dem Fußboden befindet.

"Speed of Light. Speed of Sound" ist der Titel der Installation, die einer Erklärung bedarf. Denn eigentlich ist es Franz Lehárs Komposition "Dein ist mein ganzes Herz", die wir hier hören, wenn auch gespiegelt, was zur Folge hat, dass die hohen Töne nun tiefe sind, die Geige vom Cello gespielt wird. Bei den Flecken handelt es sich um aus Katalogfotos heraus vergrößerte Abstrahlungen, die Dan Flavins Neonröhren auf den Fußböden diverser Ausstellungshäuser hinterlassen haben: Ein mehrfach gefilterter Nachhall des eher nüchtern anmutenden Originals, das in einen atmosphärisch aufgeladenen Kontext transferiert wird.

Dan Flavin, mit dessen Einzelausstellung der Anbau des Städel Museums 1993 eröffnet wurde, soll übrigens seinerzeit den ganzen Abend lang eine Kassette mit Richard-Tauber-Liedern (darunter "Dein ist mein ganzes Herz") gespielt haben.

Die Arbeitsweise Simon Dybbroe Møllers, dessen Arbeit derzeit der Frankfurter Kunstverein zeigt, besteht darin, Arbeiten der Minimal Art und Konzeptkunst auf seine persönliche Art zu reflektieren, wenn das auch selten so wörtlich genommen werden kann wie hier. Eine zweite Arbeit namens "This Machine" basiert auf dem chinesischen Legespiel Tangram. Møller, der in Dänemark geboren wurde, an der Städelschule studiert hat und jetzt in Berlin lebt, hat eine Skulptur geschaffen, die sich aus sieben geometrischen, ursprünglich ein Quadrat ergebenden Körpern zusammensetzt, die frei beweglich gegeneinander verdreht werden können.

Møller ließ die Einzelteile des Spiels großformatig in spiegelndem Metall anfertigen, stellte sie dann in einen Wald und fotografierte. Im Kunstverein sind nun neben der Skulptur selbst auch Dias der Waldaufnahmen zu sehen, denen etwas Mysteriöses anhaftet, weil die Umgebung in jeder Position unterschiedlich gespiegelt wird. Die Skulptur scheint sich in der Landschaft nahezu völlig aufzulösen, sie wirkt gespensterhaft und flüchtig.

Ähnlich rätselhaft, wenngleich von einer völlig anderen Anmutung sind die Fotografien, die das Künstlerduo Doris Lasch und Ursula Ponn als zentralen Bestandteil ihrer ebenfalls im Kunstverein gezeigten Rauminstallation mit dem Titel "If you don't create your own history, someone else will" vorstellt. Statt Kunst scheinen hier vor allem die Repräsentationsbedingungen von Kunst einen Widerhall zu finden, man erkennt Ausstellungsräume, Ateliersituationen, Stellwände, Bilder an Wänden, auf Fußböden, in Büchern.

Was als Fotos an der Wand im Kunstverein hängt, taucht in Papierkopien von Katalogseiten immer wieder indirekt auf; was zuerst da war - man kann es nicht sagen, und es sei auch egal, sagen die Künstlerinnen.

Was von dieser Materialsammlung gefunden, was hergestellt, welche Situation vorgefunden, welche inszeniert sei, es spiele keine Rolle. Im Ausstellungsraum stehen Glasvitrinen, darin Packen von Zeitungen, aus Büchern Kopiertes, ein leerer Kamerakoffer oder ein Fön. Dass Gewesenes und seine Präsentation stets Konstruktion ist, nie Fakt, dass immer irgendwer auswählt, nach Kriterien, die wir nicht unbedingt durchschauen, scheint die Aussage dieser rätselhaften Ansammlung, die keine Antworten gibt, nur Fragen aufwirft.

Bedeutend kürzer dauern die Momente der Irritation in den Filmen von Saskia Holmkvist. Zu sehen ist etwa ein klassisches Bewerbungsgespräch, das plötzlich in ein Verhör umkippt. Oder eine Paartherapie, die auf einmal in politische Verhandlungen mündet. Die Übergänge sind stets fließend, kaum lässt sich die konkrete Wendung punktuell festmachen. "Wir werden Sie so oft befragen, bis Sie den Überblick verlieren. Sie können uns also gleich die Wahrheit über sich sagen", heißt es etwa in dem Bewerbungsgespräch. Ob sich unsereiner da wohl aus dem Staub gemacht hätte?

Frankfurter Kunstverein: bis 21. Mai. www.fkv.de

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