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Wie zum Beweis

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Von: Sebastian Borger

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Sherlock Holmes ist eine der berühmtesten Figuren der Kriminalgeschichte.
Sherlock Holmes ist eine der berühmtesten Figuren der Kriminalgeschichte. © Reuters

Das Museum of London feiert den Detektiv Sherlock Holmes mit einer detailreichen Ausstellung. Und seinen Schöpfer, Arthur Conan Doyle, der es mit seiner erfolgreichen Kreatur aber am Ende nicht mehr aushielt.

Wir sind in den Keller hinabgestiegen, an den Schließfächern vorbei. Plötzlich stehen wir vor einer Bücherwand. Aber wo geht es hier zur Ausstellung über eine der berühmtesten Figuren der Literaturgeschichte – „den Mann, der niemals lebte und nie sterben wird“, wie es im Untertitel der Schau so treffend formuliert ist?

Vielleicht versuchen wir es mal mit leichtem Druck, auf der Suche nach einer Geheimtür. Tatsächlich – das Bücherregal mit den aufgeklebten Prachtexemplaren öffnet sich. „Sherlock Holmes“ steht da in großen Lettern, korrekt lesbar nur in einer Spiegelwand. Willkommen in der Welt des Detektivs mit der Pfeife, der Lupe und der Hirschfängermütze.

Da steht auch schon Chefkurator Alex Werner, der so aussieht, wie man sich einen Holmes-Experten vorstellt: groß, hager, bleich, mit zurückgekämmten, blonden Haaren. So fundiert wie spielerisch haben sich Werner und seine Kollegen ihrem Thema genähert.

Die Figur des Hieroglyphen-Fans, Spiritisten und Bienenzüchters Sir Arthur Conan Doyle (1859-1930) „ist eine der wichtigsten Ikonen Londons“, sagt Werner und deutet wie zum Beweis auf den nächsten Raum: Der Detektiv auf Plakaten aus aller Welt, die Theaterstücke, Ausstellungen, Filme bewerben.

Sein Held sei „der meistgefilmte Charakter“, glaubt Werner – mehr als 200 Titel haben die Ausstellungsmacher gezählt. Der jüngsten werden wir noch häufiger begegnen: Seit 2011 exportiert die BBC ihre ebenso brillante wie populäre Serie „Sherlock“ mit Benedict Cumberbatch in der Titelrolle in alle Kontinente – der Original-Mantel aus der TV-Produktion, ein sogenannter Milford-Coat der britischen Firma Belstaff, gehört ebenfalls zu den Exponaten.

Als Sherlock noch Sherrinford hieß

Aber erst einmal wird aufgeblättert, woher Sherlock Holmes kommt. Edgar Allan Poe (1809-49), der „Erfinder“ des Kriminalromans, stand an Sherlocks Wiege, ebenso wie die Unzufriedenheit des jungen Arthur Conan Doyle, der in Southsea als Arzt praktizierte. Eine Seite seines Notizbuches von 1886 zeigt die ersten Skizzen für eine Erzählung. Noch heißt Holmes mit Vornamen Sherrinford, noch trägt sein Assistent den Namen Ormond Sacker. Ein Jahr später wird „Eine Studie in Scharlachrot“ mit dem korrekt benannten Duo zum Sensationserfolg.

Zu den faszinierendsten Exponaten zählt ein Film aus dem letzten Lebensjahr des Autors. Darin berichtet Doyle über seinen Ärger bei der Lektüre von Detektivgeschichten: „Der Kriminaler schien immer entweder Glück oder eine Eingebung zu haben. Nie wurde vernünftig geklärt, wie er das Verbrechen aufgeklärt hatte.“ Doyle erzählt die Entstehungsgeschichte jenes Charakters, der ihm zu Segen und Fluch wurde. Ein Segen, natürlich, schließlich wurde aus dem unbekannten Arzt binnen weniger Jahre der bestbezahlte Autor der Welt. Und ein Fluch: Zeit seines Lebens ärgerte sich Doyle darüber, dass sein literarisches Werk auf den berühmten Detektiv reduziert wurde.

Schon bald nach Beginn der unheimlichen Erfolgsserie verlangte der Autor für jede weitere Holmes-Story von den Interessenten unerhörte Summen, immer in der Hoffnung, sie würden vor der gewaltigen Ausgabe zurückschrecken. Immer wieder enttäuschte ihn die Hoffnung. Die Verleger bezahlten auch die unverschämtesten Honorare, in der Gewissheit, sie würden mit den Abenteuern des Detektivs noch viel gewaltigere Gewinne erzielen.

Dem jungen Autor aber stand der Sinn nach Höherem. Doyle wollte historische Romane schreiben, Bücher von literarischem Gewicht, keine Kriminalgeschichten. Stattdessen stand er im Zentrum eines weltweiten Phänomens, begünstigt von der Reichweite des Empire, von der Begeisterung der Amerikaner für alles Englisch, von der erstmals in Millionenauflage erscheinenden Massenpresse.

London trug Trauer, als Sherlock Holmes starb

Schließlich, 1893, ließ Doyle seinen Protagonisten im Kampf mit dem erzbösen Moriarty über die Reichenbachfälle bei Meiringen (Schweiz) stürzen. „Wenn ich ihn nicht getötet hätte, hätte er mich getötet“, teilte der Schriftsteller bestürzten Fans mit, die allen Ernstes mit Trauerflor durch London wanderten. Doch Holmes war nicht totzukriegen. Als Bezwinger des „Hundes von Baskerville“, als Held einer Reihe weiterer Kurzgeschichten schaffte er den Sprung ins 20. Jahrhundert und füllte dem Autor das Konto.

Bis zu seinem Lebensende erhielt Doyle an Holmes adressierte Briefe: „Das Verrückte ist ja, wie viele Leute es auf der Welt gibt, die völlig davon überzeugt sind, es handele sich um einen Menschen aus Fleisch und Blut. Ich hatte sogar Schreiben von Damen, die sich dazu auserwählt fühlten, Holmes’ Haushälterin zu werden.“

Der Mann selbst bleibt uns bis heute rätselhaft. Er hat keine Familie, außer Watson und der Haushälterin Hudson keine Freunde, trägt autistische Züge, führt ein finanziell unabhängiges Boheme-Leben mit Depressionen und Drogen. Interessiert sich weder für Literatur noch für Philosophie, hat keine Ahnung von Anatomie und höchstens rudimentäre Kenntnisse der Politik. Aber er spielt sehr ordentlich Geige, mit der Chemie kennt er sich aus, und Sensationsberichte über schreckliche Verbrechen archiviert er sorgfältig.

All diese Charakteristika des Helden demonstrieren die Kuratoren durch mit Zuneigung zusammengetragene Exponate. Zugleich feiert das Museum seinen Namensgeber: Ein wesentlicher Bestandteil der Holmes-Geschichten ist London allemal, vom „dritten Protagonisten“ spricht Alex Werner liebevoll: „Das London von Sherlock Holmes ist sowohl echt wie fiktiv“. Beweise? Die berühmte Wohnung in der Baker Street Nummer 221B zum Beispiel, eine Adresse in einer echten Straße, aber mit nicht-existenter Hausnummer.

Als Doyle zu schreiben begann, stand das Zentrum des britischen Empire auf dem Gipfel seiner Macht. Eine Weltstadt an der Schwelle zur ersten Globalisierung, keineswegs nur im Winter gehüllt in eine Smogwolke aus Ruß, Kohlenstaub und Schwefel. Der Nebel kommt freilich kaum vor in den Stories, warum auch? Holmes’ magisches Auge durchdringt schließlich alles.

Museum of London: bis 12. April.

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