Artfoyer Frankfurt

Bewegen und Täuschen

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Raffiniertes im Artfoyer der Frankfurter DZ-Bank in der Ausstellung „Bewegung im Bild“.

Warum Sandra Kranichs zwischen einer und zwei Minuten dauernde Videoarbeiten „Back“ heißen, wird schnell klar: Sie laufen rückwärts. Aber nicht im Sinne eines Stummfilm-Slapsticks. Vielmehr sind sie Kompositionen aus Formen und Licht, beziehungsweise Feuer und Rauch. Kranich malt mittels Objekten und Pyrotechnik, sie fotografiert die gezielten kleinen Explosionen oder nimmt eben den Vorgang auf Video auf. In den vier Arbeiten der Serie „Back“, die zur Zeit im Artfoyer der Frankfurter DZ-Bank zu sehen sind, eilt ein Flämmchen rückwärts, huschen Funken wieder unter eine quadratische Abdeckung, ent-breitet sich Rauch, schrumpfen schwarze Brandspuren wie weggewischt. „Bewegung im Bild“ heißt die aktuelle Themenausstellung im Artfoyer.

Auch der Franzose Patrick Raynaud zündelt und hält den Vorgang fotografierend fest. Seiner Reihe „Le Grand Iconoclaste“ liegen mit speziellen, grellfarbig abbrennenden Chemikalien getränkte Papiere zugrunde. Das wirkt auf den ersten Blick, als wäre man live dabei. Eine Moos-Art, Lycopodium clavatum, zündet der Schweizer Raphael Hefti in einem abgedunkelten Raum an, auf seinen so entstandenen Fotoarbeiten scheint gerade der Urknall stattgefunden zu haben oder glühende Lava von einem schwarzen Berg zu rinnen. Es glüht, leuchtet und wabert – obwohl es doch nur ein still an der Wand hängendes Bild ist.

Es ist einiges los in dieser Ausstellung. Und es wird viel geschummelt. Bei Marc Lüders („Objekt 709-7-2“) rast eine glänzende Sichel durchs fotografierte Bild, man sieht sogar ihren Schatten. Das Teil ist hineingemalt. Bei Isabel Muñoz erscheint der fliegende Rock einer Flamenco-Tänzerin wie ein noch nicht ganz entrolltes Farnblatt. Und an Timo Kahlens „Windphotographien“ besticht der Gegensatz zwischen Schärfe und Verwischung: von Baumkronen oder Ästen, denen man ansieht, wie sie im Moment der Aufnahme der Sturm oder auch nur ein lokaler Windstoß geschüttelt hat. Der Nachbarbaum steht manchmal ganz ruhig, der Stamm steht sowieso fest.

Was hier schon halb abstrakt wirkt, wird auf Peter Keetmans Schwarz-Weiß-Arbeiten vollends zum Muster: Ein „Winterwald“, von oben und aus ziemlicher Entfernung fotografiert, ein „Schneetreiben im Scheinwerferlicht“. Verwandt sind Detlef Orlopps ebenfalls schwarz-weiße Fotografien, die zum Beispiel einen steinigen, spärlich bewachsenen Hang, die Erde, Sand, Dreck zu Linien- und Faltenmustern machen. Schwer, hier die wahren Größenverhältnisse einzuschätzen, wenn die Natur zum abstrakten Gemälde wird.

Zu den verwirrendsten, faszinierendsten Werken aber gehört Beza von Jacobs’ „Water area“. Kreidefelsen mit Pfützen und Moosbewuchs? Nein, das kommt nicht hin. Ein besonders weißer Sand mit Ablagerungen? Auch nicht, bei näherer Ansicht. Ein Grönlandgletscher, teils aufgetaut, blauer Himmel darüber? Aber im Hintergrund meint man doch Schaumkronen zu sehen. Vielleicht eine Miniatur-, eine Modelleisenbahn-Landschaft?

Schon wärmer. Die polnische Malerin nämlich hat die Fotografie einer Daunendecke – diese war vorher sorgsam drapiert – bearbeitet und teils übermalt. Darauf werden wohl nur wenige Betrachter kommen, ohne im wie immer informativen Begleitheft zur Ausstellung nachzulesen.

In besonderem Maße ist dies eine Rätsel- und Rate-Ausstellung. Sie fordert heraus, sie macht Spaß, da die hier vertretenen Künstlerinnen und Künstler doch selbst Spaß am Spiel und an der Täuschung zu haben scheinen.

Artfoyer der DZ-Bank, Frankfurt:
bis 16. September. www.dzbank-kunstsammlung.de

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