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„Berührende Formen“: Ausstellung zu Johann Gottfried Schadow in Berlin – Zeit der Zärtlichkeit

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Von: Ingeborg Ruthe

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Doppelstandbild der Prinzessinnen Luise und Friederike von Preußen (Detail), 1795. Foto: Andres Kilger/SMB
Doppelstandbild der Prinzessinnen Luise und Friederike von Preußen (Detail), 1795. Foto: Andres Kilger/SMB © Nationalgalerie Berlin

Die Alte Nationalgalerie in Berlin widmet sich dem preußischen Klassizisten Johann Gottfried Schadow.

So sahen wir sie noch nie, diese Stein gewordene Anmut: die beiden Mädchen stehen vor verspiegelten Wänden. Da ist nichts Kapriziöses, keine zur Schau gestellte Pose. Ganz natürlich sind die von Meister Schadow 1795 in Gips – und zwei Jahre später in weißem, fein geäderten Carrara-Marmor – verewigten Prinzessinnen Luise (1776-1810) und Friederike (1778-1841) von Preußen dargestellt.

Das Duo wurde eine Ikone des Berliner, des europäischen Klassizismus schlechthin. Ein frühes Hauptwerk des preußischen Hofbildhauers und in diesem Umfeld die erste Doppel-Darstellung weiblicher Wesen, denen kein Herrscher-Ruhm, keine entschlossene Feldherren-Geste zukam und die auch nicht als mythische Allegorien zu dienen hatten. Bei Schadow konnten sie sie selbst sein. Seit der Antike war Grazie oder Anmut ein Begriff der philosophischen Ästhetik, als Form des Schönen, in Bewegung zum Ausdruck gebrachten. Der Bildhauer zeigte die Zärtlichkeit der Berührung, die geschwisterliche Zuneigung der Mädchen, denen das Schicksal sehr unterschiedliche Leben bestimmt hatte.

Johann Gottfried Schadow (1764-1850) wäre wohl dem Titel „Berührende Formen“ zugetan. Und auch deren konzeptioneller Präsentation, die Kuratorin Yvette Deseyve wagt: Unten im Vestibül, dem angestammten Platz der Prinzessinnen, steht nämlich eine farbige Pop-Variante des Düsseldorfer Bildhauers Peter Feldmann, mit rotlackierten Zehen. Und oben, im 3. Stock, erleben wir Luise und Friedrike als reale Schwestern – gespiegelt als Illusion.

Ringsum gibt es unzählige Bezüge, intensive und zarte: Auch Maler und Bildhauer seiner Zeit wählten Geschwistermotive zum modischen Ideal. Schadow, das sehen wir, war schon als junger Bildhauer genial und hatte auch den Mut, Neues auszuprobieren. Zudem war er Perfektionist. Er wollte, dass man – welch moderne Auffassung von Nahbarkeit! – um seine Skulpturen herumging, um jedes noch so kleine Detail als Teil des großen Ganzen ins Auge zu fassen: Schatten, Haltung, Faltenwurf. Für den hatte er sogar wochenlang Studien eines Mädchens im vom Wind zerzausten Kleid angefertigt. Auch muss ihm daran gelegen haben, die Unterschiede der Schwestern deutlich zu machen, den Gesichtsausdruck – ernst, mehr vom Leben wissend bei der Älteren, kindlich verträumt bei der Jüngeren. Von der großen Schwester, der das Amt als Königin bevorstand, fürsorglich umarmt.

„Berührende Formen“ ist eine Schadow-Retrospektive ganz anderer Art als die klassische Antike-Klassizismus-Rezeption. Sie erzählt vom zutiefst Menschlichem. Schadows Kunst zeigt Emotionen, abseits der „edlen Einfalt, stillen Größe“ – der strengen Winckelmann-Rezeption.

Schadows Werk und Leben zählen zu den am besten erforschten Kunstbereichen des 18./19. Jahrhunderts. In der Ausstellung genießt man in vollen Zügen seine lebensnahe, sinnliche Darstellungsweise, die sich in der fulminanten Wiedergabe des Stofflichen und der von ihm fast obsessiv erforschten, menschlichen Proportionen findet. So in den Skizzen und kleinen Bozzetti.

Natürlichkeit war sein Ziel, egal ob es sich um Gips, Marmor oder wie bei den einzeln in einer Vitrine gereihten Porträtköpfen der Prinzessinnen auch aus Terrakotta, Porzellan und Papiermaché handelt. Alles ist nahbar, nie entrückt. Diese beiden Teenager von fürstlichem Geblüt könnten, trügen sie Sommerkleidchen oder gar Jeans und T-Shirts der heutigen Mode, auch die beiden hübschen Schwestern aus dem Nachbarhaus sein.

Kaum vorstellbar, dass dieses Meisterwerk von Luises späterem Gatten König Friedrich Wilhelm III. als „fatal“ bezeichnet wurde und er es der Öffentlichkeit entzog. 1843 notierte Schadow resigniert, die Arbeit sei im Berliner Schloss „nur wenigen (...) noch in Erinnerung“. Noch um 1800 war er der Star unter Preußens Künstlern. Jahrzehnte später gingen die prestigeträchtigen Aufträge des Hofes an seine Schüler, so an Christian Daniel Rauch. Dieser bekam den Auftrag für das Denkmal Friedrichs des Großen, obwohl Schadows Entwurf exzellent war.

Zu neuer Wertschätzung Schadows kam es erst Anfang des 20. Jahrhunderts, insbesondere durch Hugo von Tschudi. Seither gilt Schadow als unbestrittener „Vater der Berliner Bildhauerschule“. Ihm kommt eine Schlüsselrolle in der Entwicklung der Bildhauerei in Deutschland und der damit untrennbar verbundenen Ideenwelt des europäischen Klassizismus zu. Die Prinzessinnengruppe wurde von 2020 bis 2022 aufwendig restauriert. Gleiches widerfuhr Schadows Quadriga von 1793 auf dem Brandenburger Tor, dem Wahrzeichen Berlins in einer öffentlich zugänglichen Werkstatt im Mauer-Mahnmal der Bundesregierung.

Beide Projekte sowie die in elf Kapiteln Leben und Werk beleuchtende Ausstellung geben Einblick in die Kunstfertigkeit und Produktionskraft der Bildhauerwerkstatt Schadows. Der Rundgang beginnt mit seinem „Jugendwerk“, 1788/90, dem marmornen Grabmal des schon als Knabe gestorbenen Grafen Alexander von der Mark, einem unehelichen Sohn Friedrich Wilhelms II. Besonders berührend an diesem architektonisch angelegten Gesamtwerk: die drei Göttinnen, die das Schicksal bestimmen.

Die Alte Nationalgalerie besitzt mit rund 150 Arbeiten den weltweit umfassendsten Bestand an plastischen Schadow-Werken. Zahlreiche Leihgaben bieten Einblicke in die Rezeption. Spannend ist der Bezug zu einem aus der Münchner Pinakothek geliehenen Gips-Abguss der antiken Ildefonso-Gruppe, dem Doppelbildnis der Zwillinge Castor und Pollux. Die umeinander gelegten Arme sind ein aus der Antike stammendes Symbol liebevoller Berührung. Als der junge Schadow 1785 nach Rom ging, um alte Formen zu studieren und seine eigene Bildformel zu suchen, muss er neben diesem Werk auch die legendäre „Zingarella“ gesehen haben, denn die Kinnbinde der antiken Büste findet sich wieder an Prinzessin Luises Hals.

Kuratorin Deseyve lässt die Schau mit einem Gruß an Schadow enden. Im Raum mit Werken der Schadow-Rezeption nach 1900 und bis heute hängt auch ein Gemälde der jungen Düsseldorfer Malerin Vivian Greven: Ein zärtlicher Farbhauch der Berührung – für einen Bildhauer, dessen große kunstgeschichtliche Leistung es war, Realität und Ideal zu versöhnen.

Alte Nationalgalerie, Berlin: bis 19. Februar. www.smb.museum

Schadow zeichnet Schadow, 1809/10. Foto: Volker H. Schneider/bpk/smb
Schadow zeichnet Schadow, 1809/10. Foto: Volker H. Schneider/bpk/smb © bpk / Kupferstichkabinett, SMB /

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