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"Der Kuss" (1908/1909) von Gustav Klimt.

Gustav Klimt

Der berühmteste Kuss

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Ein Frauenvergolder in prüder Gesellschaft: Heute vor 100 Jahren starb der Wiener Jugendstilmaler Gustav Klimt.

Jugendstil – lang, lang ist’s her. Um das Jahr 1900, es war die Zeit der sich vom Akademischen befreienden Sezessionen in der Kunst von Paris über London und München bis Wien, da hatte die nach einer an der Isar erscheinenden Zeitschrift benannte Bewegung ihren Durchbruch. 

All das, was heutzutage fast unerträglich kommerzialisiert an Wänden von Zahnarztpraxen, Kosmetikstudios, Cafés und Restaurants hängt und den Devotionalienhandel der Wiener Souvenir-Shops füllt, verwandelte einst als dekoratives Ornament, als kühne Arabeske und geschwungene florale, auch erotische Linie den gängigen Symbolismus zum viel freieren Jugendstil. Im Französischen heißt er „art nouveau“, im Englischen „modern style“. Er prägte Malerei, Plastik, Plakate, Schriftkunst und die Formgestaltung, heute sagt man: Design.

In Wien war zu jener Zeit Gustav Klimt der unumschränkte Hauptvertreter des europaweit wirkenden Stils, der anfangs noch „Sezessionsstil“ hieß. Der 1862 geborene und heute vor hundert Jahren verstorbene Maler stach heraus durch seine mosaikartige Malweise. Männerkleidung malte er aus Rechtecken, Frauengewänder aus Kreisen. Der Einfluss japanischer Vorbilder, die die Fläche statt die Perspektive betonen, ist nicht zu übersehen, Und er legte gar Blattgold auf die Details, die so kostbar byzantinisch wie gewagt-modern anmuten.

Ein Jahr lang, von 1907 bis 1908, malte Gustav Klimt am „Kuss“. Das Bild zeigt ihn selbst und seine Gefährtin Emilie Flöge, mit der er etliche Jahre am Attersee im Salzkammergut gelebt hat, eng umschlungen. Jetzt, anlässlich des 100. Todestages, ist das Gemälde umgezogen, vom West- in den Ostflügel des Wiener Belvedere. Fast geht es dem unersetzlichen Meisterwerk so wie Leonardos „Mona Lisa“ im Pariser Louvre. Das Motiv kam – man weiß ja nie! – in eine Schutz-Vitrine aus Stahl und aus Panzerglas. Ob Klimt das gewollt hätte?

 Seinerzeit war er so bewundert wie umstritten; seine Bilder sorgten anfangs für einige Skandale in der prüden Wiener Gesellschaft, etwa die Zeichnungen, in denen er freigeistig „die Lust der Frau“ bei der Selbstbefriedigung darstellte. Gleichwohl ließen Bankiers und Industrielle ihre Frauen von ihm malen. 

Nach seinem Tod war Gustav Klimt für Jahrzehnte fast vergessen. Der Expressionismus, befördert von den Gräueln, Verwerfungen, Nöten des Ersten Weltkrieges, lief dem luxuriösen Jugendstil bald den Rang ab. Heute indes ist Klimts Malerei Publikumsmagnet, in Wien wie in der Neuen Galerie in New York. Dort ist die als „NS-Raubkunst“ aus dem Belvedere an die Klimt-Erbin Maria Altmann restituierte und per Auktion für 100 Millionen Euro an Sammler Lauder und die Neue Galerie NY gegangene „Frau in Gold“ (Adele Bloch-Bauer) der legendäre Star.

Zurück nach Wien: In der Österreichischen Galerie Belvedere hat man den Verlust verschmerzen müssen. Da befindet sich die mit 24 Gemälden weltweit größte Klimt-Sammlung. Und so beleuchtet die Gedenkschau ein Missverständnis. Klimts vielzitiertes strapaziöses Verhältnis zu den Frauen: Er war gar kein Casanova, so die neueste Erkenntnis der Klimt-Forschung: Der wortkarge Frauen-Vergolder war eher ein Frauenversteher. Keine seiner Gefährtinnen, keines seiner Modelle, teils Mutter seiner unehelichen Kinder – hat je Schlechtes über ihn gesagt.

Klimt stammte aus ärmlichen Verhältnissen. Als junger Maler gründete er mit seinem Bruder Ernst und Franz Matsch eine Künstlerkompanie. Das Trio orientierte sich am Zeitgeschmack. Mit dem Auftragswerk der „Fakultätsbilder“ zu Philosophie, Medizin und Jurisprudenz indes schockte er die Öffentlichkeit mit surreal-symbolistischen Formen. Ein Knochenmann bedient eher den „Triumph des Todes“, denn den Fortschritt der Medizin. Es kam zum Streit mit seinen Auftraggebern. 

Fortan verzichtete Klimt auf öffentliche Aufträge, aber das jüdische Großbürgertum sicherte ihm, der den Antisemitismus vieler Österreicher verachtete, durch Porträtaufträge die Existenz. 
Ein Schlaganfall mit darauffolgender Lungenentzündung machte dem Schaffen des knapp 56-Jährigen, neun Monate vor dem desaströsen Finale des Ersten Weltkrieges, ein Ende. Der Nachwelt hinterließ er die undatierte Notiz: „Von mir gibt es kein Selbstporträt.“ Was so nicht ganz stimmt, denn im „Kuss“ stilisierte er sich ja doch selbst und auch in einem Deckenfresko setzte Klimt sich als Randfigur ins Bild.

Das indes hindert den Rheinischen Superfälscher Wolfgang Beltracchi, der längst wieder ein freier Mann ist, nicht, dieses angeblich nie gemalte „Selbstporträt“ in stellvertretender Anmaßung und mit ölfarbenem Pathos nachzuliefern. Das nun hätte auch Klimts Wienerischen Schmäh-Humor überstrapaziert.

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