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Im Bode-Museum, hier ein heiliger Bischof von 1515, sollen ab 2016 die Skulpturen in Dialog mit den Meisterwerken der Gemäldegalerie treten.
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Im Bode-Museum, hier ein heiliger Bischof von 1515, sollen ab 2016 die Skulpturen in Dialog mit den Meisterwerken der Gemäldegalerie treten.

Gemäldegalerie

Der Berliner Bilderumzug

Moderne in die Gemäldegalerie, Alte Meister ins Bode-Museum: Ein visionärer, aber hoch riskanter Plan.

Von Sebastian Preuss

Das hat es noch nirgendwo gegeben: Eine voll funktionstüchtige, herrlich erhabene Gemäldegalerie, eine der besten und schönsten der Welt und gerade erst vor vierzehn Jahren mit großem Pomp eingeweiht, soll aufgelöst, ein Teil ihrer Werke ins Depot verbannt werden. Seit vor zwei Wochen Kulturstaatsminister Bernd Neumann durch den Nachtragshaushalt überraschend zehn Millionen auftat und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz dieses Vorhaben ankündigte, ist für viele Kunstfreunde die Welt nicht mehr in Ordnung.

Der große Frankfurter Kritiker Eduard Beaucamp etwa begleitete nach 1989 intensiv die Wiedervereinigung der Alten Meister; bei jedem Hauptstadtbesuch pilgert er in die Galerie am Kulturforum, jedes Bild kennt er dort. Jetzt ist der sonst so rheinisch frohgesinnte Kunstliebhaber außer sich vor Wut und würde am liebsten alle beteiligten Politiker und Museumsbeamten in die Wüste schicken. Er erzählt von prominenten Kunsthistorikern, die bei ihm fassungslos anrufen. Sie werden die Gemälde zu ihren Lebzeiten nicht mehr sehen, fürchten sie.

Das muss sich ein Land leisten können: Für über eine halbe Milliarde plant es in einer Schloss-Attrappe samt immer noch wolkigem Konstrukt einer halbmusealen Mischnutzung, und während dieser unverdauliche Riesenkloß im fiskalischen Bauch der Republik noch nicht einmal richtig aufgegangen ist, wird schon das nächste Großprojekt hinterher geschoben. Dafür sind am grünen Tisch eben mal 150 Millionen veranschlagt. So viel soll ein Erweiterungshaus gegenüber dem Bode-Museum kosten.

Man muss ein wenig ausholen, um die Gemengelage zu verstehen, warum dieses Unternehmen nicht so unsinnig ist, wie es zunächst erscheint. Der Neubau an der Museumsinsel würde die vollständige Zusammenführung der alteuropäischen Gemälde und Skulpturen erlauben. Die am Kulturforum viel zu schlecht besuchten Alten Meister kämen wieder dorthin, wo sie einst waren: in den Kontext des "deutschen Louvre" auf der Museumsinsel.

Die verführerische Vision: ein großes gattungsübergreifendes Panorama vom dritten nachchristlichen Jahrhundert bis in die Zeit um 1800. Byzanz, die Romanik und die südalpinen Schulen in den kaiserzeitlichen Prachthallen des Bode-Museums; die nordalpine Kunst im modernen Neubau am anderen Ufer, verbunden durch einen Laufgang entlang der Stadtbahn. Ideal ist die Aufteilung nicht, aber dafür würden Bilder und plastische Werke, Botticelli und Donatello, Dürer und Riemenschneider, Caravaggio und Bernini gemeinsam ihre Epochen darstellen, so wie es noch kein Museum der Welt realisiert hat.

Der Samt muss weg

Doch diese Wurst hat zwei Zipfel. Am anderen Ende der Umzugswelle - der "Rochade", wie sie die Berliner Museumsleute nach dem Doppelzug im Schach gerne nennen - steht die Neue Nationalgalerie am Kulturforum. Deren Sammlung des 20. Jahrhunderts ist seit vielen Jahren nur in kleinen Ausschnitten zu sehen, ja immer wieder verschwand sie für große Ausstellungen ganz im Depot. Es ist der drängendste Museumsnotstand in der Stadt, eigentlich unfassbar, dass er so lange geduldet wurde: Menschen aus aller Welt kommen nach Berlin, in eine der fruchtbarsten Metropolen der Moderne, und können nichts von dem tollen Dix-Bestand sehen, weder Kirchners "Potsdamer Platz" noch Grosz’ "Stützen der Gesellschaft", keinen Munch und keinen Hodler, derzeit auch nicht Beuys oder den berühmten Farbfeldaltar Barnett Newmans.

Dieser Missstand soll nun im Gebäude der Gemäldegalerie endlich behoben werden. In 59 Sälen, auf über 7000 Quadratmetern kann Berlin erstmals eine Galerie des 20. Jahrhundert erhalten, einen ausführlichen Rundgang von den Avantgarden um 1900 bis zur Pop Art. Integriert werden Teile der Marx-Sammlung aus dem Hamburger Bahnhof (vor allem Warhol, Twombly und Beuys) und die einzigartige Surrealisten-Kollektion, die die Berliner Sammler Ulla und Heiner Pietzsch vor anderthalb Jahren als Schenkung angekündigt haben. Ihre einzige Bedingung: Die Werke dürfen nicht ins Depot.

Dem Ehepaar ging es nie um ein Pietzsch-Museum, sondern die beiden sehnen sich, wie viele Berliner und Besucher, nach einem ausführlichen Rundgang durch das Jahrhundert, in das ihre Bilder eingebettet sind. Im Mies-van-der-Rohe-Bau der Nationalgalerie wäre das nie zu verwirklichen. Mit sanftem Geschick , ohne Eigennutz haben die Pietzschs ihren Schatz als kulturpolitischen Pfand eingesetzt. Die Strategie ist aufgegangen: Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Minister Neumann waren unter Druck, den Doppelumzug, den es als Vision schon seit 1999 gibt, endlich auf den Weg zu bringen.

Mit den bereitgestellten zehn Millionen will die Preußen-Stiftung den Bau der Gemäldegalerie bis 2016 für die Kunst des 20. Jahrhunderts umrüsten. Vor allem die Samtbespannung stört und für die Installationen der Nachkriegszeit muss man wohl die klassischen Sockel unsichtbar machen. Dafür sollen die Alten Meister ausziehen. Rund 500 der jetzt ausgestellten 1000 Bilder - 500 weitere sind in der Studiengalerie - werden in einer "verdichteten" Form gemeinsam mit einem Konzentrat der Skulpturensammlung im Bode-Museum zu einem Parcours der Höhepunkte komponiert. Auch die Plastik muss bis zur Fertigstellung eines Neubaus am Kupfergraben zur Hälfte ins Depot.

Scheitern nicht vorgesehen

Es ist ein visionärer Plan - und derzeit wohl der beste machbare. Natürlich gäbe es Alternativen: etwa aus dem Pergamonmuseum die islamische Kunst ins Humboldt-Form zu versetzen und den dadurch freiwerdenden Nordflügel als Erweiterung des benachbarten Bode-Museums zu nutzen. Dieses und andere Denkmodelle sind in der Preußen-Stiftung aber tabu. Und dann der heikelste Punkt: Dürfen die Museen ihrem Publikum für zehn oder noch mehr Jahre eine halbe Gemäldegalerie und eine halbe Skulpturensammlung vorenthalten? Und noch problematischer: Was, wenn sich die Politik irgendwann vom Erweiterungsbau, der noch nicht einmal in Planung ist, verabschiedet?

Hermann Parzinger, der Präsident der Preußen-Stiftung, hat Recht: Die Rochade als durchfinanziertes Gesamtpaket wird der Bund in Zeiten der Krise niemals servieren. Wer da nicht beherzt den ersten Schritt tut, wird überhaupt nichts erreichen. Aber die Stiftung geht ein enormes Risiko ein. Zwei halbe Museen von Weltrang auf derzeit nicht absehbare Zeit ins Depot - wer übernimmt die Verantwortung, wenn der große Plan scheitern sollte?

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