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Berlin Biennale: Wie die Kunst Diskurslücken füllt

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Von: Claus Leggewie

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Taysir Batnijis „Suspended Time“ steht sinnbildlich für die fixierte Unendlichkeit und ist auf der Berlin Biennale zu sehen. Foto: Silke Briel
Taysir Batnijis „Suspended Time“ steht sinnbildlich für die fixierte Unendlichkeit und ist auf der Berlin Biennale zu sehen. © Silke Briel

Rundgang durch die Erinnerungsarchive der zwölften Berlin Biennale, die forensische Querverbindungen zieht.

Die von Kader Attia und seinem Team kuratierte Berlin Biennale 12 wird zu Recht gelobt für gut komponierte Themenblöcke und forensische Querverbindungen, die auf postkoloniale Oberflächlichkeit verzichten und bei aller Dunkelheit vieler Einzelarbeiten eine dekoloniale und planetare Perspektive eröffnen. Sechs Arbeiten seien herausgegriffen, die nicht zuletzt davon inspiriert sind, dass Attia auf sein Herkunftsland Algerien verweist, das für die meisten Europäer eine Leerstelle im europäischen Gedächtnis darstellt, welches wiederum große Lücken zur Kolonialgeschichte aufweist.

Dazu präsentiert gleich im ersten Saal der Akademie der Künste am Pariser Platz der Berliner Künstler Moses März „Mind Maps“ (2021-22), große Plakatwände, die von der „relationalen Imagination“ des aus der Karibik stammenden Schriftstellerphilosophen Edouard Glissant inspiriert sind. Auf ihnen hat der auch in Afrika tätige Künstler mit der Hand Pfeile, Linien, Bilder und Zitate eingetragen, die in ausholende Geflechte verzweigt die Wechselwirkungen und Konfliktzonen zwischen den Kulturen der Welt sichtbar machen. März zeigt Einflüsse, Aneignungen und Adaptionen in literarischen wie musikalischen Narrativen, zum Teil weltumspannend, zum Teil geerdet in Berliner Topologien, womit sich neue Gemeinschaften bilden können. Das setzt die Restitution kolonialer Raubgüter voraus, zeichnet aber auch ohne falsche Harmonie eine differenzsensible Weltgesellschaft vor.

Die toxischen Kehrseiten solcher Vernetzungen zeigt im Hamburger Bahnhof die Installation „Shifting collectives“ (2022) des Mathematikers David Chavalarias vom Pariser Institut des Systèmes Complexes, die konspirative Gruppen- und Blasenbildungen via Twitter-Kurznachrichten sichtbar und die Dauererregung im Netz durch auf- und abschwellende Zwitscherchöre auch hörbar macht. Mit jeder per Hand eingetippten und algorithmisch vervielfachten Mitteilung verklumpen sich identitätsbildende Pole, die auf die Bekräftigung der eigenen Meinung abzielen und so gut wie nie auf die Überzeugung Andersdenkender.

Chavalarias’ Quellenmaterial sind Twitter-Meldungen der vergangenen fünf Jahre, die er nach Autorschaft und Thematik geclustert hat. Was er in seinem kürzlich erschienenen Sachbuch „Toxic Data“ (Flammarion) dargelegt hat, machen hier ein Video und ein Zeitstrang anschaulich, insbesondere die Störmanöver der Putin-Trolls und der US-amerikanischen Alt-Right zugunsten der extremen Rechten in Frankreich. Besonders ansteckend war das Ideologem des „Großen Austausches“, womit das obskure Pamphlet des ultrarechten Schriftstellers Renaud Camus von 2011 massenwirksam wurde, via AfD-Propaganda ja auch in Deutschland. Ähnlich verhielt es sich mit dem von der radikalen Linken propagierten „Islamo-gauchisme“, der jede Kritik am muslimischen Glauben als Islamphobie wertet.

Einige Kojen weiter ruft der in Ho Chi Minh Stadt lebende Tuan Andrew Nguyen auf fünf Leinwänden verdrängte Kolonialvergangenheit in Erinnerung. In „Specter of Ancestors Becoming“ (2019) collagiert er drei beispielhafte Lebensgeschichten auseinandergerissener binationaler Familien. Senegalesische „tirailleurs“, wie die in Westafrika rekrutierten Soldaten genannt wurden, kamen im Indochinakrieg zum Einsatz; einige heirateten vietnamesische Frauen, verließen sie und nahmen die Kinder mit nach Afrika. Eindrückliche Dialoge stellen die unterbliebene Weitergabe von Erinnerungen zwischen drei Generationen her, die allesamt Opfer des französischen Kolonialismus wurden.

„Grand tableau antifasciste collectif“ entstand 1960. Foto: Jean-Jacques Lebel/ADAGP; 2018 Photo/DR
„Grand tableau antifasciste collectif“ entstand 1960. Foto: Jean-Jacques Lebel/ADAGP; 2018 Photo/DR © Jean-Jacques Lebel/ADAGP; 2018 Photo/DR

Zu welchen Untaten koloniale und imperialistische Machthaber fähig waren, zeigen diverse forensische Arbeiten in der Akademie der Künste am Hanseatenweg. Land wurde besetzt und angeeignet, geplündert und zerstört, die Menschen vertrieben; oder sie wurden gar als Versuchsobjekte eines atomaren Fallouts missbraucht, wie die Arbeiten des in Algier lebenden Ammar Bouras zeigen, die Fotocollage „2403’55‘‚N 503’23‘‚E“ (2012/22) und das Video „Traces“ (2022).

Das Video rekonstruiert den sogenannten „Beryll-Unfall“, einen missglückten unterirdischen Atomtest in einer für den Abbau von Mineralien genutzten Bergregion nahe dem Wüstenort In-Ekker, wo am 1. Mai 1962 hochradioaktives Material an die Oberfläche trat. Das französische Militärpersonal, darunter Verteidigungsminister Pierre Mesmer, wurde rasch ausgeflogen, während die Bevölkerung der entlegenen Zone jahrzehntelanger Strahlung ausgesetzt blieb, viele starben vorzeitig an Krebs.

Die Kontinuität des Landraubs und der Naturzerstörung bis in die Gegenwart zeigen auch andere Arbeiten in den Akademiesälen, etwa zur illegalen Besiedlung Palästinas. Die Künstlergruppe Forensic Architecture ist mit einschlägigen Arbeiten ebenso präsent wie Susan Schuppli, die Direktorin des Centre for Research Architecture am Londoner Goldsmiths College, die skandalöse Cold Cases aufdeckt, unglaubliche, bisher unaufgeklärte und ungesühnte Fälle des Einsatzes von Unterkühlung als Waffe gegen Indigene und Flüchtlinge.

In den Kunstwerken, die sich den Themen Krieg und Genozid und dabei insbesondere deren verheerenden Folgen für Frauen widmen, rückt Attia den 8. Mai 1945 ins Zentrum. Für das westliche Europa bedeutete dieser Tag Befreiung, für die algerische Kolonie hingegen weitere Unterdrückung, ohne jede Anerkennung für den Einsatz der Kolonialsoldaten im Krieg gegen Hitlerdeutschland. Aufmärsche für die Unabhängigkeit in Sétif und Guelma endeten in einem Massaker, der neun Jahre später beginnende Befreiungskrieg brachte noch mehr Vertreibungen, Deportationen, Flächenbombardements und nicht zuletzt Folter und Vergewaltigung.

Eines der Opfer war Djemila Boupacha, die schuldlos eingesperrt war und erst durch die prominente Unterstützung der Anwältin Gisèle Halimi und Simone de Beauvoirs freikam, Pablo Picasso malte ihr Porträt. Dieser kleinen Zeichnung korrespondiert ein großformatiges Gemälde, das „Grand Tableau antifasciste collectif“ (1960), das ein Künstlerkollektiv unter Anleitung von Jean-Jacques Lebel zum Fall Boupacha angefertigt hat. Beteiligt waren der Isländer Erró und die Italiener Enrico Baj, Roberto Crippa, Gianni Dova und Antonio Recalcati, die in Crippas Atelier parallel an diversen Motiven faschistischer Gewalt arbeiten.

Die Details des Tableaus, das nur auf den ersten Blick an Picassos „Guernica“ erinnert, sind heute schwer zu entschlüsseln, während sie um 1960 noch spontan einleuchteten und die Polizei das Bild 14 Tage nach seiner ersten Ausstellung in Mailand abnehmen und verschwinden ließ. Es tauchte erst 27 Jahre später wieder auf und war 2008 unter anderem in Algier zu sehen.

Dort betrachtete es auch die siebzigjährige Djamila Boupacha, worin Lebel den Beweis sah, dass Kunst zu etwas nütze sein kann. Lebel ist auch vertreten mit der schockierenden Installation „Lösliches Gift. Szenen der US-amerikanischen Besatzung in Bagdad“ (2013). Auch hier verschwimmen die Grenzen der bildenden Kunst zur juristischen Investigation, moralischen Anklage und politischen Reparation.

Mein Rundgang durch die Biennale-Standorte endet im einstigen Stasi-Hauptquartier in der Normannenstraße mit dem etwas überladenen Video „The Fall of The Hero“ (2020). Der in Istanbul ansässige Hasan Özgür Top ruft darin die Ursprünge imperialen Denkens im Römischen Reich auf, an die nicht zufällig (genau wie schon der italienische Faschismus) der hier einmal ganz ikonophile IS anknüpft, ironischerweise mit der Schrifttype Trajan, die die banausischen Gotteskrieger aus einschlägigen Hollywood-Blockbustern abgekupfert haben. Dieses transkulturelle Bildmanagement stützt Aufrufe für ein neues Khalifat, die in den 1990er Jahren auch in Algerien zu einem grauenhaften Bürgerkrieg zwischen Dschihadisten und Armee geführt haben.

Berlin Biennale for Contemporary Art: bis 18. September. www.berlinbiennale.de

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