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Ausstellung in den Rüsselsheimer Opelvillen

Berichte aus der Verlustzone

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Die Ausstellung "Kunst zur Arbeit" zeichnet nach wie das Arbeitsleben den Menschen formt. Dazu hat die litauische Fotografin Ramuné Pigagaité Menschen aus ihren Geburtsort fotografiert. Von Sylvia Staude

Jetzt, da die Dinge in der Opelstadt Rüsselsheim ins Wanken geraten, ist vielleicht der genau richtige Zeitpunkt, um in den Opelvillen eine Ausstellung auszurichten mit "Kunst zur Arbeit". Sicher hat die Kuratorin Beate Kemfert sie schon lange vorbereitet, aber die Schau kommt doch wie gerufen. Denn "Kunst zur Arbeit" denkt darüber nach, wie das, was einen großen Teil eines Erwachsenenlebens ausmacht, den Menschen formt und verändert - auch äußerlich, wie schon Sherlock Holmes wusste, der es liebte, von körperlichen Merkmalen auf den Beruf eines Fremden zu schließen. Es wird relativ wenig darüber gesprochen und geschrieben, wie und was das ist, arbeiten, jedenfalls im Vergleich zu der Zeit, die wir damit zubringen.

Dabei faszinieren selbst winzige Einblicke in Arbeitswelten, mit denen man sonst keine Überschneidungen, von denen man fast keine Kenntnis hat. Ramuné Pigagaité hat in ihrem litauischen Geburtsort Varena "Die Menschen meiner Stadt" fotografiert und zeigt sie als stolze Berufsbesitzer: Einen Feuerwehrmann in Schutzkleidung, mit einem Hammer in der Hand. Eine etwas bedröppelt wirkende Bahnhofswärterin mit Signalschild. Eine streng blickende Schneiderin mit Maßband, Schere, Bügeleisen. Einen Kammerjäger, der eine tote Maus am Schwanz hält. Eine rotwangige Bäckerin, die ein sehr dunkel gebackenes Brot in der Schürze hält und ein wenig müde wirkt. Die Brotfabrik, in der sie arbeitete, hat inzwischen Konkurs angemeldet.

Pigagaité hat ihre Modelle alle vor der gleichen schlichten hellgrauen Hauswand abgelichtet, sie hebt sie damit in eine Art Allgemeingültigkeit, macht sie zu Prototypen ihres Berufs.

Es sind überwiegend alte Menschen, die auf diesen Bildern zu sehen sind - oder jedenfalls in ihrer Arbeit vorzeitig Gealterte. Viele dieser Berufe sind auch in Litauen am Aussterben, Melancholie liegt über den Porträts, manchmal auch eine leise, nie böse Komik.

Eine weit modernere Arbeitswelt zeigt dagegen der Finne Tuomo Manninen, er stellt stets mehrere Arbeiter oder Angestellte in ein Panorama ihres beruflichen Umfelds, Metzger in eine moderne Schlachterei, Transportbänder laufen an der Decke entlang, Opelarbeiter (in Bochum) gruppieren sich um ein blitzblanke Fertigungsstraße. Manninen interessiert auch, wie sich der Einzelne in Arbeitsgruppen arrangiert.

Zwei Künstlerduos mit den schönen, Arbeitswelt suggerierenden Namen "Empfangshalle" (Corbinian Böhm, Michael Gruber) und "Reinigungsgesellschaft" (Martin Keil, Henrik Mayer) haben Aktionen im öffentlichen Raum dokumentiert, in Videofilmen vor allem und Fotografien.

Empfangshalle haben für ihr Projekt "Woher Kollege Wohin Kollege" einen Müllwagen als Wohnwagen ausgestattet, dann einzelne, zumeist ausländische Müllmänner gebeten, damit in ihre Heimat zu fahren. So sieht man nun "Andreas in den Alpen" oder einen Münchner Müllwagen vor dem "Hipodrom Zobnatica". In einem Dokumentarfilm sieht man die Familien der Müllarbeiter, die Männer erzählen vom Leben in der alten Heimat und im neuen Land.

Reinigungsgesellschaft haben die Bürger von Leipzig ein wenig gereizt. Im Arbeiterviertel Plagwitz haben sie neue Straßenschilder montiert (jeweils direkt unterhalb der offiziellen): "Straße der fleißigen Künstler" steht da zum Beispiel, "Straße der Schattenwirtschaft", "Allee der Gemeinnützigkeit", "Straße der Kapitalflucht".

Den Grimm eines Anwohners erregte die "Verlustzone", er forderte die Künstler auf, das Schild gefälligst vors Kanzleramt zu hängen. Und die "Straße der Selbstverwirklichung" provozierte den Kommentar: "Wenn ich keinen Job habe, wie soll ich mich da selbst verwirklichen?"

Es gibt Menschen, die die Arbeitslosigkeit nicht als Problem sehen müssen. Die meisten aber, auch Künstler, müssen sehen, wie sie Geld verdienen. Auf lustig-melancholische Weise hat Antje Schiffers in "Hauptsache man hat Arbeit" dokumentiert, was sie bei ContiTech als "Werkskünstlerin" so alles getan hat: "Meine Bewerbung wurde angenommen", schreibt sie. "Ich sei damit nicht Angestellte der ContiTech, sagt Herr Timm, und das sollte ich auch nicht behaupten. Es sei eine sensible Sache mit der Kunst im Betrieb." Sie malt nun auf Bestellung, den Hannover-Messe-Stand der Firma in Öl und für den Koch der zweiten Kantine eine Landschaft an die Speiseraum-Wand. "Ich male lange an dem Gebirge. Zehn Meter ist es breit ...". Zum Dank bekommt sie gebratenes Hähnchen, offenbar ein den Angestellten selten gewährtes Gericht.

Die ContiTech-Mitarbeiter und die Künstlerin: zwei Arbeitswelten, die sich freundlich begegnen. "Die Kollegen sind sehr nett", schreibt Kunst-Dienstleisterin Antje Schiffers, "Hauptsache, man hat Arbeit, sagt einer und klopft mir auf die Schulter."

Opelvillen Rüsselsheim: bis 6. September. www.opelvillen.de

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