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Dorothy Iannone, „Vive la Difference“, 1979.

Ausstellung

Der Beifang von Geschichte und Material

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Die Künstler der Ausstellung „And Berlin Will Always Need You“ machen den Gropius-Bau selbst zum Thema.

Seit seiner Wiedereröffnung im Jahre 1981 haben sich die im Martin-Gropius-Bau ausgestellten Kunstwerke immer auch ein Stück weit gegen das imposante Gebäude zu Wehr setzen müssen. Gegenüber der Strahlkraft des zentralen Lichthofes schien manch eine Skulptur oder Installation seltsam zurückgesetzt. Die Verbindungslinien zur Geschichte des Hauses, wie unscharf sie auch gezogen sein mochten, blieben immer gegenwärtig.

Für ihre Gruppenausstellung „And Berlin Will Always Need You“ haben die Kuratorinnen Natasha Ginwala und Julienne Lorz diese hervorgehoben. Für ihre Arbeit „Beyond memory“, die eine Art Vorwort zu der Schau darstellt, hat die aus Japan stammende, seit 1997 in Berlin lebende, Künstlerin Chiharu Shiota ein riesiges, weißes Netz unter die Decke des Lichthofes gespannt, das die Besucher wie unter einen Baldachin des verborgenen Wissens bittet. Der Beifang des Netzes nämlich besteht aus Kopien von Buchseiten, die, so jedenfalls die hinzugefügte Information, von der Geschichte des Martin-Gropius-Baus erzählen. Architektonische Zeichnungen, künstlerische Darstellungen und Texte über das Gebäude der Architekten Heino Schmieden und Martin Gropius, einem Großonkel des späteren Bauhausarchitekten Walter Gropius, das 1867 ursprünglich als Kunstgewerbemuseum mit angeschlossener Lehrinstitution eröffnet worden war.

Das assoziative Netz, das aus Shiotas Gewebe hervorgeht, bildet die Leitidee zu der im buchstäblichen Sinne einladenden Kunstschau im Gropius-Bau, den sich Stephanie Rosenthal, die seit einem Jahr dort tätige Direktorin des Hauses, so weit wie möglich zu öffnen vorgenommen hat. Das gilt zunächst einmal architektonisch. Mit dieser Ausstellung zeigen sich auch das Museumscafé und der Buchladen erstmals in neuer Gestalt. Hohe Räume, sparsam-edles Kacheldesign, ein wenig Kantinenatmosphäre mit Verweis auf Schlachthofassoziationen, aber sorgsam mit kunsthandwerklicher Finesse veredelt.

Die insgesamt 17 ausstellenden Künstlerinnen und Künstler beschäftigen sich auf sehr unterschiedliche Weise mit Handwerk und Material – dekorative Formen, Verweise auf Produktionsprozesse in Manufakturen und künstlerische Spielarten von alledem.

Was auf den ersten Blick aussieht wie die Kostümständer zu einer Haute-Couture-Schau in Paris, entpuppt sich als eine Kleiderschau mit politisch eingenähten Botschaften. Alice Creischer, Andreas Siekmann und die „Arbeiter*innen von Brukman“ beziehen sich in ihrer Arbeit auf eine Fabrikbesetzung in den 90er-Jahren in Argentinien. In die Textur der Anzüge ist die Geschichte einer politischen Gegenwehr gewissermaßen eingewebt.

Diffuse Knäuel im Raum

Das Zusammenspiel von Technischem und Organischem beschäftigt die aus Seoul stammende Künstlerin Haegue Yang. Ihre Wandtapeten laden geradezu zum Anfassen ein – keine Ahnung, was die Museumswärter dazu sagen –, verstören aber wie die sogenannten Intermediates, die als diffuse Knäuel den Raum bevölkern und an rituelle Praktiken erinnern, durch ihre Fremdheit. Mitunter behauptet Kunst als gehobene Verklärung des Gewöhnlichen eine historische Materialität, die frei erfunden ist. So zum Beispiel die Holzobjekte von Katarina Ševic, die durch ihre feine Lasur an bourgeoise Möbel erinnern, auf den zweiten Blick aber nach einer Auseinandersetzung mit politischen Symbolen verlangen.

Der Titel der Ausstellung ist einem Lied entnommen, das die seit 1976 in Berlin lebende amerikanische Künstlerin Dorothy Iannone einer Freundin gewidmet hat. Heute darf man es als Botschaft an die große Zahl in Berlin lebender Künstler verstehen, die in den letzten Jahren in Berlin Arbeits- und Ausstellungsmöglichkeiten gefunden haben. Ob sie auch künftig noch gebraucht werden, entscheidet nicht allein der Kunst-, sondern auch der Immobilienmarkt. Wie an Wohnungen mangelt es inzwischen auch an Ateliers.

Gropius-Bau, Berlin: bis 16. Juni. www.berlinerfestspiele.de

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