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„Die Schule von Athen“ von Raffael.

Renaissance

Die beiden Raffaels: Zum 500. Todestag des großen Renaissancekünstlers

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Der Maler der lieblichen Madonnen ist der eine. Er liefert gerne, was gebraucht wird. Der andere ist ein Renaissancekünstler. Zum 500. Todestages Raffaello Sanzio.

Raffael (1483-1520) soll am Jahrestag seiner Geburt, am 6. April gestorben sein. So schreibt Giorgio Vasari, dem wir fast alles verdanken, was wir über die italienischen Architekten, Bildhauer und Maler der Renaissance wissen. Zu deren Dreigestirn gehören noch Leonardo da Vinci (1452-1519) und Michelangelo Buonarroti (1475 – 1564). Die drei pflegten eine die Geschichte der Kunst umwälzende Rivalität. Es ging einerseits um Aufträge, also um Geld. Andererseits aber ging es auch darum, Größeres, Bedeutungsvolleres zu machen als die anderen. Als Michelangelo 1504 in Florenz einer staunenden Öffentlichkeit seinen aus einem fünf Meter hohen Marmorblock herausgehauenen David präsentierte, war allen sofort klar, dass die moderne der klassischen Kunst der Antike ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen war. Daran änderte sich auch nichts, als 1506 in einem römischen Weingarten der „Laokoon“ gefunden wurde. Bei seiner Bergung war Michelangelo dabei. Nur zur Erinnerung: 1503 bis 1506 war Leonardo mit der Mona Lisa beschäftigt.

Renaissance sah sich im Wettbewerb

Es wäre ganz falsch, die Renaissance als nichts als die „Wiedergeburt“ der Antike zu betrachten. Dergleichen hatte es immer wieder gegeben. Die Anspielung auf antike Bildideen, Welt- und Naturvorstellungen hatte es immer gegeben. Manche antiken Autoren hatten niemals aufgehört, zur Tradition zu gehören. Vergessen wir nicht: das Christentum war eine antike Religion. Die freilich immer wieder den Wahn pflegte, schon weil sie Christentum war, der heidnischen Antike überlegen zu sein. Die Renaissance sah sich nicht in dieser Tradition. Sie sah sich im Wettbewerb. Ihr ging es ums Übertrumpfen, um den Triumph. Und zwar gerade in den Disziplinen, in denen die Alten geglänzt hatten. Früchte so täuschend echt zu malen, dass Vögel auf das Bild zuflogen, um sie sich zu schnappen, war wieder ein Ziel der Kunst. Kraft, Stärke, Energie wurden wieder zu Kategorien, nach denen nicht nur Herrscher, sondern auch Künstler und Kunstwerke beurteilt wurden.

„Madonna del Granduca“ (um 1504/05) von Raffael.

Der Raffael, den wir alle kennen, hat damit fast nichts zu tun. Der malt unentwegt in immer neuen Varianten die Madonna mit dem Kind. Liebliche, ein wenig sehr junge Frauen mit herzigen Jesuskindern oder gar – wie bei der Sixtinischen Madonna in Dresden – mit zwei Putti, die seit fünfhundert Jahren Millionen Betrachter entzücken.

Es ist dieser Raffael, der als einer der bedeutendsten Maler der Weltgeschichte gilt. Ich habe immer noch nicht herausgefunden, wie es zu diesem, die Jahrhunderte übergreifenden Erfolg kam. Mein Verdacht ist: Raffael, der zwar schon 1520 starb, ist der Säulenheilige der Gegenreformation. Der Marienkult ist die spezifische Qualität des Katholizismus. Für den lieferte Raffael jede Menge Vorlagen. Er hat das Sujet nicht erfunden. Nicht einmal die Süße kindlicher Mütterlichkeit ist seine Entdeckung. Aber er hat das alles bis weit über die Kitschgrenze hinausgetrieben und womöglich war genau das die Basis seines Erfolges, seines Triumphes. Er hat in einem bewährten Genre gearbeitet, ein Maximum an emotionalem Mehrwert aus ihm herausgeholt. Man muss nicht brechen mit den Autoritäten, man muss sie nicht in Frage stellen, man kann ihren Wünschen einfach entsprechen – das ist die Botschaft des Raffaels der Madonnen. Eine Botschaft, die weltweit sich darauf verlassen kann, auf viel Gegenliebe zu stoßen.

Die bedeutendsten Philosophen der Antike

Blicken wir auf einen anderen Raffaello Sanzio. 1509-1511 arbeitet er an der 500 mal 770 Zentimeter großen „Schule von Athen“. Ein Propagandabild, das die Auferstehung der Antike feiert. Es war eine Auftragsarbeit. Papst Julius II., 66 Jahre alt, war begeistert von dem jungen Maler und seinen Entwürfen und wollte, dass der ihm seine neu zu beziehenden Räume ausmalte. Dass die Wände bereits bemalt waren, störte den Stellvertreter Christi nicht. Die gerade erst aufgetragenen Bilder wurden beseitigt. Immerhin Werke von Luca Signorelli (1445-1523), Perugino (1450-1523) und Piero della Francesca (1415-1492).

So etwas wie „Die Schule von Athen“ hatte die Menschheit noch nicht gesehen. Es zeigt die bedeutendsten Philosophen der Antike in einer imaginären Architektur. Es zeigt sie, wie sie auf den Betrachter zukommen. Das heißt auch – und darauf kommt es an – der Betrachter geht auf sie zu. Noch zwei, drei Schritte, vorausgesetzt er schafft den Sprung nach oben, und er steht mitten unter ihnen. Es ist sogar Platz gelassen für ihn. Vorausgesetzt, er ist ein Mann. Dort oben sind nur Männer und wir müssen davon ausgehen, dass auch nur Männer in diesen Kreis zugelassen werden. Das ist kein Versehen. Es ist ein Statement.

Die sogenannte „Querelle des femmes“ war eines der Hauptbetätigungsfelder des Humanismus. Es ging darin um die Frage des Verhältnisses der Geschlechter. Auslöser war wohl die 1404/5 verfasste Schrift von Christine de Pizan, „Das Buch von der Stadt der Frauen“, eine Attacke auf die Frauenfeindlichkeit, ein frühes Manifest der Forderung nach Gleichberechtigung. Agrippa von Nettesheim bezog 1529 Stellung in diesem Streit mit seiner Schrift „Von dem Vorzug und der Fürtrefflichkeit des weiblichen Geschlechts vor dem männlichen“. Um die Stellung der „gelehrten Frau“ wurde heftig gestritten. Man wird den Marienkult auch als Positionierung in diesem Streit sehen müssen. Die junge Mutter ist der Gegenentwurf zur jungen Gelehrten.

Plato weist nach oben in den Ideenhimmel

Aber zurück zur Schule von Athen. Auch sie hat – nicht in Myriadenschwärmen wie die Madonnenbilder – immer wieder Nachahmer gefunden. Giuseppe Pellizza da Volpedos Gemälde „Der vierte Stand“, das 1901 einen Demonstrationszug zeigt, der auf die Betrachter zukommt, zeigt in der ersten Reihe zwei Männer – wie bei Raffael Plato und Aristoteles –, aber neben ihnen geht eine Frau mit Kind. Maria ist gewissermaßen integriert! Es gibt in dem Zug auch einen Mann, der ein Kind an der Hand hält.

Also noch einmal: zurück zur „Schule von Athen“! Das Fresko hat diesen Namen erst viel später erhalten. Nicht alle Personen sind eindeutig identifizierbar. Neben Plato und Aristoteles sind Sokrates, Pythagoras, Euklid oder Archimedes, Ptolemäus und Diogenes zu sehen. Außerdem noch der persische Religionsstifter Zoroaster und der muslimische Aristoteles-Kommentator Averroes. Der Kreis ist also schon deutlich über die klassische Antike hinaus geöffnet worden. Zoroasters Schriften waren zu Raffaels Zeiten so gut wie unbekannt. Er hatte aber als Magier und Sternendeuter einen großen Namen.

Die christliche Aristoteles-Rezeption war dagegen stark geprägt von den schon früh ins Lateinische übersetzten Kommentaren des Averroes. Er ist der Herr links im Bild mit dem grünen Hemd und dem gelben Turban. Oben in der Mitte links mit seinem Timaios in der Hand Plato, rechts Aristoteles, der seine Ethik dabei hat. Plato weist nach oben in den Ideenhimmel, während Aristoteles auf die Erde zeigt. Ganz links mit dem Weinlaub auf dem Kopf das soll Epikur sein. Der Mann, der sich auf einen Marmorblock stützt und schreibt sei Heraklit. Rechts berechnet Euklid etwas mit einem Zirkel auf einer Schiefertafel. In der Mitte fläzt sich Diogenes auf der Treppe.

Jeder will rauf auf die Bühne des Lebens

Sie fragen: Wer ist links der Ephebe im weißen Gewand, der aus dem Bild hinaus zu uns, zum Betrachter blickt? Es gibt keine definitive Antwort. Es sei, heißt es die Personifikation des Wahren, Schönen, Guten, des platonischen Ideals. Er ist eine Frau, lautet eine andere Antwort. Wer ist, frage ich, der eilende junge Mann links oben mit dem nackten Oberkörper? Hermes, der Götterbote und Übersetzer ihrer Anordnungen? Alles unklar.

Eines aber ist klar: Raffaels Gemälde ist ein Bild der Renaissance. Es bildet die Wiedergeburt der Antike ab. Viel wörtlicher, als wir uns das für gewöhnlich klarmachen. Raffael gab Plato die Züge Leonardos und der auf einen Marmorblock sich stützende Heraklit sieht aus, als wäre er Michelangelo, der in seinem Atelier eines seiner Sonette notiert. Und Euklid sieht aus wie Bramante, einer der Architekten des Papstes. Er hatte seinen entfernten Verwandten Raffael dem Papst vorgestellt. Und rechts außen, der junge Mann, der den Betrachter anschaut? Das ist Raffael. Er hat den Sprung nach oben geschafft, steht unter den antiken Gelehrten als einer von ihnen. Die Moderne ist die wiedergeborene Antike und sie ist mehr. Raffael ist dazugekommen.

Wenn man das so hinschreibt, klingt es, als seien sie alle verrückt gewesen. Jedenfalls größenwahnsinnig. Das waren die Renaissancekünstler wirklich. Sie legten Wert auf diesen Größenwahn. Er war ihr ganzes Programm. Die Kunst war kein Handwerk mehr, sondern Philosophie, Theologie. Die Götter waren tot. Sie lebten weiter in den Künstlern, in den Genies. Das wäre schwer zu ertragen. Wenn da nicht die Ironie wäre. Werfen wir noch einmal einen Blick auf „Die Schule von Athen“. Es ist eine Theaterszene. Die großen Gesten. Das ist eine Oper! Wenn man lange auf das Bild schaut, sprechen die Menschen nicht mehr. Sie singen. Einhundert Jahre später schrieb Shakespeare, da hatte die Melancholie mal wieder gewonnen:

„Die ganze Welt ist Bühne,/ Und alle Frau’n und Männer bloße Spieler. /Sie treten auf und gehen wieder ab, /Sein Leben lang spielt einer manche Rollen, /Durch sieben Akte hin… /Der letzte Akt, mit dem /Die seltsam wechselnde Geschichte schließt, /Ist zweite Kindheit, gänzliches Vergessen, /Ohn‘ Augen, ohne Zahn, Geschmack und alles.“

Davon sind wir bei Raffaels „Schule von Athen“ meilenweit entfernt. Da will noch jeder rauf auf die Bühne des Lebens, will eine Rolle spielen. Das spürt man dem Bild heute noch an. Das gibt ihm trotz vieler steifer Statuarik, die auch darin ist, einen beneidenswerten Schwung, einen Elan, der nicht fürchtet, sich lächerlich zu machen, der keine Angst kennt. Vor keiner Aufgabe.

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