Kunst

Begieriges Wohlgefallen

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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„Schaulust“ heißt die Ausstellung: Das ist nicht zu viel versprochen vom Frankfurter Städel, wenn das Museum jetzt die Niederländische Zeichenkunst des 18. Jahrhunderts zeigt.

Bilder zu beschauen, regte stark an. Körper und Geist, es stimulierte eine gesittete Gesprächskultur ebenso wie die Gefühle, unverkennbar die Triebe, überhaupt die Neugier. Was aufmerksam besehen wurde, geschah unter den Augen eines bürgerlichen Publikums, das gerne Zuschauer war, Akteur aber erst recht. Mit weißem Spitzenkragen, Manschetten, breitkrempigem Hut, so zeigte sich der Bürger Johan van Clarenbeek, Stadtrat in Haarlem.

Frans Hals malte ihn, Cornelis van Noorde fertigte 1791 von dem Porträt eine Nachzeichnung an – unübersehbar, dass sich der Bürger auf seine Emanzipation in der Republik der Niederlande etwas einbilden konnte. Was er denn auch tat, aus Prestigegründen, war wichtig. Aber auch aus purem Selbstzweck, wie schön. Die Umtriebigkeit bürgerlicher Bilderproduktion wird jetzt in der Ausstellungshalle der Graphischen Sammlung des Frankfurter Städel vorgeführt. Ja, eine Demonstration. Geradeheraus: eine Attraktion.

Unter dem Titel „Schaulust. Niederländische Zeichenkunst des 18. Jahrhunderts“ zeigt das Museum 81 Zeichnungen, Werke von, wie es heißt, „heute kaum mehr bekannten Künstlern“ (was man gerne zitiert, fühlt man sich dann doch ein wenig weniger unqualifiziert). Man muss kein Fachmann sein, um sich vorbehaltlos zu erfreuen, nicht Expertin, um begeistert zu sein. Ob stimmungsvoll, süßlich oder sinnlich, satirisch oder schlicht seriös – ansehnlich eine jede Einzelheit. So schon zu sehen, wenn man nur vor einem der meisterhaft gezeichneten, komponierten und colorierten Bilder steht, Johannes Huibert Prins „Ansicht einer niederländischen Stadt“ (1790). Die Vedute zeigt eine Idealansicht mit Kirche, Giebelhäusern, Kaffeehaus, mit Gracht und buckeliger Brücke unter einem sehr hohen, sehr zartblauen Himmel, mit Staffagefiguren und einigen Nutztieren auf einem Pflaster, das beinahe wie gekachelt wirkt.

Stimmungsvoll war das Stichwort. Aufgegriffen etwa von Jacob Cats, dessen Landschaftskompositionen, mit Hütte im Wald, mit Burg im Schnee. In den ersten Tagen des Städel waren das besonders eifrig gesammelte Blätter, von der nachfolgenden Romantiker-Generation geradezu verschmäht. Eine Spur süßlich die „Rettung der Arethusa durch Diana“, wie es Arnout Rentinck sah in milden Wasser- und Deckfarben. Es steigt die schöne Arethusa als Rückenakt in den durch Diana aufgebauschten dichten Nebel. Weniger affektiert als unrealistisch die Handhaltung des Verfolgers, Alpheios.

Sinnlich, diskret sinnlich, aber anspielungsreich, wie Jan Frederik Schierecke um 1775 „Eine junge Dame bei der Toilette“ zeichnete. Eine Dame? Eine etwas liederliche Liebhaberin. Einen Zug ins Satirische haben die Szenen derb feiernder Bauern bei Jacobus Buys, von durch und durch seriöser Sachlichkeit sind die exakten Tierdarstellungen, galt es doch, sich der einheimischen Vogelwelt ebenso wissenschaftlich zu versichern wie einer exotischen.

Eine Auswahl konnte Annett Sandfort als Kuratorin unter annähernd 600 Blättern treffen, über die das Städel allein an niederländischen Zeichnungen des 18. Jahrhunderts verfügt. Verwahrt wird damit eine der größten Sammlungen dieser Art außerhalb der Niederlande und Belgiens. Einem Publikum vorenthalten wurden die Schätze allerdings dennoch seit so gut wie 200 Jahren.

Erworben vom Stifter des Hauses, Johann Friedrich Städel (1728-1816), und dem ersten Stiftungsvorstand, Johann Georg Grambs, verschwanden die Reichtümer in der Versenkung, gänzlich unbeachtet, zum Teil als Reprografik falsch inventarisiert. Was noch zu Städels Zeiten den Geschmack von Sammlern ansprach, so Martin Sonnabend, Leiter der Graphischen Abteilung im Städel, sprach bereits mit seinem Tod den Geschmack nachfolgender Ausstellungsmacher überhaupt nicht mehr an.

Kunst als Ausdruck von Moden – und die Kunstkritik? Wie auch immer: „Schaulust“ lautet der Ausstellungstitel, ein Motto geradezu, das eine alles andere als unbedarfte Annäherung an die Bilder meint. Denn das Schauen ist keine arglose Sache, kein gleichgültiges Gucken, sondern ein interessegeleitetes, begieriges Wohlgefallen, ein bewusstes Besehen der Bilder. Ein nicht nur attraktiver Titel, auch ein trefflicher.

Fünf Kapitel gliedern die Schau, angefangen mit Zeichnungen, die „Klassizismus und Barock im 18. Jahrhundert“ illustrieren. Im Kleinen war das die lukrative Buchillustration, im großen Maßstab waren es die nicht weniger ersprießlichen Wanddekorationen im Haus des Bürgers, der gerne einen Jacob de Wit zum Zuge kommen ließ. Luftige Rokoko-Kunst in niederländischer Manier, unter dem Einfluss französischer Meister, etwa eines Bernard Picart, der seine begnadeten Fähigkeiten als Aktzeichner geradeheraus vorzuführen wusste.

Die Niederlande schufen einen immensen Reichtum an Bildern, der auf dem Reichtum gründete, den die Kaufleute der Bürgerrepublik auf Märkten, darunter überseeischen Handelsplätzen, erwirtschaften konnten. Zudem basierte er auf den enormen Gewinnen, die an den Börsen erzielt wurden. Der Bilderboom wiederum schuf ein hochattraktives Betätigungsfeld der Spekulation, das den allgemeinen Reichtum mehrte. Ein frühkapitalistisches Kreislaufsystem.

Die Systemrelevanz von Bildern stand außer Frage, sie unterlag zumal in den Niederlanden nicht feudaler Gnade. Prestige innerhalb der Bildproduktion genoss im besonderen Maße die Zeichnung, und ihre Aufwertung vollzog sich auf dem Weg ihrer Emanzipation von der Malerei. Der Gang durch die Ausstellung ist auch so etwas wie die Promenade durch eine Galerie „gezeichneter Gemälde“ (Martin Sonnabend), bei der der Zeichner mit Wasserfarben ähnliche Effekte erzielte wie der Maler mit Ölfarben. Pinsel in Grau, heißt es über Bleigriffel zu einer Ansicht des Innenhofs von Den Haag, den Cornelis Pronk 1741 zeichnete. Wie viele Großmeister der Zeichenkunst haben sich mit Architekturperspektiven schwergetan - umso fabelhafter Pronks nüchterne Komposition, hochpräzise bis zu den Konturlinien. Das Licht in den wie gebuschten Bäumen, das Schattenspiel auf den Stämmen. durch Pinsellavierungen hervorgezaubert. Eine weitere Vedute Pronks zeigt die „Hooglandse Kerk in Leiden“. Zu sehen durch ein offenes Tor zwei Damen beim Schauen, die eine beschirmt ihre Augen gegen die Sonne mit einem Fächer, die zweite nutzt ihren für einen Hinweis, während sie von einem Galan, der rechte Fuß männlich vorgerückt, beobachtet werden. Neugierde und Begierde: Durch den Mann auf dem Torbogen, der durch ein Fernrohr ein nicht zu sehendes Objekt fixiert, bekommt die Schaulust einen Stich ins Satirische.

Über 100 000 Zeichnungen und Druckgrafiken bewahrt das Städel auf. Um der Aufgabe weiterhin Rechnung zu tragen, wurde nach mehr als fünf Jahrzehnten der umgebaute Studiensaal mit Beginn der Ausstellung neu eröffnet. Unter weit verbesserten Bedingungen räumt er die Gelegenheit einer zeitgemäßen Beschäftigung mit den Beständen für Wissenschaft und Forschung ein – wie es sich auch in der Ausstellung selbst zeigt, indem sie zoologisch zuverlässige Abbildungen von Tieren zeigt, Pelikan, Rosalöffler – oder diese Krabbe. Können Krabben brillant sein? Diese ist es.

Blätter beschauen, Blätter besprechen, Bilder begreifen. In den Niederlanden des 18. Jahrhunderts war das ein geselliges Gemeinschaftserlebnis. Die Zeichnung animierte dazu, anders als das sperrige Bild ließ sie sich in Atlanten aufbewahren, herumreichen. Geselligkeit war eine bürgerliche Tugend, mit beträchtlichen Meriten, allerdings betrachtete es die Zeichnung nicht als ihre Aufgabe (oder der Künstler als seine), der Geselligkeit nur makellose Absichten zuzuschreiben.

Derb die Bauernansichten - regelrecht ein Debakel der Auftritt einer bürgerlichen Männergesellschaft am Morgen, am Ufer eines Kanals, vor einem repräsentativen Haus. Minutiös erzählt Cornelis Troost von den Folgen einer Zusammenkunft in seinem Blatt „Suijpe Steijn“ („Saufhaus“). Die Folgen: Ein Mann uriniert unter den Augen von zwei Frauen auf der Straße, ein Mann übergibt sich aus der Barke heraus, die das Treidelpferd soeben anzuziehen angefangen hat.

Auf dem Gefährt bemühen sich die Betrunkenen um Halt. Noch liegt die Leine aufgerollt, was passiert, wenn Zug in die Leine kommt, ein Ruck? Ein Aufbruch, der ins Wasser fällt? Das in so zarten Pastelltönen daliegt, wie der Himmel über der Szene, in der begrapscht, uriniert, sich übergeben wird. Soweit die klägliche Kehrseite minutiöser Geselligkeit.

Entlang der Blätter, die im Städel zu sehen sind, kann man eine Vorstellung davon gewinnen, wie ernst in den Niederlanden ein Bildungsprogramm auch durch das Anfertigen und den Vertrieb von Zeichnungen genommen wurde. Insofern: lichte Zeiten.

Die Schau stößt ein Fenster in die Epoche der Aufklärung auf, weit auf. Machen Sie sich deshalb auf, lassen Sie es nicht bei dem Einblick durch einen schmalen Spalt bewenden, hier.

Städel Museum, Frankfurt: bis 10. Januar 2021. Im Sandstein Verlag ist ein Katalog erschienen (264 S., 34,90 Euro). www.staedelmuseum.de

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