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Beckmann in der Nationalgalerie: Das Wunder des Lebens im Zirkuswagen

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Von: Ingeborg Ruthe

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Max Beckmann: „Geburt“, 1937, in der Neuen Nationalgalerie Berlin.
Max Beckmann: „Geburt“, 1937, in der Neuen Nationalgalerie Berlin. © SMB/Sammlung Neue Nationalgalerie

Max Beckmann malte „Geburt“ 1937 im Amsterdamer Exil. Es ist eine unbiblische Metapher auf die Niederkunft in der Fremde. Jetzt kann man das Werk in der Berliner Nationalgalerie sehen

Welch geheimnisvolle, kreuzförmig komponierte Szenerie. Kein Stall zu Bethlehem. Eine Maria, jung, schön, beinahe aufreizend nackt, aber völlig erschöpft, sich mit der rechten Hand fast die Augen zuhaltend, liegt auf dem viel zu kleinen Bett. Doch es gibt hier weder einen bärtigen Josef noch andächtig staunende Hirten mit ihren Tieren. Auch keine Engel oder die drei Heiligen mit ihren exotischen Gaben aus dem Morgenland sind zu sehen. Dafür rechts das kleine Mädchen mit der Wasserschale und links der in Blau gekleidete Kasper mit der Trommel. Über der hutzligen Komödien-Tragödien-Puppe beult sich ein Vorhang im Wind zur bedrohlichen Maske.

Die Frau bekam ihr Kind in einem Zirkuswagen. „Circus Romany“, verrät das Plakat. Die weißhaarige Hebamme steht in Rückenansicht, wie eine Artistin, übergroß dargestellt. Sie hält das Neugeborene schützend im Arm. Dessen Ärmchen scheint nach hinten ins Dunkel zu weisen, auf den Mann mit der Sonnenbrille vor dem roten Spiegel. Den Litzen seiner Jacke nach könnte es vielleicht der Direktor des „Fahrenden Volkes“ sein. Die vorm Bett der jungen Mutter stehenden Strelitzien – auch Paradiesvogelblume genannt und in der romanischen Kultur ein Symbol für Freiheit und Unsterblichkeit – lassen die spitzen Köpfe hängen. Dennoch scheinen sie, wie auch die brennende Kerze, auf den ewigen Kreislauf des Lebens hinzudeuten.

Max Beckmann (1884–1950) hatte schon immer eine große Affinität zum Zirkus und zum Varieté. Das gleichnishafte Bild „Geburt“ von 1937 gehört der Neuen Nationalgalerie Berlin. Es ist dort in der Hauptausstellung „Die Kunst der Gesellschaft 1900–1945“ zu sehen, zusammen mit dem Pendant „Tod“ von 1938. Im Vorjahr beschlagnahmten die Nazis 28 Gemälde und über 500 grafische Werke des Expressionisten und Menschenmalers. Bereits 1933 wurde er fristlos aus seiner Professur an der Frankfurter Städelschule entlassen. Sein Realität durchdringender Stil war den Nazis verhasst. Beckmann öffnete mit ihm Geschlechterrollen, fand Stärke und Zerbrechlichkeit in Frauen- wie in Männerfiguren. Er malte sie als mythische Heldinnen und Helden, als Amazonen oder heilige Huren, als Argonauten und Sirenen. Fasziniert von den Mythen der großen Kulturen, kannte dieser Ausnahmemaler die uralte Vorstellung, dass Weib und Mann aus einem androgynen Urgeschlecht hervorgingen, nach dessen Einheit Menschen sich gewissermaßen zurücksehnen.

Auf der Schandschau „Entartete Kunst“ in München hingen dann auch zehn Beckmann-Gemälde und zwölf Grafiken am Pranger. Entsetzt und ohne Illusionen über die politische Lage floh der verfemte Maler im Spätherbst mit seiner Frau Quappi nach Amsterdam. Dort bezogen sie ein bescheidenes Quartier mit Atelier im kleinen Grachtenhaus am Rokin 85. Es wurde für sie das erste Christfest in der Fremde.

Der gebürtige Leipziger, in seiner Malerei bereits früh der „Aktualität der Mythen“ zugetan (was in der Leipziger Malerei nach 1945 als Vermächtnis fortgesetzt wurde!), malte hier eine besondere Geburt. Es war seine Version von der Ankunft des Messias und insofern so gar kein Weihnachtsmärchen. In dieser unheilig-heiligen Szene spiegelt sich seine „Religion des Trotzes gegen Gott“. Schon 1919, ein Jahr nach Ende des Ersten Weltkriegs, hatte Beckmann erklärt: „Mit der Demut vor Gott ist es vorbei. Meine Religion ist Hochmut vor Gott, Trotz gegen Gott. Trotz, dass er uns geschaffen hat, dass wir uns nicht lieben können. Ich werfe in meinen Bildern Gott alles vor, was er falsch gemacht hat.“

Es ist bezeichnend, dass dieser Maler, dessen Lebenswerk aus so vielen Selbstporträts bestand, sich in diesem Exilmotiv und auch in dem im Jahr darauf folgenden Pendantgemälde „Tod“ selbst als Mediziner darstellt. So, als behandele er die pathologischen Symptome der Gesellschaft. Als hätte er geahnt, dass die Menschheit auch im späten 20. und im 21. Jahrhundert wieder Unmenschlichkeit ertragen müsse: Kriege wie die in Vietnam, Irak, Afghanistan, Syrien, und zuletzt in der Ukraine. Auch die religiös verbrämte Gewalt im Iran. Abermals waren und sind die Folgen Flucht, Exil – und Geburten in der Fremde.

Warum malte er 1937 das Gesicht des neuen Erdenbürgers so seltsam greisenhaft? Der Mann mit weißer Schürze und Kappe ist Pfleger oder Arzt. Dennoch ist das unverkennbar ein Selbstporträt. Und zugleich eine Erinnerung daran, dass der Maler im Gemetzel des Ersten Weltkriegs an der Ost- und Westfront als Sanitäter diente. In den Wohnwagen mit dem beginnenden Leben dringt Düsternis. Als sperre das die Zukunft des Kindes, auch die des Mediziners mit dem Beckmann-Gesicht und all der anderen im Raum ab. Das Motiv ist lesbar als Orakel einer drohenden Katastrophe, von Hitlerdeutschland ausgehend. Eine „innere Emigration“ war für Beckmann keine Option.

Er konnte da noch nicht wissen, dass die Nazis nur drei Jahre später auch die Niederlande überfallen würden. Zum Glück bewahrte ihn ein Attest wegen seines schwachen Herzens davor, auch in Amsterdam für die Wehrmacht als Soldat eingezogen zu werden. Damals ahnte er auch nicht, dass er 1947 durch das Angebot, in den USA lehren zu können, mit seiner Frau nach Übersee ziehen würde. Amerika war seine große Hoffnung. Zurück nach Deutschland wollte er nicht.

Beckmann wurde Professor. Erst an der Washington-Universität Saint Louis und 1949 an der New Yorker Brooklyn Museum Art School. Freunden in Deutschland und seinem Sohn Peter aus erster Ehe war es noch während des Krieges gelungen, wichtige Gemälde und Grafiken bei Kunstverhökerungen der Nazis aufzukaufen und ihm zu schicken. Doch ehe Max Beckmann sich im amerikanischen Kunstbetrieb neuen Erfolgs erfreuen konnte, brach er kurz vor Silvester 1950 auf einer Straße in Manhattan tot zusammen. Herzinfarkt. Sein Exil-„Selbstporträt gelb-rosa“ von 1943 erzielte am 1. Dezember im Auktionshaus Grisebach eine Rekordsumme von mehr als 20 Millionen Euro. Das Bild gehört nun der exklusiven Sammlung des Schraubenkönigs Würth und ist bald in dessen Kunsthalle, einem 2001 gegründeten privaten Kunstmuseum in der Katharinenvorstadt von Schwäbisch Hall, zu sehen.

Neue Nationalgalerie, Berlin: www.smb.museum

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