1. Startseite
  2. Kultur
  3. Kunst

Baselitz und das Ärgernis eines NS-Gemäldes

Erstellt:

Von: Harry Nutt

Kommentare

Relikt der NS-Zeit: „Die Vier Elemente“ von Adolf Ziegler (1892-1959) in der Pinakothek der Moderne.
Relikt der NS-Zeit: „Die Vier Elemente“ von Adolf Ziegler (1892-1959) in der Pinakothek der Moderne. © dpa

Die Münchner Pinakothek zeigt ein Werk des Nazi-Funktionärs Adolf Ziegler und erntet hierfür heftige Kritik.

Die NS-Zeit endet nicht, auch nicht in der Kunstgeschichte. Erst seit ein paar Jahren wird das Werk eines für die künstlerische Moderne in Deutschland so wichtigen Expressionisten wie Emil Nolde völlig neu bewertet. Nachdem Nolde lange als Verfemter des NS-Regimes galt, haben jüngere Forschungen zweifelsfrei nachgewiesen, dass er ein überzeugter Anhänger des Nationalsozialismus war und auch dessen antisemitische und rassistische Ideologie teilte. Das schmälert seine künstlerische Bedeutung nicht, erfordert aber einen sensiblen Umgang bei der Präsentation seiner Werke.

Wie das aussehen kann, hat 2019 eine Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin gezeigt, in der Emil Noldes Agieren während der Zeit des Nationalsozialismus untersucht wurde. „Emil Nolde – Eine deutsche Legende“ lautete der Titel der Schau, die einen exemplarischen Vorgang nachträglicher Verklärung ins Visier genommen hat, der bis in die Gegenwart reicht. So hingen zwei von Noldes Arbeiten zwischen 2006 und 2019 als Leihgabe im Berliner Kanzleramt im Büro von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Es ist also keine kunstgeschichtliche Randnotiz, wenn sich nun der Maler Georg Baselitz dazu genötigt sieht, die Abhängung des dreiteiligen Bildes „Vier Elemente“ des nationalsozialistischen Künstlers Adolf Ziegler in der Münchner Pinakothek der Moderne zu fordern. „Das Triptychon beleidigt seine Umgebung!“, schreibt Baselitz in einem Brief an den Sammlungsleiter Bernhard Maaz und den bayerischen Kunstminister Markus Blume (CSU): „Es schockiert, dass Nazipropaganda auf diese schmuddelige Art in einem Münchner Museum möglich ist.“

Die Angesprochenen wiegeln ab. Das Werk werde umfangreich kommentiert, die kritische Auseinandersetzung mit NS-Kunst sei eine wichtige Aufgabe von Museen. Aber kann und darf sie auf diese Weise erfolgen? Zieglers Rolle als Handlanger von Hitlers Kunstpolitik ist hinlänglich bekannt. 1936 zum Präsidenten der Reichskammer für bildende Künste ernannt, trug er maßgeblich zur Diskreditierung und Verfolgung zahlreicher zeitgenössischer Künstler und Künstlerinnen bei. Eine von ihm geleitete Kommission veranlasste die Beschlagnahmung von mehr als 20000 Werken, die teilweise als „entartet“ bezeichnet und zu Propagandazwecken ausgestellt wurden. Zieglers eigene Arbeiten wurden erst nach der Machtergreifung der Nazis ausgestellt, vom Publikum erhielt er den Beinamen „Schamhaar-Ziegler“.

Warum, das verrät auch das von Baselitz kritisierte Werk „Vier Elemente“. Darin verkörpern vier unbekleidete Frauen die Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft. Das in der Sammlung der Pinakothek befindlich Triptychon war zuletzt wiederholt in Sonderausstellungen gezeigt worden. Baselitz’ Intervention richtet sich indes ausdrücklich gegen die Aufnahme des Werkes in die ständige Schau des Münchner Museums.

Der Konflikt zeigt, wie der Hinweis auf eine notwendige Kontextualisierung umstrittener Kunst auch als wohlfeiles Alibi missbraucht werden kann. In Fall Ziegler mutet es besonders bitter an, dass einem rücksichtslosen Karrieristen der NS-Diktatur, der das Leben und Arbeiten von sehr vielen, heute oft weitgehend unbekannten Menschen – darunter viele jüdischer Herkunft – zerstört hat, ein kunsthistorisches Andenken in einem der wichtigsten deutschen Museen gewährt wird. Der 1959 gestorbene Ziegler wurde nie zur Rechenschaft gezogen, nach 1945 war er lapidar als Mitläufer „entnazifiziert“ worden.

Es wäre also völlig falsch, den Einspruch des 84-jährigen Malers Baselitz der auffälligen Konjunktur von Verbotsforderungen zuzuschlagen, für die das modische Etikett Cancel Culture in Umlauf ist. Vielmehr verweist die energische Reaktion des einflussreichen Vertreters der Nachkriegsmoderne auf eine lückenhafte historische Aufarbeitung der Geschichte deutscher Kulturinstitutionen.

Als bizarres Beispiel für mangelndes Augenmaß im Umgang mit historischer Verantwortung entpuppte sich in diesem Sommer die 15. Ausgabe der Kasseler Documenta. In der teils von wechselseitiger Ignoranz geprägten Diskussion über antisemitische Motive in einigen ausgestellten Werken wurde die tief mit der nationalsozialistischen Nomenklatura verbundene Gründungsgeschichte der Documenta sträflich vernachlässigt.

Wie Adolf Ziegler wirkte Werner Haftmann, künstlerischer Leiter der Documenta I, II und III, in hervorgehobener Position an der NS-Kulturpolitik mit. Haftmann war es auch, der maßgeblich an der Legendenbildung Emil Noldes beteiligt war.

Das auf der Documenta auf beschämende Weise fehlgeschlagene Konzept Kontextualisierung muss wohl noch einmal überdacht werden. In München und anderswo.

Auch interessant

Kommentare