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Michael Sweerts (1618–1664), Der Künstler bei der Arbeit, Mitte 17. Jahrhundert.

Ausstellung

Barock im Museum Barberini Potsdam: Die Gewalt von Schönheit und Tod

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Das Museum Barberini in Potsdam lockt mit einer opulenten Barock-Schau.

Friedrich II. hatte einen Traum. Wie in so etlichen Preußenkönigen steckte auch in ihm eine tiefe Italiensehnsucht. Er kaufte um 1768 aus Rom zwei barocke Gemälde von Artemisia Genteleschi, darunter eine allegorische Bathseba im Bade-Szene und die der „Vergewaltigung der Lukretia durch Sextus Tarquinius“ von 1630. Die über ein Jahrhundert älteren Bilder wollte Friedrich Rex für seine „Galerie der Unvernunft“, wo in mythologischer Handlung unheilvolle Folgen männlicher Begierde verhandelt werden. Er wusste allerdings nicht, dass diese durchkomponierten Szenen eine Frau gemalt hatte, die zudem das eigene Gewalterlebnis einbrachte, aber dem Objekt der Begierde auf ihrem Bild etwas Verführerisches gab.

Der Preußenkönig träumte von einer Potsdamer Piazza, benannte sein 1771/72 am Alten Markt erbautes Palais nach dem auf einem Kupferstich von Piranesi gesehenen grandiosen Palast der römischen Familie Barberini. Ihr entstammte der 1623 zum Papst gewählte Urban VIII., ein rigoroser Vertreter der Gegenreformation, ein inquisitorischer, mit Gewalt herrschender Pontifex, der seinen einstigen Freund Galileo Galilei zum Widerruf von dessen Lehre über die Erdbewegung um die Sonne zwang.

Zugleich war dieser Papst aus dem Hause Barberini ein großer Mäzen der Künstler, Architekten, Dichter und Musiker, sozusagen der fast allmächtige Ermöglicher des Barock römischer Prägung. In diesem Zeitalter der Glaubenskriege war der Schmelztiegel Rom von Pilgern und Soldaten durchzogen. Maler aus Flandern kamen, um die Renaissance-Bildwerke von Michelangelo und Raffel zu studieren. Caravaggio hatte diesen späteren Papst Maffeo Barberini schon als jungen Geistlichen porträtiert. Der geniale Bernini tat selbiges um 1633. Da trug der Spross der mächtigen Adels-Familie längst Purpur. Das Konterfei hängt jetzt in einem Kabinett des Potsdamer Museums Barberini; der Maler gab dem kunstliebenden Despoten ein recht vergeistigtes Aussehen.

Das Palazzo Barberini kann seit Jahrhunderten in der Ewigen Stadt bewundert werden. Alt, erhaben, schön. Der Potsdamer Palast Barberini war zu Kriegsende 1945 ein Trümmerhaufen. An gleicher Stelle ließ die Hasso-Plattner-Stiftung das Ensemble 2016 als Museumsbau wiedererstehen, ein klein wenig nüchterner als das römische Vorbild.

Aus der Perspektive einer Frau: Artemisia Gentileschis „Bathseba im Bade“.

Und nun, im Jahr 2019, mitten in den Sommerferien, geht erneut ein italiensehnsüchtiger Wunsch in Erfüllung: Das römische Palais Barberini ist, zusammen mit der Galleria der Sammlerfamilie Corsini, heute Nationalgalerie, zu Gast mit Altmeister-Werken des italienischen Barock. Welterbe aus dem Weltreich der Kunst, in dem „barocco“, aus dem Italienischen stammend, ursprünglich „schief, regelwidrig“ bedeutete, aber auch überreich, sollte doch mit dem neuen Stil der der Renaissance übertroffen werden.

Papst Urban VIII. förderte sakrale und inspirierte profane Prachtbauten. Er wurde zum Mäzen dramatischer Hell-Dunkel-Malereien und opulenter, auch drastischer Bildszenen mit mythologischem bis zügellosem Personal. Auch die Plastik nahm theatralische Posen und Gebärden an. Und die Freskomalerei gewann eine seitdem nie mehr erreichte Bedeutung. Decken, Kuppeln und Wände wurden mit heilsgeschichtlichen, allegorischen Inhalten (gern für Tugend und Laster) überzogen und alles bis ins Detail konzipiert. Für die Kirchenbemalung arbeiteten Geistliche ganze Programme aus. Allen voran Urban VIII.

Die Potsdamer Römer-Schau beginnt mit einer gewaltigen Illusion: Im ersten Saal imaginiert eine technisch raffiniert-perfekte Projektion das Deckenfresko aus dem Grand Salon des Barberini-Palastes zu Rom. Das ganze Barock-Konzept Urban VIII. wird deutlich, zeigt die von Pietro da Cortonas meisterlich gemalte und inszenierte Größe den Machtanspruch der Barberini, die Rom zum Zentrum des Barock machten. Allegorien der Tugenden flankieren die der göttlichen Vorsehung, Papst- Tiara und der Schlüssel Petri sind präsentiert. Und immer wieder, in allen Bildvarianten, das Trio der drei großen Bienen, die Wappentiere der Barberini-Familie.

Die starken Lichteffekte und die kräftigen Farben wirken magisch, illusionierend die dynamische Bewegung der realistischen, üppigen Leiber. Der Übergang vom gebauten zum gemalten Raum und jedes Detail fügen sich zum überbordenden Fest für die Augen. Es ist eine pathetische Prachtentfaltung, die sich zum „theatrum sacrum“ steigert.

Damals war die katholische Kirche Hauptauftraggeber, aber auch reiche Patrizier bestellten sich bei den schon namhaften wie aufstrebenden Malern und Bildhauern Bildwerke. Da alle Künste mit einbezogen wurden, entstand in der Epoche des Barock eine eindrucksvolle Einheit von Architektur, Plastik, Malerei, Musik, Tanz, Mobilar, Schmuck und (bacchantischem) Lebensstil. Rasch machte dies weit über Italiens Grenzen hinaus, über die Alpen hinweg und in ganz Europa Schule, fruchtete in Spanien, Portugal und Frankreich, in den heutigen Niederlanden, Österreich und Süddeutschland ebenso – insbesondere am Dresdner Hofe August des Starken. Und eben auch – in strengerer Form – im eher frugalen Preußen.

Caravaggio malte seinen „Narziss“ in magischem Hell-Dunkel zwischen 1597–1599.

Aus dem Projektionssaal zieht es einen zum nächsten Glanzlicht der Potsdamer Schau, zu Caravaggios „Narziss“ von 1597/99. Eigentlich reicht das Datum der Entstehung noch in den Manierismus zurück. Und doch gilt dieses Gemälde als Ausgangspunkt des frühen italienischen Barock. Der schöne Narziss beugt sich selbstverliebt über sein eigenes Spiegelbild – bekanntlich wird ihm seine Eigenliebe als Strafe der Götter zum Verhängnis. Was für ein Drama. Aber die faszinierenden Hell-Dunkel-Effekte, die schlaglichthafte Szenerie, die Nahsicht und das packend Reale des jungen Körpers überwältigen unseren Augensinn.

Dramatik geht einher mit Sinnlichkeit auch in den Gemälden des aus Spanien stammenden, seinerzeit in Neapel lebenden Jusepe de Ribera. Inspiriert von Caravaggios Stil – der gebürtige Mailänder war wegen einer tödlich ausgegangenen Schlägerei, auch wegen der Gerüchte um seine Homosexualität vor der päpstlichen Securitate nach Neapel geflohen – wählte Ribera für sein Gemälde „Venus und der sterbende Adonis“ (1637) jenen Moment, in dem die Göttin Aphrodite ihren mit dem Tod ringenden Geliebten erblickt. Alles geschieht wie auf einer Bühne, ist theatralisch und tragisch-schön.

Urban VIII., seine Familie Barberini und andere Vertreter der hohen Gesellschaft, gaben bei den Künstlern mit Vorliebe Metaphern der biblischen, altgriechischen und altrömischen Geschichte in Auftrag. Giovanni Lanfranco etwa malte um 1634 für die Barberini die Allegorie der Musik: „Venus spielt Harfe“. Sinnliches Vergnügen und Harmonie werden hier bildhaft, und in Simon Vouets „Büßender Maria Magdalena“ von 1627 macht der Flame die Sünderin zu einer süß schmachtenden Büßerin.

Weit weniger gefühlig und opulent fiel Il Guercinos „Heiliger Lukas“ um 1623 aus. Streng blick der Evangelist im roten Mantel, Arzt aus Syrien und Schutzheiliger der Maler, den Betrachter an. Dargestellt in Nahsicht, wirkt die detaillierte Pinselführung beinahe fotografisch, dazu gibt es mythologische Verweise: Der heilige Mann ist mit seinem Symboltier, dem Stier, dargestellt.

In anderen Allegorien wimmelt es nur so von Schutzengeln, betenden Hirten und den heiligen drei Königen. Da sind brutale Kreuzigungen ebenso wie sinnliche Liebeskämpfe mit üppigen Körper(ver)drehungen dargestellt. Fast glaubt man, das inbrünstige Gebet des Heiligen Franziskus in einer düsteren Kapelle von Assisi zu vernehmen. Ein Fischverkäufer zerlegt mit bloßen Händen den Fang. Wir sehen „Bacchus und einen Zecher“ beim Saufgelage zu, wie Bartolomeo Manfredi die Weinseligkeit um 1610 derb-drollig auf die Leinwand setzte. Barock ist auch gewaltige ordinäre, heilige Lebenslust.

Die Ausstellung

Museum Barberini, Potsdam: bis 6. Oktober. www.museum-barberini.com

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