1. Startseite
  2. Kultur
  3. Kunst

Barbara Kruger in Berlin: Bitte lachen, auch wenn es zum Heulen ist

Erstellt:

Von: Ingeborg Ruthe

Kommentare

Barbara Kruger, „Bitte lachen, Please cry“ in der Neuen Nationalgalerie. Barbara Kruger/Timo Ohler
Barbara Kruger, „Bitte lachen, Please cry“ in der Neuen Nationalgalerie. Barbara Kruger/Timo Ohler © Timo Ohler

Die medienkritische Schau der amerikanischen Künstlerin Barbara Kruger in der Neuen Nationalgalerie Berlin.

Drei Fahnen flattern im Frühlingswind vor dem Mies-van-der-Rohe-Bau, dem vergangenen Sommer nach der Sanierung wiedereröffneten Lieblingsmuseum vieler Berliner. Da blähen sich die blaugelbe ukrainische Flagge als Bekenntnis der Solidarität mit dem von Putin mit Krieg überzogenen Land – und in Schwarzweiß die Banner mit den Worten „Bitte lachen“ und auf Englisch „Please cry“.

Die Aufforderung stammt von Barbara Kruger, Jahrgang 1945, Künstlerin aus den USA, aufgewachsen in ärmlichen Nachkriegs-Verhältnissen in New Jersey. Sie sagt uns mit ihrer Kunst: Bitte lachen, auch wenn es gerade zum Heulen ist! Denn es herrscht Krieg. Schon wieder mal. Putin der russische Despot und Aggressor im Bruderland Ukraine, erpresst die Welt mit seinem Erdgas und seinen Atomwaffen.

Kruger konnte sich mit ihrer Text-Kunst zeitlich nicht mehr explizit auf die schrecklichen Ereignisse im zweitgrößten Land Europas einstellen. Doch ihre Schriftbilder zur Medienkritik, zu Lügen-Propaganda, Fake-News, Manipulation und Drohungen sind universale Signale: Im Krieg stirbt als erstes die Wahrheit, dominieren die Extreme. Sie setzt nicht auf herkömmliche Bilder, sondern auf die Wirkmacht riesiger Buchstaben, Worte und Zeichen. So kommentiert sie, was in der Welt los ist und schiefläuft. Also sollten wir die Animierung zum Lachen humorvoll, mehr noch ironisch, sogar sarkastisch verstehen?

Ein Teppich von Smileys

Der Steinboden der Mies’schen Oberhalle ist mit 2500 Quadratmetern Vinyl ausgelegt. Ein Teppich aus strengen – von Kruger zumeist selbst verfassten Texten, unterbrochen oder eingesäumt von einer plakativen Ornamentik aus lauter Smileys, dieser Smartphone-standardisierten grafischen Darstellung von Gesichtsausdrücken, die Emotionen wiedergeben.

Wer diese Dinger verschickt, braucht für eine SMS oder auf Social-Media-Kanälen nicht mehr nachzudenken und über seine Gefühle Auskunft zu geben. Er kann die Sache auf diese radikal uninspirierte Weise verkürzen; für jede Gemengelage findet sich ja ein passendes Smiley. Doch um Krugers gesellschaftskritische Kunst zu erleben und erfassen, müssen wir langsam lesend auf ihr herumlaufen, sie mit den Spuren unserer Straßenschuhe versehen, die roten, weißen und schwarzen Buchstaben und Zeichen sozusagen in die Sohlen trampeln. Immerhin ist die Kunst ein Mittel zum besseren Verständnis der Welt. Wir müssen wissen, Barbara Krugers Ideal ist, wie sie es sagt, „eine klare und verständliche Kunst, die jeder bezahlen kann“.

Sie ist eine der markantesten Konzeptkünstlerinnen der Welt, mischt sich seit Jahrzehnten mit ihrer harten, direkten Bild-Ästhetik ein in politische Belange und wurde dafür international geehrt mit dem Goldenen Löwen der Biennale Venedig und hierzulande mit dem Goslarer Kaiserring. Sie bekämpfte mit ihren Schriftbildern schon die kriegerischen Interventionen der USA im Irak, den Rassismus in ihrem Land und den Hochmut des Westens gegenüber anderen Kulturen. Sie war und bleibt eine der mutigsten Kritikerinnen Donald Trumps, des unsäglichen Ex-Präsidenten der USA.

Kruger wird geachtet, in den USA freilich auch gehasst für ihre klaren Botschaften. 1991 kommentierte sie den Golfkrieg so: Sie verfremdete ein amerikanisches Sternenbanner, das anstelle der Sterne im blauen Feld die Aufforderung trug: „Denk an den Augenblick, da Stolz zu Verachtung wird.“. Anstatt der weißen Streifen im roten Feld schrieb sie zehn simple, aber unbequeme Fragen untereinander: „Wer hat die freie Wahl? Wer steht außerhalb des Gesetzes? Wer wird geheilt? Wer wird beherbergt? Wer spricht? Wer wird zum Schweigen gebracht? Wer salutiert am längsten? Wer betet am lautesten? Wer stirbt zuerst? Wer lacht zuletzt?“

Barbara Krugers Stoßrichtung ist klar: Pointierte Botschaften gegen jede Art von Gewalt, Sexismus, Misogynie, Konsum und Machtmissbrauch. Lange vor der Metoo-Debatte griff sie Themen der Gleichberechtigung auf.

Auswüchse an Dummheit

In Berlin lenkt sie den Blick unverwandt auf unsere Medienwelt, auf die sozialen Netzwerke, diese sowohl nützliche wie unnütze Dauerflut von Nachrichten und Anfragen, die ihre Empfänger freilich kaum zu einer vertiefenden Reaktion oder gar korrekten Antwort verpflichten. Dieser massenhafte Informationsverkehr bleibt so unverbindlich, wie er Auswüchse an Dummheit und auch Hass und Hetze verbreitet. Algorithmen werten nicht und haben keine Gefühle.

Als geistiges und emotionales Gegenmittel setzt Barbara Kruger in ihre Schriftbilder auf Vinyl nachdenkliche Äußerungen von Schriftstellern: Zitate von George Orwell, Walter Benjamin und James Baldwin, auch nachlesbar in einer Zeitung zur Ausstellung in Berlins Nationalgalerie . „Wenn Sie sich ein Bild von der Zukunft machen wollen“, zitiert sie Orwells „1984“ so sarkastisch wie wenig tröstlich, „dann stellen Sie sich einen Stiefel vor, der auf einem menschlichen Gesicht herumtrampelt. Unaufhörlich…“ Und dazu ein greinendes Emoji.

Neue Nationalgalerie , Berlin: bis zum 28. August. www.smb.museum

Auch interessant

Kommentare