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Mit und ohne Gedränge um sich herum immer ein ruhiger Pol: Barbara Klemm, hier Anfang Dezember im Frankfurter Westend.

Fotografie

Barbara Klemm zum 80. Geburtstag: „Konzentriertes Schlendern“

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Fotografin Barbara Klemm, die am Freitag 80 Jahre alt wird, über ihre Arbeit gestern und heute und über ihre größten Momente.

Die Menschen drängen sich zwischen Regalen und Büchertischen. Die zuletzt kommen, können sich nur noch irgendwo auf den Boden kauern. Erwartungsvolles Stimmengewirr, Begrüßungen, Gelächter. Im Zentrum des Trubels ein ruhender Pol, eine agile Frau, die wie Mitte sechzig wirkt und mit freundlichem, ein wenig distanziertem Lächeln auf das Geschehen schaut. Die Fotografin Barbara Klemm stellt in der Frankfurter Autorenbuchhandlung Marx&Co ihr neues Werk vor. Es trägt den schlichten, gleichwohl treffenden Titel „Zeiten Bilder“. Mehr muss nicht gesagt werden.

In Wahrheit feiert Klemm am heutigen 27. Dezember ihren 80. Geburtstag – und sie selbst scheint es am wenigsten fassen zu können. Schüttelt den Kopf, lacht. Ihre Bilder haben sich in das kollektive Gedächtnis der Bundesrepublik eingebrannt. Über mehr als fünf Jahrzehnte hinweg, vor und nach der Zeiten-Wende des Mauerfalls 1989. Es ist kaum vorstellbar, dass jemand noch nicht einem Bild von Klemm begegnet ist – vielleicht ohne sich dessen bewusst zu sein.

Barbara Klemm fotografiert nur analog

Eine Menschenmenge rennt untergehakt die Frankfurter Kaiserstraße hinunter – Demonstration gegen den Vietnamkrieg 1970. Joseph Beuys sitzt entspannt inmitten einer Werkinstallation, 1970 in Darmstadt. Wolf Biermann wendet sich euphorisiert vom begeisterten Publikum eines Konzertes ab, 1976 in Köln. Ein Mann mit entblößtem Oberkörper schreit seine Verzweiflung einer Polizeikette entgegen, 1981 im Kampf um die Startbahn West des Frankfurter Flughafens. Dann natürlich das Wende-Jahr 1989 in Berlin und anderswo. Aber auch Madonna beglückt-entrückt bei einer Modenschau 1993 in Paris. Andy Warhol viel früher vor dem klassischen Goethe-Gemälde von Tischbein im Frankfurter Städel. Oder Heinrich Böll bei der Sitzblockade vor dem Munitionsdepot von Mutlangen.

Viele Menschen haben ein Klemm-Bild vor Augen, das im Laufe der Zeit zu ihrem eigenen geworden ist. Die in Münster geborene Tochter des Malers und Zeichners Fritz Klemm fotografiert ausschließlich analog und Schwarz-Weiß. Zu ihren Aufnahmen lässt sich immer wieder zurückkehren, um innezuhalten, nachzudenken. Das ist umso wichtiger in einer Zeit, da die sozialen Medien ein Gefühl von ständiger Rast- und Ruhelosigkeit vermitteln, da sich viele Menschen nicht mehr die Zeit nehmen (können), um ein Buch zu lesen, einen längeren Text. Oder eben ein Bild zu betrachten und auf sich wirken zu lassen.

Wer Barbara Klemm in ihrer Frankfurter Westend-Wohnung besucht, versteht, wie eng die Symbiose zu ihrem Vater gewesen sein muss. Von ihm finden sich hier viele Aquarelle und Zeichnungen an den Wänden. Die frühesten Erinnerungen Klemms reichen zurück in die Bombennächte des Zweiten Weltkrieges, das Donnern und Pfeifen, das flackernde Leuchten der Brände bei den Angriffen auf Münster. Im Alter von vier Jahren die Evakuierung nach Isny im Allgäu.

Das Geheimnis der Fotografie

Nach dem Krieg war die Tochter dabei, wenn der Vater am Flüsschen Alb seine Staffelei aufbaute, um Landschaften einzufangen. Hier wurzelt der spätere Blick der Fotografin auf das Panorama der Fontane-Szenerie in Brandenburg, Seen, dunkle Wälder, weiter Horizont, die Wolken. Noch heute schwärmt sie vom Vater als einem „wunderbaren Maler“.

Vom Vater bekam sie das Geschenk, das ihr Leben veränderte: Eine kleine Box-Kamera in einer braunen Lederhülle, die an einem dünnen Riemen hing. Mit ihr zog sie los und bannte alles auf den Film, was ihr vor die Linse kam, bis hin zu Wassertropfen.

Als sie auf dem Gymnasium in Karlsruhe die Untertertia nicht schaffte, fiel im Gespräch von Tochter und Eltern die Entscheidung für eine solide Berufsausbildung: Eine Lehre beim Fotografen. Im Alter von neunzehn Jahren wagte Barbara es, sich bei einer Zeitung zu bewerben, die ihre Eltern stets lasen: Der FAZ in Frankfurt. Ihr gefielen die Schwarz-Weiß-Bilder des FAZ-Fotografen Wolfgang Haut. 1959 durfte sie tatsächlich seine Assistentin werden. So fing alles an.

Es ist schwer, das Geheimnis der Fotografie in Worte zu fassen. Das gilt auch für Barbara Klemm. Um sie zu verstehen, muss man sie bei der Arbeit erlebt haben. Wie sie gleichsam mit ihrer Umgebung verschwimmt, in einer Menschenmenge, sich unauffällig in einem Pulk von Politikern mittreiben lässt. „Ich bin nie als professionelle Kamerafrau aufgetreten.“ Ihre Fortbewegung beschreibt sie lächelnd als „sehr konzentriertes Schlendern“. Und gibt zu: „Man muss sich viel bewegen.“

Willy Brandt, Herbert Wehner, Helmut Schmidt beim SPD-Parteitag

In ihren Anfangszeiten als Redaktions-Fotografin der FAZ war die junge Frau „von morgens bis abends auf den Beinen“. Oft kam sie nach Stunden erst in die Redaktion zurück, brachte aber zwei, drei besondere Motive mit. Bald begleitete sie die Korrespondenten der Zeitung, in Afrika, Asien, Amerika, Europa. Klemm ließ sich nie von ihren Emotionen überwältigen. Auch wenn sie den chilenischen Diktator Pinochet hasste: Es gelang ihr, in seine Nähe zu kommen und ihn trotz misstrauischer Leibwächter zu fotografieren. Klemms Aufnahmen vom Leben der Politiker sind heute kaum noch möglich. „Es ist unglaublich schwer geworden für die jetzigen Fotografen“. Denn heute lassen sich die Politiker inszenieren, bei gleichzeitig hohen Sicherheitsvorkehrungen. „Die Politiker wissen genau, wie sie gesehen werden wollen.“

In den 70ern und 80ern konnte Klemm sich noch unauffällig auf großen Parteitagen bewegen. So gelangen ihr unsterbliche Szenen: Das Dreigestirn von Willy Brandt, Herbert Wehner, Helmut Schmidt beim SPD-Parteitag eng nebeneinander auf dem Podium und sich doch keines Blickes würdigend. Als ihr wichtigstes Bild sieht sie noch immer das Motiv mit dem sowjetischen Parteichef Leonid Breschnew, Kanzler Brandt und Außenminister Walter Scheel, die sich 1973 im Gespräch festhielt.

Stets weisen die Fotografien über die unmittelbare Szene hinaus, besitzen eine zweite Ebene, die sich beim längeren Betrachten erschließt. Klemm ist keine unmittelbare Anklägerin, sie bezieht aber unmissverständlich Stellung. Sie hält Szenen großer Armut und großen Elends fest, stets auf der Seite der Menschen. Und sie legt sich selbst auch Grenzen auf, fotografiert eine bestimmte Situation nicht, weil sie niemanden bloßstellen will. „Es gab viele Bilder, die ich nicht gemacht habe, weil ich nicht den Mut hatte.“

Barbara Klemm - Redaktionsfotografin der FAZ

Für die digitale Fotografie von heute findet sie sehr kritische Worte. „Es wird viel zu viel gemacht, meistens unkonzentriert.“ Das digitale Fotografieren „verunstaltet alle Szenen“. Und unglaublich viel Material werde produziert, ohne es zu veröffentlichen. Sie dagegen behauptet: „Ich habe nie etwas weggeschmissen.“

2005 ist Barbara Klemm offiziell als Redaktionsfotografin der FAZ in Rente gegangen. Doch von Ruhestand kann natürlich keine Rede sein. Die Trägerin des Max-Beckmann-Preises der Stadt Frankfurt und des Ordens Pour le Mérite reist noch immer mit ihrer Kamera. Sie äußert sich sehr anerkennend über große deutsche Kolleginnen wie Inge Werth oder die früh verstorbene Abisag Tüllmann. Aber mit anderen eine Agentur gründen, das wollte sie nie. „Ich bin eine Einzelkämpferin.“

Im Gespräch hat sie einmal mit sanfter Selbstironie gesagt: „Ich finde mich klassisch.“ Das bedeutet auch, dass sie mit der Ästhetik manches heutigen Zeitungs- und Magazin-Fotos auf Kriegsfuß steht. Freigestellte, angeschnittene, gar unscharfe Bilder hat sie einmal mit der ihr eigenen Offenheit als „völlig verrückt“ charakterisiert.

Am liebsten sind ihr selbst die Künstler-Porträts geblieben, im Zusammenhang mit den Kunstwerken. Wenn es einmal keinen Auftrag gibt, der sie in die weite Welt hinaus ruft, kann es sein, dass Barbara Klemm einfach mit ihrer Kamera in ein Museum geht, darauf hoffend, Menschen in der Zwiesprache mit der Kunst festhalten zu können. Dann ist sie ganz bei sich selbst.

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