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Der Bitterfelder Bogen.
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Der Bitterfelder Bogen.

Claus Bury in Hanau

Für die Balance eine Bleibe finden

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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„Meine Sicht“ nennt der Bildhauer, Maler und Fotograf Claus Bury seine fabelhafte Werkschau in Hanaus Schloss Philippsruhe.

Groß ist der Stein, größer die Stille. Am größten aber ist die stillgestellte Zeit. Allein sie ist ein Monument in den Schwarzweißfotografien Claus Burys, die er mitgebracht hat aus aller Welt. Denn monumental sind die aufgestöberten Artefakte im kambodschanischen Dschungel, monumental die Ruinenreste, die der Bildhauer vorfand, ob in Myanmar oder angesichts der Maya-Architekturen. Am monumentalsten aber wirkt die Zeit. Der zeitgenössische Bildhauer hat sich als Fotokünstler den Resten untergegangener Kulturen versichert.

Claus Bury, vor kurzem 70 Jahre alt geworden, gilt als Bildhauer. Mit dem Wort hat sich eine Vorstellung aus sehr alten Zeiten erhalten. Der Bildhauer, so liest man im „Deutschen Wörterbuch“ der Brüder Grimm, sei ein Skulpteur, der wiederum ein „guter Werkmann“ sei. Und auch wenn dieser Eintrag der gebürtigen Hanauer ein wenig antiquiert wirkt, so ist doch aufschlussreich, dass der Artikel den Bildhauer nicht nur dem Maler zur Seite stellt. Denn so sah ihn die Kunstgeschichte immer schon. Bemerkenswert ist, dass der Bildhauer in einer Reihe steht mit dem Goldschmied.

„Meine Sicht“ heißt, so lapidar wie vielsagend, die Ausstellung mit der der in Hanau ausgebildete Bury in die Stadt zurückgekommen ist. Die Ausstellung stellt die Ausnahmeerscheinungen aus Burys Künstlerlaufbahn zusammen – von den frühen und filigranen Acryl-Arbeiten des Hanauer Goldschmieds über die hochgradig feinschichtigen Experimente mit metallischen Legierungen bis hin zu Burys Wettbewerbsbeitrag zum Berliner Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Sein Vorschlag sah Mitte der 1990er Jahre einen aus Eisenbahnschienen aufgetürmten geometrischen Körper vor, dessen Form er aus dem Ineinander und der Überlagerung von Davidstern, Hexagon und Raute entwickelte.

Ineinander, Übereinander. Immer geht es bei den architektonischen Großplastiken von Claus Bury um die Behauptung einer Balance, eines prekären Gleichgewichts. Und wenn man es nur ein weniger länger bedenkt, dann geht einem auf, dass er dieses Gleichgewicht immer wieder gleichsam auf die Goldwaage gelegt hat.

Ziseliert die Anfänge, so ist es auch jetzt zu sehen, in der Ausstellung unter Glas. Filigran berechnet und ausbalanciert ist noch jedes Monument Burys, unter freiem Himmel, heute. Kein Objekt Burys, in dem nicht die Energieströme von Holz oder Stahl aufeinanderträfen, die unter Spannung gesetzten Kräfte und Gegenkräfte. Ob seine abstrakte Corten-Stahlkonstruktion „Kreislauf“ in Erlangen (2001) oder seine archaische „Vorburg“ in Schloss Achberg (2002): Seine Großplastiken sind dazu da, dass sie weit ausgreifen im öffentlichen Raum oder in der Natur, im urbanen Umfeld oder in der Idylle, im Hochhausdschungel oder in der Waldesruh. In mancher Plastik Bury wuchs zusammen, was zusammengehört: die Hochspannung und die Entspannung.

Bury hat den Betrachter vor gewaltige Stillleben (allein der Statik) gestellt, etwa beim „Landungssteg“ in Ladenburg (2005), nicht weniger beim „Bitterfelder Bogen“ (2006) in einer ehemaligen Raubbauregion. Und weil beide Skulpturen nicht nur zum Anschauen sind, sondern begehbare Körper, bewegt sich der Betrachter zwischen Kraft und Gegenkraft, bringt er in das Stillleben Bewegung. So belebt er, sich bewegend, ein Monument der gegenläufigen Energien.

Kräfte und Gegenkräfte

Bury ist ein Schöpfer des Nature morte, in seinen Objekten vor allem ein Artist des Appeasements zwischen Kräften und Gegenkräften, besonders anschaulich gemacht hat er das in „Spannungsbogen“, 2003 in Bad Homburg. Nicht von ungefähr nannte Bury eine seiner großen Ausstellungen so; „Gegenläufig“ war ein weiterer Titel, 2007 im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt. Was hier, zuvor schon in Mannheim (2002) oder später in Nürnberg (2010) in einem Großraum, auf einer Fläche inszeniert wurde, findet in Hanau nun Platz im Verwinkelten, im Dachgeschoss von Schloss Philippsruhe.

Denn Hanau lässt nicht los. An Hanau, so hat es Jacob Grimm festgehalten, hänge so mancher „wie die Katz’ am Haus“ – und eine nachhaltige Hanauaktivität gilt auch für den Weltreisenden Bury. Nach Hanau ist er immer wieder zurückgekommen, seit seiner Ausbildung in der Stadt. Bury bezog in den 60er Jahren während seiner Akademiezeit Wohnung und Atelier im spätbarocken Schloss Philippsruhe. Nach Hanau ist er immer wieder zurückgekehrt, auch als er in den 70er Jahren im Teehaus des Schlosses sein Atelier bezog – mit einem rot-weißen Bulli vor der rotweißen Mainsandsteinfassade. Ton in Ton, so zeigt es ein Foto in einer Vitrine. Fast schon ein Readymade des Easy Living.

Nicht der VW-Bulli war das Atelier, aber in seiner kompakten Stämmigkeit ein Bekenntnis Burys. Weniger ist mehr, so lautet das aus den USA kommende, von Mies stammende Credo der minimalistischen Moderne. Von der Konzentration auf die Reduktion ist Bury, der mehrere Jahre in Rhode Island lebte, nie mehr abgekommen.

Man kann das kleine, leicht verblichene Farbfoto gar nicht ernst genug nehmen. Burys Bulli wird zur Ikone der Reduktion, zumal vor einer Barockfassade von Schloss Philippsruhe, wo der Besucher jetzt auf eine besondere Promenade durch das Werk Burys geführt wird. Denn verwinkelt, wie sie ist, kommt die Promenade dem Anliegen der Kunst Burys entgegen.

Es handelt sich um so etwas wie ein sehr sinnfälliges Entgegenkommen. Laden doch die einzelnen Kabinette ebenso wie die Flure zum Verweilen ein. Verweilräume hat Bury immer wieder mit seinen Großplastiken geschaffen, ob mit seiner Schiffsbrücke im Klostergarten von Seligenstadt (2002) oder mit „Centerpark“, gedacht für New Yorks Central Park. Dort sollte mit einer Freilichtarena ein Schutzraum unter freien Himmel entstehen, erinnernd an das legendäre Londoner Globe Shakespeares.

In Hanau erinnert an Burys temporäre Skulpturen und Verweilräume eine Auswahl von Schwarzweißfotografien in den Fluren zwischen den Ausstellungskabinetten. Und weil es sich bei den Verbindungsräumen nun nicht mehr nur um Durchgangsräume handelt, sondern um Orte des Innehaltens, werden aus den transitorischen Räumen ebenfalls Ausstellungsräume der besonderen Art.

Auch sie nun Verweilräume. Wanderwege der Wahrnehmung, vorbei an Burys Brücken, seinen Bögen, dem „Gewächshaus der Gedanken“ (2010), denn so wurden die Werke im öffentlichen Raum ja konzipiert, als Ort der Kontemplation, zugleich als Schauplätze der Bewegung. Denn kein Standpunkt, den man gewinnen könnte, ohne Bewegung, Schritt für Schritt.

Sich rühren, sich verändern. Sich zum Bleiben anhalten. Tief ruhen die Skulpturen Claus Burys in sich. Sie fordern auf zum Innehalten. Doch so sehr sie eine feste Bleibe der Einkehr sind, fordern sie zugleich auf, es dabei nicht zu belassen. Deshalb gilt: sich erneut regen. Ein erster Schritt ist bereits ein Gedankenschritt.

Baupläne aus einer anderen Welt

Bewusst hat Bury manchen Hohlraum geschaffen. Manches Labyrinth, das zum Echoraum der Wahrnehmung geworden ist. Dabei sind es nicht nur die Arbeiten aus Holz, die verwurzelt sind in einer Einfachheit höherer Ordnung, beruhen sie doch auf ausgeklügelten Proportionsverhältnissen. Bei ihnen beruft sich Bury auf das Zahlensystem eines Leonardo Fibonacci (1180–1250), auf die Harmonievorstellungen einer Großmacht der mittelalterlichen Mathematik, die ein jedes Detail am Hofe Friedrich II. in ein strenges Verhältnis zum großen Ganzen unter der Sonne setzte. Anders ausgedrückt: 1+1 =2; 2+1=3; 3+2 =5; 5+3=8 ... usw.

An einem Tisch, Werkbank oder Tapeziertisch gleich, hat Bury verschiedene Holzminiaturen aufgebaut – eine Miniaturhochhauscity. Dennoch, Burys Baupläne kommen aus einer anderen Welt, seine Skulpturen basieren auf dem „Goldenen Schnitt“ – exemplarisch seine Arbeit am Baseler Platz Frankfurts. Wie sehr er den elementaren geometrischen Formen anhängt, führen in Hanau einmal mehr seine „Bauernarchitekturen“ vor Augen – Schwarzweißfotografien von gestapelten Heuballengebilden, die er auf spätsommerlichen oder raureifen Feldern vorfand.

Seine grandiose Fotosammlung, aus der auch ein Buch hervorging, ist in den letzten Jahren stetig angewachsen, mit ihr ein Archiv des Ephemeren und Archaischen. Kein temporäres Gebilde auf diesen Fotos, dessen Form nicht aus einer tröstlichen Weltferne käme.

Mit Pyramide oder Kegel, Würfel oder Zylinder, mit den Elementarformen der Baukunst sind Bauern in der Eifel oder in Italien auf ihren Feldern gegen das Zeitliche vorgegangen. Ballen liegen da wie ein Bauernhaus aus uralter Zeit, der Bronzezeit. Strohbündel fügen sich zu einer ägyptischen Stufenpyramide. Garben lassen an ein archaisches Nomadenzelt denken, Getreideballen an einen griechischen Tempel. Und, alles was herkommt von sehr weit, hat seine Zeit. Der Reisschober in Kambodscha, die Korngarbe in Thüringen. Der Reliquienschrein, den ein toskanischer Bauer mit Strohquadern nachempfand.

Konsequent schwarz-weiß sind die Fotografien. Hyperreal wirken die Körnerfrüchte in Burys grobkörnigen Lichtbildern, kontrastreich das Struppige und Strohige. Bewusst unscharf sind auch die Fotos von den Monumenten der Architektur weltweit. Die Unschärfe der Fotos, das vibrierende Licht über den Pyramiden von Gizeh, das flüssige über einer Felsformation in China rückt die Steine in eine weitere Distanz. Nicht zuletzt auch diejenigen Steine, die Bury im Jahr 2005 noch in Palmyra vorfand. An Hanauer Museumswänden bilden die Reste ein stummes Requiem an den Wänden.

Foto und Skulptur, Abbildung und Objekt selbst – fabelhaft ist der Spannungsbogen, den die Retrospektive durch das Werk Burys schlägt, zu der, worauf die Ausstellung nachdrücklicher hinweist als bisherige, die Gouachen des malenden Bury gehören. Versammelt unter Glas seine Notizbücher und Zeichenmappen, mit denen er weltweit Tempel und Burg, Säule und Gebälk festhielt, häufig in erdfarbenen Tönen. Die gewellten Blätter sind aufgesogen von Sinneseindrücken und Gedanken.

Mächtig ist das Bild, mächtig der Bogen, der mit ihm gespannt wird, am meisten greift aus die Balance, in der die Unruhe zur Ruhe findet. Zur Ruhe? In Thailand fand er eine gigantische Plastik vor, einen Kopf mit menschlichen Zügen. Das menschliche Artefakt, das heilige, womöglich dämonische Antlitz wurde von Urwaldwurzeln überwuchert. Monumental ist der Passepartout der Natur. Eingerahmt zeigt sich ein vergängliches Artefakt wie in einem gewaltigen Schraubstock der Natur.

Schloss Philippsruhe, Hanau: bis 26. Juni. Ein Katalog ist im Wienand Verlag erschienen. 

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