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Andrea Bowers, „My Name Means Future“, Videostill.

Sinclair-Haus

Bakterien zu Blüten

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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„Was ist Natur?“ fragt eine wundersam vielfältige Ausstellung im Bad Homburger Sinclair-Haus.

Gut zwei Stunden Video sind nicht viel angesichts von etwa viereinhalb Milliarden Jahren, die die Sonne nun schon das tut, was der Mensch, gern alles im Universum auf sich beziehend, so verniedlichend „scheinen“ nennt. Aber sitzt man im Bad Homburger Sinclair-Haus auch nur eine Weile vor Katharina Sieverdings Video „Die Sonne um Mitternacht schauen“, für das sie 200 000 hochaufgelöste Nasa-Fotografien verwendet hat, begreift man: Die Sonne glüht, brennt, lodert, spuckt höllenheiße Geysire, von denen wahrscheinlich jeder einzelne die Erde verschmurgeln lassen könnte wie ein zusammengeballtes Papiertaschentuch.

Möchten wir diese Gewalt, dieses unvorstellbare Lodern als „Natur“ bezeichnen? „Was ist Natur?“ fragt nämlich die neue Ausstellung im Museum Sinclair-Haus, wartet auf mit Pflanzen – und wem, in der Tat, fallen Pflanzen und auch Tiere nicht als erstes ein? –, wartet aber auch auf mit Sieverdings Feuerball, mit einem Monobloc-Stuhl aus Recyclingmaterial, mit Bruce Conners „Crossroads“, einem 36-minütigen Film, der auf Original-Aufnahmen eines Atomtests von 1946 beruht.

Ist jedes Atom erstmal Natur, ist also eine Atombombe auch Natur – obwohl es uns zweifellos zutiefst widerstrebt, eine zerstörerische Erfindung des Menschen so zu bezeichnen? Jedenfalls hat eine Atombombe unmittelbar und nicht unmittelbar sichtbare Auswirkungen auf das, was wir gewohnheitsmäßig Natur nennen. Bruce Conners aus dem Material von 700 Kameras zusammengestellter Film zeigt zum Beispiel die Meeresoberfläche, wie sie vom Druck der Bombe kreisrund und schaumweiß eingedellt, geplättet, dann aufgewühlt wird, wie sie sich in Mustern kräuselt, die es in der Natur dann doch nicht gäbe. Auf einem Fotostill aus dem Film sieht der Atompilz übrigens aus wie ein sahniger Geburtstagskuchen auf einem weißen Papierdeckchen.

Auf den uninformierten Blick eine hübsch bunte Computerspielerei dagegen François-Joseph Lapointes „Microbiome Selfies“. Aber Lapointe ist auch Biologe, er hat für diese Arbeit 1000 Menschen die Hand geschüttelt (gewiss war das vor Corona) und zwischendurch Abstriche aus seiner Handfläche gemacht. Nun veranschaulichen Tausende von feinen farbigen Strichen „die Anzahl sowie die Vernetzung der anwesenden Bakterien“. Manche Anwesenheitsliste sieht aus wie eine Knospe, die von hauchdünnen Staubgefäßen umgeben ist – sind das irgendwelche Ausreißerbakterien, die gleichsam die Ränder ihrer Welt erkunden?

Echtes Tausendgüldenkraut, Australischen Gänsefuß, Kurzfrüchtiges Weidenröschen haben Naturforscher auf dem Gelände des Frankfurter Flughafens gefunden, als sie den Lebensraum Flughafen erforschten. Die Ausstellung zeigt eine kleine Dokumentation. Urs Wyss brauchte sogar nur bis zum Lindenbaum im Garten des Sinclair-Hauses zu gehen, um die Besucherin nun leicht schaudern zu lassen angesichts von Tierchen, die andere Tierchen gnadenlos aussaugen.

Für synthetischen Dünger wollte die BASF werben, als sie Max Reichmann mit einem „Blumenwunder“ beauftragte, Zeitraffer-Filme, in denen man Pflanzen wachsen und mit Trieben ausgreifen, geradezu nach Halt angeln sieht. Von Gräsern fast liebevoll eingehüllt und gestreichelt, von der Landschaft getragen erscheint die 16-jährige Tokata Iron Eyes, während sie in Andrea Bowers’ „My Name Means Future“ über ihre Identität als Indigene und ihren Widerstand gegen eine Öl-Pipeline durch Sioux-Land spricht. Pessimistisch ist sie nicht.

Museum Sinclair-Haus, Bad Homburg: bis 24. Januar. www.museum-sinclair-haus.de

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