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Still liegt der Ort einstweilen.
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Still liegt der Ort einstweilen.

Neue Nationalgalerie Berlin

Bäumchen pflanzen

  • vonIngeborg Ruthe
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Die Hüllen der sanierten Neuen Nationalgalerie in Berlin sind gefallen, doch die Türen bleiben zu. Ein Spähgang von Ingeborg Ruthe.

Wie ein eckiger Riesenkristall strahlt der Glas-Stahl-Stein-Tempel für ein paar Minuten in der geizenden Wintersonne. Keine Hülle verdeckt mehr das klassische Ebenmaß des Mies-van-der-Rohe-Baus an der Potsdamer Straße, seit 52 Jahren die Neue Nationalgalerie. Aber ich darf nicht rein, wie es doch eigentlich kurz vor Weihnachten angekündigt war.

Nicht vor dem 29. April, heißt es nun. Bis dahin, ein Tag der offenen Tür ist versprochen – liegt das Museum weiter im Tiefschlaf. Und das ist auch vom Lockdown bedingt. Erst im Frühling bekommen die Staatlichen Museen Berlin – und gewiss in einem heiligen Akt – den Schlüssel vom BBR zurück, dem Bundesamt für Bauen und Raumordnung. In deren Händen und in denen der David-Chipperfield-Architekten lagen die vier Jahre der Generalsanierung für 140 000 Millionen Euro. Im Sommer kehrt die Kunst in Berlins schönstes Ausstellungshaus zurück.

In den hohen Glasfassaden, dieser Symbiose aus Gegenständlichkeit und Abstraktion, spiegelt sich die urbane Umgebung: Fassaden der alten und neuen Häuser am Schöneberger Ufer, eine ganze Ecke vom steinernen Kulturforum, und vor allem Schinkel-Schüler August Stülers anmutige St. Matthäuskirche mit ihrem schlanken, fast italienisch anmutenden Turm. Der 1968 eingeweihte Nationalgalerie-Palast des Bauhausmeisters Mies van der Rohe wird mit seiner Transzendenz zum Bild-im-Bild-Ereignis. Man geht mit Blicken hinein in das „intellektuelle Programm“ des Mies’schen Bauens, gelangt vom Zweckhaften über das Sinnhafte bis in die Sphären der reinen Kunst. Das Schöne sei der Glanz des Wahren.

Auf dem Plateau ums Haus, als Skulpturengarten angelegt, fehlen noch die vertrauten Nachkriegsmeisterwerke der Bildhauerkunst, wie Moores glänzender „Archer“, Calders schwarze „Köpfe und Schwanz“-Tierschablonen oder Newmans roter „Gebrochener Obelisk“. Auch Wieland Försters DDR-Avantgarde-Bronze, die „Große Neeberger Figur“ liegt noch im Depot.

Zwei Männer durchqueren das geisterhafte Ambiente. Gärtner. Sie sind dabei, Bäumchen zu pflanzen. Ob die bis April Wurzeln schlagen? Nun, die Natur weiß sich bekanntlich besser zu helfen als die Menschen. Auch mein roter Sticker mit dem „I like Mies“- Bekenntnis am Mantelkragen (ein Souvenir aus dem Hohenschönhausener van-der-Rohe-Haus, dem letzten Wohnhaus, das der Architekt vor seiner Emigration in die USA baute und heute ein kommunales Museum ist) hilft nicht, hineinzugelangen. Kein Wachmann, bei dem ich bitten und betteln könnte. Und die für Schmeicheleien unempfänglichen Drehtüren bleiben verschlossen wie Tresore. So kann ich nur sehnsüchtig durch die massiven Glasfassaden ins Innere der Oberhalle des Museums schauen. Und stelle mir vor, wie all die vertrauten und liebgewonnenen Bilder und Skulpturen, Plastiken und Installationen in den Depots liegen, die seit 2016 keines Blickes gewürdigt werden konnten.

Die Verantwortlichen hatten sich nämlich, aus welchen Gründen auch immer, nicht entschließen können, einige dieser Werke auf Tour zu schicken, durchs Land, durch die Welt, um so den Rang der Berliner Sammlung gerade mit ihrer wechselhaften und dramatischen Vor- und Nachkriegsgeschichte, auch der des Kalten Krieges, deutlich zu machen. Berlin hat die Chance verpasst, sie international zu positionieren. Und damit auch sich – als Weltmetropole.

Erinnerungen, las ich kürzlich, könnten wie eine Schatztruhe sein, in der man auch in schwierigen Zeiten mit einem Lächeln stöbern könne. Ich war am 11. November 1989, dank Mauerfall, das erste Mal in diesem Bau, von dem es heißt, er sei ein Sehnsuchtsort der Künstler. Wer hier ausstellt, hat die Weihen erhalten. Ich stand Aug in Aug mit Max Ernsts Plastik „Capricorn“, dem thronenden Steinbock, Herrscher im Sternzeichen Saturn, neben ihm die Ziegenfrau und das Kind: ein Fisch. Ich spürte hautnah die Magie des Surrealismus. Und ich begriff vor Barnett Newmans mehrmals von Attentätern heimgesuchten Farbtafeln „Wer hat Angst vor Rot, Gelb, Blau?“, was ein derart provozierendes Manifest der abstrakten Malerei bedeuten kann.

Das war also das Who’s Who der klassischen wie der Nachkriegsmoderne des Westens, von der einem im Osten oftmals nur ein Zipfel vergönnt war. Bei „Picasso privat“ 2005 liefen zur Überraschung aller die in Schönheit gealterten Abkömmlinge des Genies, Claude und Paloma Picasso, durch die Nationalgalerie. Ungewollte Aufregung gab es in der wirkmächtigen Arte-Povera-Schau des griechischen Römers Jannis Kounellis 2007: In dessen Reis- und Bohnensäcke-Installation in der Oberhalle hatte sich eine fröhliche Mäuse-Population breitgemacht und leistete der Vertreibung ebenso hartnäckigen wie schlauen Widerstand. Zur „Sozialen Skulptur“ a la Beuys kam es beim Besucheransturm zum MoMA-Spektakel 2004, da wurde vor dem Mies-Bau sogar campiert, um an der Kasse am Morgen zuerst da zu sein. Die Schönheitsanbeter kamen in der Impressionisten-Schau „Die schönsten Franzosen kommen aus New York“ 2007 auf ihre Kosten.

Nicht zuletzt feierte der derzeit weltberühmteste Maler Gerhard Richter 2012 mit seinen Bildern fulminant den 80. Geburtstag im Mies-van-der-Rohe-Bau. Und nach seinem Wolken-Atlas, der die Stellwände bis zur Decke füllte, zog im Herbst für einen Tag VW in die Oberhalle ein, um die siebte Generation des Golf zu präsentieren. Drinnen gab’s für 750 Gäste Schampus und Häppchen. Draußen Proteste von Greenpeace.

Das Haus hat nach dem Mauerfall Etliches an deutsch-deutscher Kunstgeschichte erlebt: 2003 konnte man die „Kunst der DDR“ sehen, diesen so schwierigen wie lohnenden Versuch, West-Ost-Gräben von Stilen und Ideologien zu überbrücken – von abstrakt bis figürlich. 1994 musste der damalige, inzwischen verstorbene Nationalgalerie-Direktor Dieter Honisch sich bei der Berliner CDU-Fraktion wie ein sündiger Klosterschüler rechtfertigen, weil er es gewagt hatte, das DDR-Bilder-Depot der wiedervereinten Nationalgalerie zu öffnen und in spannender Gegenüberhängung die berühmtesten Maler der beiden deutschen Staaten kommunizieren zu lassen. Das war Zündstoff, als Willi Sittes „Leuna II“-Epos optisch auf Konrad Klaphecks „Ende der Reformen“ prallte.

Weit mehr als nur eine Markierung im Kunstkalender bekam bei mir die Ausstellung „Der geteilte Himmel“ nach dem Roman von Christa Wolf. Ein echter Brückenschlag der Kuratoren Udo Kittelmann und Joachim Jäger. Das war 2011, die Schau mit Kunst aus dem geteilten Deutschland 1945 setzte einen Punkt hinter den bis dahin zumeist fruchtlosen, beschämend unfairen Ost-West-Bilderstreit. Sie hatte mehr gegenseitige Akzeptanz, Interesse zur Folge. Und zugleich wuchs die Neugier.

Während ich durch die Glasscheiben der Neuen Nationalgalerie in die riesige leere Oberhalle schaue, wünsche ich mir, dass dieser Dialog von 2011 zügig fortgesetzt wird. Derweil wächst, gleich in der Nachbarschaft, zwischen Mies’ Tempel und Scharouns Philharmonie, die neue Galerie der Moderne als Museum des 20. Jahrhunderts heran. Bis sie steht, wird man einer neuen Generation noch sehr viel zu erklären haben, was es wirklich auf sich hat mit der so unterschiedlichen Kunst der alten Bundesrepublik und der untergegangenen DDR.

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