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„Gebel pinx“: Man geht davon aus, dass Johann Emanuel Göbel hier Bach gemalt hat.

Ausstellung

„Bilder Rätsel – Zur Bach-Ikonographie“ in Eisenach: Wer nur die Bilder anschaut, erfährt nichts

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„Bilder Rätsel – Zur Bach-Ikonographie“ heißt eine sehr sehenswerte Ausstellung im Bachhaus Eisenach.

Wer nach schönen Bildern von berühmten Malern sucht, der muss nicht in diese Ausstellung. Wer es liebt, mit schnellen Schritten an möglichst vielen Bildern vorbeizugehen und sich dann und wann einmal angesprochen zu fühlen von dem einen oder dem anderen Bild, auch der erspare sich die Fahrt. Wer Johann Sebastian Bach (1685-1750) in die Augen – und sei es nur in die gemalten – schauen mag, selbst der wird ohne diese Ausstellung auskommen.

Gegen alle drei Verfahren ist nichts zu sagen. Aber es gibt noch andere Wege zu anderen Zielen. Im Bachhaus in Eisenach wird einer gezeigt, der Zeit erfordert und Geduld, der aber auch zeigt, wie viel Zeit und Geduld nötig sind, um uns die anderen Wege erst zu bahnen. Der aufmerksame Besucher der Ausstellung „Bilderrätsel“ erfährt, wie viel detailverliebter Arbeit es bedarf, auch nur herauszubekommen, wer Maler und Porträtierter waren, welche Irrwege gegangen wurden. Aus Geldgier, aus Renommiersucht und aus Liebe. Die Eisenacher Ausstellung muss gelesen werden. Wer nur die Bilder anschaut, erfährt nichts.

Zum Beispiel das Gemälde oben auf der Seite. Es wurde erst 1985 in Berliner Privatbesitz gefunden. Es hat also mit der Geschichte unseres Bildes von Johann Sebastian Bach nichts zu tun. Sollte man meinen. Aber das ist nicht richtig. Diese Bachdarstellung, so schreibt Jörg Hansen, der Direktor des Bachhauses Eisenach im Katalog zu der von ihm kuratierten Schau, „wurde zum dominierenden Bach-Bild der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“.

Der Grund: die wöchentlich erscheinende „Allgemeine Musikalische Zeitung“ druckte auf dem Titel ihres ersten Jahrgangs 1798/99 ein Porträt von Johann Sebastian Bach. Die Zeitschrift erschien in dem 1719 gegründeten und heute noch immer bestehenden Verlag Breitkopf & Härtel. Goethe war Abonnent, Beethoven und Haydn bekamen Freiexemplare. Die Zeitschrift prägte Musikverstand und Musikempfinden der Zeit und das Bild, das man sich von den Komponisten machte. Also auch das von Johann Sebastian Bach.

Reinhold Hanischs Bach-Silhouette.

Neben dem Kupferstich auf dem Titelblatt der Zeitschrift ist noch ein Einzelblatt desselben, allerdings deutlich größeren Stiches erhalten. Unter dem steht „Gebel pinx Leipzig“. Der vielfach nachgedruckte Stich basierte also auf einem in Leipzig gemalten Gemälde.

Die Allgemeine Musikalische Zeitung erschien in Leipzig. Ihr erster leitender Redakteur war Friedrich Rochlitz (1769–1842). Er war Schüler und Knabensopran der Leipziger Thomasschule. Mehr als ein Vierteljahrhundert nach Bachs Tod. Dem Titelkupfer folgte, soweit ich sehen konnte, im ersten Jahrgang kein Artikel über Bach. In der Ausgabe vom 6. Februar 1799 beginnt dafür eine Korrespondenz über ein Konzert, das im Pariser Botanischen Garten im Mai 1798 gegeben wurde. Den Elefanten!

Schluss damit. Lesen Sie selbst nach. Die Zeitschrift gibt es im Internet. Zurück zu Bach!

Zurück zu dem Kupferstich, zurück zu „Gebel pinx“. Als das Gemälde 1985 auftauchte, entschied sich die Wissenschaft aus stilistischen Gründen für Johann Emanuel Göbel (1720–1759). Der bot außerdem den Vorteil, dass er beim Malen den lebendigen Bach vor Augen gehabt haben könnte. Damit hatte das bis dahin einzige wirkliche Bach-Porträt Konkurrenz bekommen. Allerdings ist das Bild weder signiert noch wird der Dargestellte erklärt. Das Göbel zugeschriebene, angeblich Bach darstellende Porträt gehört dem Bachhaus Eisenach/Neue Bachgesellschaft.

Der einzig wahre Bach hängt im Alten Rathaus in Leipzig. Es handelt sich um jenes inzwischen weltweit wohl am häufigsten abgebildete Gemälde, auf dem Bach mit seiner rechten Hand dem Betrachter ein Notenblatt entgegenhält, das eben jenen Kanon zeigt, den Bach eben der Sozietät widmete, der er 1747 beitrat. Und der nach deren Statuten „jedes Mitglied sein Bildnis, gut auf Leinwand gemalet“ zukommen lassen musste.

Von diesem Gemälde gibt es eine Reihe unterschiedlicher Fassungen. Der Streit darum, welches das Original und welches die Repliken seien, wurde entschieden, als man 1913 bei Restaurierungsarbeiten hinter einer später hinzugefügten Leinwand auf der alten die Signatur entdeckte: „EG Haußmann pinxit 1746“. Also hatte ein unzweifelhaftes Bachporträt jetzt auch seinen unzweifelhaften Maler bekommen. Hier passte jetzt einfach alles. Mehr geht nicht.

Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt. Aber auch für den, dem so viel Lückenlosigkeit kein Unbehagen bereitet, ist ein Haken dran: die Restaurierung. Sie erbrachte einerseits den Nachweis der Echtheit, zugleich aber ruinierte sie sie.

Kenner gehen davon aus, dass frühe Kopien uns das Original besser zeigen, als es selbst sich heute präsentiert. So schreibt Jörg Hansen im Katalog: „Die am besten erhaltene und zugleich älteste noch vorhandene Kopie ist erst im Bach-Jahr 1950 ‚überraschend aus dem Dunkel aufgetaucht‘.“ Wie schön das Bach-Jahr mit seiner Bach-Konjunktur zum „auftauchen“ passt!

Ein erheblicher Reiz der Ausstellung liegt darin, dass sie stets auf den trügerischen Charakter der falschen Gewissheiten hinweist. Man verlässt die Ausstellung misstrauischer als man sie betrat. Das ist nicht jedermanns Sache. Wer sich sein Weltvertrauen nicht nehmen lassen möchte, vermeidet vielleicht auch besser einen Besuch.

Andererseits zeigen Ausstellung und Chef des Hauses, wie viel Spaß Prüfen machen kann. Man mag misstrauischer werden beim Gang durch die Ausstellung, aber man ist besserer Laune.

Zum Beispiel die Silhouette. Bach im Profil. Ein beliebtes Motiv auf Porzellantassen. Skeptisch konnte man schon immer sein. Denn der richtige Silhouetten-Boom kam erst nach Bachs Tod auf. Merkwürdig war auch, dass die Bach-Silhouette erst 1908 das Licht der Welt erblickte und zwar in einer Berliner Versteigerung aus einer Prager Sammlung. Es ging um Silhouetten von Johann Sebastian Bach und seiner ersten Gattin. Die Originale der Silhouetten sind verloren gegangen. 1921 und 1935 tauchten zwei seitenverkehrte Versionen, Glasbilder, der Bach-Silhouetten auf. Sie wurden ins 18. Jahrhundert datiert. 2007 erwarb das Bachhaus Eisenach die Fassung von 1921 und entdeckte versteckt im die Silhouette umgebenden Rankenwerk eine Signatur: „Reinhold Hanisch fecit“.

Caroline Wilkinsons Rekonstruktion von 2008.

Eine wirkliche Entdeckung, ja eine Sensation. Reinhold Hanisch (1884–1937) brachte es inzwischen zu Weltruhm. In einem Wiener Obdachlosenasyl arbeitete er 1910 bis 1912 mit einem jungen Mann namens Adolf Hitler zusammen. Die beiden malten und verkauften Bilder und Zeichnungen. Er hatte auch damals schon zusammen mit Hitler solche historisierenden Silhouetten produziert. Sie blieben, so der Katalog, bis in die 1930er Jahre seine Haupteinnahmequelle.

Ich gestehe: Ich finde das viel interessanter als eine Ausstellung mit fünfzehn echten Bachs, vor denen man steht und darüber rätselt, wie sich h-Moll Messe, Matthäus Passion und Kaffeekantate, wie sich „Schlummert ein, ihr matten Augen“ und die „Goldberg Variationen“ in der Physiognomie ausdrücken. Sie tun es, all unserem diesbezüglichen Verlangen zum Trotz, definitiv nicht. Wir können Gesichter nicht lesen. Allenfalls Ausdrücke.

Das Verlangen, im Bach von 1746 den Komponisten zu erkennen, der mit der „Kunst der Fuge“ beschäftigt war, ist riesig. Wir sind Augentiere und wollen sehen, was ist. Die Wahrheit aber ist: Zu oft sehen wir nur, was wir wissen. Unser Gehirn modifiziert unsere Eindrücke. Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt.

Wir lesen in die Welt mehr hinein, als wir sie lesen können. Darum ist das Lesen in Ausstellungen so wichtig. Wir glauben, den Bildern auf den Leim zu gehen. In Wahrheit erliegen wir dabei den unser Gehirn durchziehenden Vorstellungen. Aber damit wir ihnen nicht gänzlich ausgeliefert sind, müssen wir hinausgehen, die Augen aufhalten, uns den Schön- und den Schrecklichkeiten des Lebens aussetzen.

In der Ausstellung in Eisenach ist ein Gemälde zu sehen, das eine Zeit lang als Bachporträt galt. Als man auch hier auf der Rückseite ein Stück einer neuen Leinwand entfernte, entdeckt man darunter: „John Harrison, Inventor of the Chronometer“. Harrisons (1693–1776) Uhren ermöglichten erstmals präzise mechanische Zeitmessungen und damit die genaue Bestimmung des Längengrades auf See. Das war eine der Grundlagen für Englands nautische Überlegenheit.

Von Harrison gibt es kein gemaltes Porträt. Aber die National Portrait Gallery in London lehnte ab. Der Herr habe keine Ähnlichkeit mit den zeitgenössischen Kupferstichen, die Harrison zeigen. Er ist nicht der einzige Bach, der auf der Strecke geblieben ist. Bei manchen Bachs glaubt man jetzt zu wissen, wer es sein könnte, aber vielleicht liegt das lediglich daran, dass sich für sie niemand so sehr interessiert wie für Johann Sebastian Bach. Also lange nicht so intensiv nachgeforscht wird.

In Eisenach lernt man, seinen Augen zu misstrauen. Aber gerade dabei lernt man, sich ihrer zu bedienen. Die Ausstellung funktioniert wie eine Krimiserie. Da ist immer etwas Neues. Aber die Techniken sind immer dieselben: Das entlegenste Detail kann zentrale Bedeutung erlangen. Alles muss in Frage gestellt werden.

Bachhaus Eisenach: bis 10. November. bachhaus.de

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