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Ausstellung „Zurück ins Licht“ im Jüdischen Museum Frankfurt: Welt hinter den Träumen

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Von: Lisa Berins

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„Frau im lila Kleid (Porträtstudie)“ von Ruth Cahn, 1920er Jahre. Foto: Privatsammlung M.Kopp
„Frau im lila Kleid (Porträtstudie)“ von Ruth Cahn, 1920er Jahre. Foto: Privatsammlung M.Kopp © Privatsammlung M.Kopp

Ein Rechercheprojekt des Jüdischen Museums Frankfurt holt vier deutschjüdische Künstlerinnen zurück ins Licht der Öffentlichkeit.

Rosy Lilienfeld weiß von einer Welt, die hinter den Träumen ist. Die wirklichen Dinge, die Gegenstände, der Raum und das Licht, sind klar und wahr in ihren Zeichnungen, doch ihre Beziehungen zueinander sind visionär, aus Ahnung geboren“, schreibt die Kunsthistorikerin Sascha Schwabacher im Jahr 1935 im „Israelitischen Gemeindeblatt“ über die heute vergessene Frankfurter Zeichnerin Lilienfeld, die 1942 in Auschwitz ermordet wurde. Der Artikel mit dem Titel „Atelierbesuch bei Frankfurter Künstlerinnen“ ist zu einer Art Drehbuch für die Ausstellung „Zurück ins Licht. Vier Künstlerinnen – Ihre Werke. Ihre Wege“ im Jüdischen Museum Frankfurt geworden: Das Publikum kann jetzt selbst durch die Ateliers der vier Künstlerinnen streifen. Es wird überrascht sein, wie progressiv diese vier Frauen waren, die sich zu einer schwierigen Zeit als Künstlerinnen neben ihren männlichen Kollegen behaupteten – und deren Karrieren mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten abrupt endeten.

Rosy Lilienfeld, Amalie Seckbach, Erna Pinner, Ruth Cahn – sie alle sind inspirierende Wiederentdeckungen; sie reisten um die Welt oder studierten in Paris, stellten ihre Werke aus, sie publizierten oder sammelten Kunst, sie prägten die Kunstszene Frankfurts in den 1920er Jahren. Dass sie durch eine geschickt inszenierte Ausstellung wieder ins kollektive Gedächtnis gerufen werden, ist einem Team um die stellvertretende Direktorin Eva Sabrina Atlan zu verdanken, das sich in ein großes Rechercheprojekt hineingearbeitet hat. Anfangspunkt war eine zufällige Entdeckung im eigenen Haus.

Während der Digitalisierung der Museumssammlung stieß Atlan auf hochkarätige expressionistische Werke einer Zeichnerin, deren Namen sie bisher nicht gehört hatte: Rosy Lilienfeld. 45 Arbeiten lagerten im Depot. Es waren faszinierende Zeichnungen: Stadtansichten von Frankfurt, literarische Illustrationen, Grafikserien zur jüdischen Mystik, nächtliche Traumszenen und „Spukbilder“. Wer war diese Frau, die mit Tusche, Bleistift, Kreide und Kohle mit sicherem Strich diese starken, oft unbehaglichen, manchmal bedrohlich wirkenden Szenen aufs Blatt brachte?

Atlan fing an zu recherchieren; in Datenbanken und Archiven, und folgte der Spur der Künstlerin in die Niederlande. 1939 hatte Lilienfeld einen Ausreiseantrag nach England gestellt, sie war mit ihrer Mutter auf dem Weg ins Exil, schaffte es aber nur bis Utrecht, von wo aus sie von den Nazis nach Auschwitz deportiert wurde. Ihre Mutter überlebte in einem Stift in Utrecht; sie stellte 1945 einen Suchauftrag: Vor drei Jahren habe sie das letzte Mal von ihrer Tochter gehört, sie sei in Polen.

In der Ausstellung werden neben Lilienfelds Zeichnungen auch Dokumente der Recherche präsentiert, etwa die Inventarliste zur Ausreise, auf der zu sehen ist, dass Lilienfeld viele Arbeiten mitgenommen hatte. Einige konnten ausfindig gemacht und angekauft werden; sie zeigen das Talent der Künstlerin, die am Städelschen Kunstinstitut bei Ugi Battenberg studierte und von dem zu der Zeit in Frankfurt lebenden Max Beckmann beeinflusst war. Ihre Arbeiten wurden damals im Kupferstichkabinett und im Jüdischen Frauenbund ausgestellt.

Besonders beeindruckend ist Lilienfelds tiefgehende Beschäftigung mit ostjüdischen Traditionen und mit Martin Bubers literarischen Schilderungen um die mystische Figur des Rabbi Israel ben Elieser, genannt Baal Schem Tov. Lilienfeld erzählte die Schilderungen in einer eigenen Veröffentlichung nach. Es gibt einen vorausgehenden Briefwechsel mit dem damals in Heppenheim lebenden Buber; er verweist auf einen möglicherweise interessierten Verlag.

Einige Zeichnungen, wie die Illustration von E. A. Poes „Der verlorene Atem“, wurden nicht veröffentlicht. Was wohl mit schwieriger werdenden Lebensumständen zusammenhing; nicht nur äußeren, auch mit dem Kampf gegen innere Dämonen. Im Zuge der Recherche tauchten ärztliche Akten aus der „Städtischen Irren-Anstalt“ auf, die eine psychische Erkrankung schilderten. Düstere, alptraumartige Szenen mit Todessymbolik weisen auf eine Auseinandersetzung mit ihrer Krankheit hin – rückblickend können diese Werke auch als Vorboten des Horrors gelesen werden, der ihr und Millionen anderen Menschen durch das nationalsozialistische Regime bevorstand.

Lilienfelds Leben und Werk wären schon eine Ausstellung wert gewesen, aber die Beschäftigung mit ihr war nur der Startpunkt einer noch umfassenderen Recherche. Während ihrer Arbeit stieß Eva Sabrina Atlan auf den eingangs zitierten Zeitungsartikel; er animierte dazu, auch die darin erwähnten drei weiteren, weitgehend vergessenen Künstlerinnen zurück ins Licht zu holen.

In der Ausstellungsarchitektur, die vier abgetrennte Atelierräume bildet, entdeckt man im nächsten Raum Amalie Seckbach (1870 Hungen – 1944 Theresienstadt): eine Sammlerin chinesischer und japanischer Kunst, die erst mit 52 Jahren, nach dem Tod ihres Ehemannes, dem Architekten Max Seckbach, damit anfing, Porträtköpfe und Masken zu modellieren. Bei einer Reise 1929 nach Belgien lernte Amalie Seckbach den Maler James Ensor kennen, der von ihren Skulpturen begeistert war und sie einlud, mit ihm auszustellen. Unter seinem Einfluss begann Seckbach mit 60 Jahren international auszustellen.

Auch Amalie Seckbach wurde in ein Konzentrationslager gebracht; in Theresienstadt begann sie, auf dünnem Wachspapier zu zeichnen. Ihre Motive zeigen keine Lagerszenen, sondern die Flucht in die Fantasie; Landschaften, Abstraktes. Ihr Bruder überlebte und schaffte es, ihre Werke und ein von ihr selbst geschriebenes Vermächtnis über den Verbleib ihrer Arbeiten zu retten. Dieses Vermächtnis ist in der Schau zu sehen, es gibt Anlass für weitere, noch ausstehende Recherchen, wie Atlan sagt.

Im nächsten Atelier: Ruth Cahn (1875 Frankfurt – 1966 Frankfurt). Die „Wilde“ unter den vorgestellten Frauen. Ihre Biografie ist bisher bruchstückhaft bekannt. Cahn lernte Kunstmalerei in München und in Paris bei den Fauvisten, sie stellte in Barcelona in der Avantgarde-Galerie Dalmau aus und gehörte in den 1920ern zum etablierten Kreis Frankfurter Kunstschaffender. Für ihre Aquarelle fand sie in Frankfurt geeignete Motive; der Palmengarten war ihr Sehnsuchtsort. Im Alter kehrte Cahn, die sich ins Exil nach Chile und Spanien gerettet hatte, in ihre geliebte Heimat Frankfurt zurück. Seit ihrer Flucht im Jahr 1935 hat sie nie wieder gemalt.

Es sei nicht einfach gewesen, Exponate von Cahn und Seckbach ausfindig zu machen, erzählt Eva Sabrina Atlan. Um sie zu würdigen, wurde die Künstlerin Elianna Renner damit beauftragt, sich mit den Leerstellen im Leben der beiden Frauen auseinanderzusetzen. Entstanden ist eine dreiteilige, humorvolle Video-Installation, die gewissermaßen als Outro und Blick in die Zukunft zu verstehen ist. Kurz vor Ausstellungseröffnung habe sich außerdem der Besitzer eines bisher nicht auffindbaren Werks von Ruth Cahn gemeldet. Es soll nachträglich Eingang in die Ausstellung finden.

Last but not least: Im vierten Atelier lernen die Besucherinnen und Besucher die bekannteste der vier Künstlerinnen kennen. Erna Pinner (1890 Frankfurt – 1987 London). Sie studierte am Städelschen Kunstinstitut, in Berlin bei Lovis Corinth, danach in Paris und wurde als Zeichnerin und Autorin bekannt. Gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Kasimir Edschmid, reiste sie durch Europa, Afrika und Südamerika und publizierte eigene Bücher. Als sie ins Exil nach London ging, kam Edschmid nicht mit. In der Ausstellung sind Werke verschiedener Phasen zu entdecken, Tierillustrationen, Straßenszenen, Aquarelle. Pinner hatte in London als Illustratorin für zoologische Bücher einigen Erfolg.

Eine Verbindung der vier Frauen untereinander ist nicht bekannt, doch in der Ausstellung wird ihre Gemeinsamkeit klar: Die Wirklichkeit war den Träumen dieser erstaunlichen Künstlerinnen lange nicht gewachsen.

Jüdisches Museum Frankfurt: bis 17. April. juedischesmuseum.de

Aus „Legende des Baalschem“ von Rosy Lilienfeld. Foto: Jüdisches Museum Frankfurt
Aus „Legende des Baalschem“ von Rosy Lilienfeld. Foto: Jüdisches Museum Frankfurt © Jüdisches Museum Frankfurt

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