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Ausstellung zum 90. Geburtstag von E.R. Nele in Frankfurt: Eine Zeitzeugin - und mehr als das

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Von: Lisa Berins

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Wohnlandschaft von E.R. Nele. Foto: Günzel/Rademacher
Wohnlandschaft von E.R. Nele. Foto: Günzel/Rademacher © Günzel/Rademacher

Das Museum Angewandte Kunst gibt einen Einblick in das vielseitige Schaffen der Künstlerin E.R. Nele.

Er möchte ihr anbieten, gerne in das Museum Angewandte Kunst zu ziehen, scherzt Direktor Matthias Wagner K – ihre eigene Wohnung sei schließlich nun so gut wie leer. E.R. Nele, 90-jährig, rötliche Haare, zierlich, pfiffig, hat dafür ein Lachen übrig. Man möchte wetten, dass sie sich auch in einer Wohnung ohne Möbel zurechtfinden würde.

In der Studioausstellung „E.R. Nele. Zeitzeugenschaft“, die einen kleinen Einblick in das große Werk der Wahlfrankfurterin gibt, werden ausschließlich private Leihgaben aus dem Besitz der Künstlerin selbst gezeigt. Darunter sind Skulpturen und Entwürfe für Plastiken, die im öffentlichen Raum stehen, Möbel, Schmuck. Auf eine Sparte, eine einzige Art des künstlerischen Ausdrucks wollte sich E.R. Nele nie festlegen, möchte sie bis heute nicht. „Das brauche ich nicht. Ich heiße E.R. Nele. Und basta“, sagt die Künstlerin.

1932 wurde sie als Tochter von Arnold Bode, dem Begründer der Documenta, in Berlin geboren, sie erlebte die Schrecken des Zweiten Weltkrieges als Kind und Jugendliche. Fortwährend beschäftigte sie sich mit dem Menschen, seiner Konstitution, seiner Verletzbarkeit. Eine ihrer bekanntesten Plastiken mit dem entlarvend rationalen Titel „Die Rampe“ steht auf dem Gelände der Universität Kassel: Menschenleere Mäntel steigen dort aus einem Bahnwaggon aus, die Ärmel in Abwehrhaltung, oder sich am Vordermantel festhaltend. Es sind keine Menschen zu sehen, aber ihr Leid, und eben die Abwesenheit von Menschlichkeit – ein bildstarkes Mahnmal für die Opfer des Holocausts. Im Museum wird ein etwa 30 Zentimeter großes Modell des Denkmals präsentiert, daneben weitere kleinere, eindrückliche Bronzeplastiken wie das „Hiroshima-Pferd“ von 1961/62, das mit den Vorderbeinen eingeknickt, mit zerfallendem Körper - im Sinne des Wortes - zugrunde geht.

Dass E.R. Neles Blick kein in der Vergangenheit hängengebliebener, sondern ein sehr gegenwärtiger, ein geistesgegenwärtiger ist, sehen die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung etwa in der Installation „Atomic Garden“, 1986/2014. Die latente Gefahr von Radioaktivität erfasst die Künstlerin in einer unbedarft erscheinenden, poppigen-bunten Streuwiese aus Strahlenwarnzeichen.

Immer schön flexibel

Dem gegenüber steht die kalte Ästhetik ihrer größeren skulpturalen Arbeiten aus Edeltahl. Auch in ihrer Materialwahl lässt sich E.R. Nele nicht durch formale Kriterien einschränken. Schon während ihres Bildhauerei-Studiums an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin hatte sie den Umgang mit Stahl und Eisen gelernt – da Frauen nicht in Metallwerkstätten arbeiten durften, besuchte E.R. Nele die Goldschmiedeklasse. Ihre Fähigkeiten im Umgang mit Stahl und Metall zeichneten sie auch als versierte Designerin aus.

Ein Schlaglicht auf dieses Arbeitsfeld der multitalentierten E.R. Nele wirft die Schau mit einer präsent in der Mitte der Ausstellungsfläche aufgebauten Wohnlandschaft. In den 1960er Jahren schuf E.R. Nele als Designerin für die Kasseler Firma bodeform und die Detmolder Firma Temde Möbel, darunter mehr als 80 Leuchten. Ein Prospekt aus der damaligen Zeit demonstriert, wie ihre Kreativität sprudelte und sie aus einem undogmatischen, frechen Spiel mit Grundformen schöpfte: Lampenschirmkugeln, ein Leuchtbogen, eine Art Leuchtblitz, ein Würfel – fast schon eher Pop-Art- als Designobjekt. Danebetont Funktionales: schlanke Chromständer mit beweglichen Reflektoren – eine flexible „Visier“-Leuchte ist in der Ausstellung zu sehen, außerdem ein „Ro-Stu“, ein stapelbarer Stuhl aus Rohrprofil und Gitterblech.

Das Prinzip des Flexiblen, Variablen ist in ihrem Sofa auf den Punkt gebracht: Einzelne, auf das Simpelste reduzierte Lehnen- und Sitzkissen lassen sich zu einer beliebig großen Sitzlandschaft ausbauen. Die Bitte, sie möge zwecks Pressefoto einmal selbst darauf Platz nehmen, weist sie zurück. „Nein“, sagt E.R. Nele kopfschüttelnd. „Das ist viel zu bequem.“

Museum Angewandte Kunst Frankfurt: bis 1. Januar 2023. www.museumangewandtekunst.de

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