feu_schirn_wenever4_230920
+
Noam Toram: Still aus „If we never meet again“, 2010.

Schirn Kunsthalle

Wo versteckt sich die Wahrheit?

  • vonSandra Danicke
    schließen

„We never sleep“: Eine umfassende und anregende Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt blickt auf die unterschiedlich subtile Kunst der Spionage.

Sie seien freundlich und legten ein tadelloses Verhalten an den Tag, heißt es auf einem Plakat in der Frankfurter Schirn Kunsthalle. Wie zufällig verwickelten sie Besucherinnen und Besucher der aktuellen Ausstellung „We never sleep“ in ein Gespräch. „Doch arbeiten sie, wenn das jeweilige Gegenüber sich darauf einlässt, stets auf intimeren Kontakt hin: ein längeres Gespräch, scherzhafte Bemerkungen, ein Eingeständnis, ein schmeichelhaftes Kompliment.“ Eine solche Plauderei könne zu einer weiteren Verabredung führen, heißt es weiter, zu einer Liebesaffäre gar. „Jetzt, da Sie dies wissen, wie reagieren Sie auf einen attraktiven jungen Mann, der auf die eine oder andere Weise Kontakt mit Ihnen zu suchen scheint?“ Oder andersherum gefragt: Hält man nun nicht jeden jungen Kerl in der Nähe für einen Romeo?

„The Romeos“ ist neben dem Poster eine Performance, die sich die spanische Künstlerin Dora Garcia 2018 ausgedacht hat und die für eine Ausstellung zum Thema Spionage wie gemacht erscheint. Garcia bezieht sich auf eine Strategie, die Generaloberst Markus Wolf während des Kalten Krieges in der DDR entwickelt hat, um an vertrauliche Informationen aus West-Deutschland zu gelangen. Meist pirschten sich hierfür junge Männer an Sekretärinnen von Politikern heran. Und obwohl die Damen oft wussten, was der Anlass für das Techtelmechtel war, lieferten sie Informationen. Bisweilen entstanden daraus gar Familien. Auch ein instruiertes Interesse kann in echt empfundene Zuneigung münden. Fatal ist es allerdings, wenn das Opfer gar nichts geahnt hat. Das ist Cornelia Schleime passiert.

Die Performancekünstlerin und Malerin ist 1953 in der DDR geboren und erhielt aufgrund ihrer regimefeindlichen Haltung 1981 Ausstellungsverbot. Drei Jahre später wurde ihr Ausreiseantrag bewilligt. Nach dem Mauerfall erfuhr sie aus ihren Stasi-Akten, dass sie bespitzelt wurde. Nicht von irgendwem, sondern von ihrem besten Freund, der auch an zahlreichen ihrer Kunstaktionen teilgenommen hatte. „Auf weitere gute Zusammenarbeit“ heißt die Serie, für die sie 1993 Vergrößerungen der kopierten Akten und fotografische Selbstporträts kombiniert hat.

Die Berichte kommen einem zugleich lächerlich und perfide vor: „Im Wohngrundstück wurde sie von den Mietern als asoziale Person eingeschätzt“, heißt es etwa am 24. März 1982. „Die Wohnung ist verdeckt und es befindet sich außer einem Tisch, 2 Stühle und einer Pritsche nur Lumpen und Unrat in der Wohnung. Die Wände der Wohnung sind mit nackten Frauenfiguren bemalt. Die gesamte Wohnungstür ist zum Hausflur zu mit Mitteilungen ihrer Bekannten mittels Ölkreide beschmiert. Mit den Hausbewohnern hatte sie keinen Kontakt. Sie kam nur Nachbarn gegenüber aus der Reserve, wenn sie wegen ihrer Lärmbelästigung durch Spielen ihrer mitgebrachten Freunde auf Musikinstrumenten – Gitarren, Baßgeigen usw. – zur Nachtzeit zur Ordnung gerufen wurde. Dabei trat sie fläzig und arrogant auf.“ Unwillkürlich fragt man sich, was eine solche Beschreibung wohl mit politischen Interessen zu tun haben könnte.

Während das Spionage-Leben in zahlreichen Filmen und Romanen meist als glamouröses Abenteuer inszeniert wird – die Ausstellung verweist darauf mit zahlreichen Filmplakaten –, steckt die Realität naturgemäß voller Tragödien. Bewegend ist vor allem die Videodokumentation „FireCliff2_Seoul“ der südkoreanischen Künstlerin Minouk Lim: die Aufzeichnung eines Gesprächs, das ein Mann namens Taeryong Kim mit einer Psychia-terin auf einer Theaterbühne geführt hat. Kim ist ein Folteropfer dessen gesamte Familie 1979 in Südkorea verhaftet wurde, weil man die Mitglieder für Spione hielt. Der Vater wurde hingerichtet, der Rest der Familie zu mehreren Jahren Haft verurteilt. Er selbst war 19 Jahre lang inhaftiert.

Mit starrer Miene, die Hände auf die Knie gepresst, erzählt Kim der Psychiaterin und damit uns allen von der Folter, von grausamen Dingen, die man ihm angetan hat, vom Selbstmord mehrerer Angehöriger, und wie dieses Trauma sein Leben heute noch prägt. Die Plakate, auf denen die Filme von James Bond oder Mata Hari angekündigt werden, mag man danach kaum noch ansehen.

Auf den Fotografien des US-Künstlers Trevor Paglen schleicht sich das Unbehagen eher indirekt an. Man sieht etwa Flugzeuge, Fahrzeuge oder Gebäude, die offenbar aus riesiger Entfernung fotografiert wurden und entsprechend unscharf sind. Der Künstler arbeitet also wie ein Spion – jedoch nicht für den Staat, sondern eher dagegen. Seine Bilder zeigen Einrichtungen der US Intelligence Agencies: Hauptquartiere des Geheimdienstes NSA oder auch Unterseekabel der Telekommunikation, die von der NSA angezapft werden, um an persönliche Daten zu gelangen.

Wie aus der Zeit gefallen muten da die zahlreichen Objekte an, die aus dem Deutschen Spionagemuseum Berlin, dem dortigen Stasimuseum oder aus der Sammlung des Bürgerkomitees Leipzig e.V. für die Auflösung der ehemaligen Staatssicherheit (MfS) stammen: eine Baumwurzel mit versteckter Kamera, ein Maskierungskasten mit Haarlocken und Kunstbärten, ein Versteck im Schuhabsatz oder ein mit Heißluft arbeitendes Öffnungsgerät für Selbstklebeumschläge. Da könnte man fast nostalgisch werden.

Auch Lügendetektoren gibt es bereits seit den dreißiger Jahren. Damals brauchte man noch einen Verdächtigen, um etwa dessen Puls, Blutdruck und die Schweißentwicklung zu messen. Inzwischen gibt es längst Modelle, die auf der Untersuchung von Stimm-Frequenzen basieren. „The Whole Truth“ heißt eine Installation, in der der britisch-libanesische Künstler Lawrence Abu Hamdan einen reprogrammierbaren Lügendetektor präsentiert, der eine Software zur Sprachanalyse beinhaltet: Man hört menschliche Stimmen, die zum Teil aus einem Interview oder auch aus den Nachrichten zu stammen scheinen, sieht sie auf einem Bildschirm als wabernde, zuckende grüne Linie und erhält auf einem weiteren Bildschirm Informationen wie „Lüge“, „Wahrheit“, „manipulierend“.

Das alles wirkt auf den Laien ziemlich willkürlich – was es womöglich auch ist. Der Künstler hat hierfür unter anderem Interviews mit den Softwareentwicklern geführt, während er simultan das eigene Programm an ihnen anwendete. Ob die Gesprächspartner tatsächlich hier und da gelogen haben, ist für die Besucher der Schirn nicht zu erkennen. Zweifel an der Methode bleiben aber allemal.

Schirn Kunsthalle: bis 10. Januar 2021. www.schirn.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare