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Nathalie Djurberg & Hans Berg: „Dark Side of the Moon“, 2017. Stop motion animation, Video und Musik.

Ausstellung in der Schirn

Schaurige Knetmännchen-Welten

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Die beunruhigenden, nein, schaurigen Knetmännchen-Welten von Nathalie Djurberg und Hans Berg in der Frankfurter Schirn.

Der erste Eindruck ist geradezu verheißungsvoll: ein geheimnisvoller Sound, bunte Vögel aus Bastelmaterialien und animierte Knetfiguren, die etwas Fröhliches, Kindliches suggerieren. Und schon ist man dem Künstlerpaar Nathalie Djurberg und Hans Berg auf den Leim gegangen. Was sich so vermeintlich harmlos, gleichsam von hinten ans Bewusstsein heranschleicht, entpuppt sich als der reinste Horror.

Die Filme, die jetzt in der Frankfurter Schirn Kunsthalle in einer umfangreichen Werkschau gezeigt werden, handeln von Gewalt. Von Missbrauch, Aggression, Perversion. Sie zeigen Dinge, die man sich als Durchschnittsmensch nicht einmal zu denken traut. Immer wieder will man weggucken – und guckt doch hin: Sieht Kinder, die ihre Mutter überwältigen, um in ihren Körper einzudringen, dahin zurückzukehren, woher sie einst kamen. Maskierte Widerlinge, die eine nackte Frau mit Scheren massakrieren, einen Tiger, der einer Frau, die das offenbar genießt, den Hintern leckt.

Wobei man durch den Ausstellungstitel hätte gewarnt sein können: „A Journey through Mud and Confusion with Small Glimpses of Air.“

Die meisten dieser Filme sind nur schwer zu ertragen. Was seltsam anmutet, da es sich doch bloß um Ton- und Plastilinfigürchen handelt, die in Stop-Motion-Technik agieren. Grob geknetete Wesen mit grotesk überzeichneten Körperformen, die in detailliert ausgestatteten Wäldern, Schlössern, Höhlen oder Kinderzimmern seltsamen Tätigkeiten nachgehen: Da wird geprügelt, gemordet, gequält. Menschen haben Beischlaf mit Tieren, Mädchen werden vom Vater begrapscht, Tiere spielen auf einer Leiche.

Auf märchenhafte Weise wird in den Filmen durchgespielt, was im wirklichen Leben nicht akzeptiert werden kann. Djurberg will, „dass es einen voll von der Seite erwischt“.

Kollektive Ängste und verdrängte Triebe

Tatsächlich scheint es, als brächen sich die kollektiven Ängste und verdrängten Triebe in einem Medium Bahn, das die Perversionen zwar in eine erträgliche Form bringt, sie aber gleichzeitig umso gruseliger erscheinen lässt – eine heile Welt, die keine mehr ist. Es gehe ihr, so die Künstlerin, um „die Komplexität des menschlichen Verlangens, das zu Machtstrukturen führt, die Scham, Schuld und Manipulation verbergen, oder einfach die Erforschung der menschlichen Erfahrung durch ein Medium, das alles banal oder erträglich macht.“

Die Ausstellung, die vor der Station in Frankfurt bereits in Stockholm und Rovereto zu sehen war, beschreibt einen Parcours, der durch wundersame Installationen führt: an einer Parade von Paradiesvögeln vorbei oder ins Innere einer gigantischen Kartoffel. Darin sieht man zum Beispiel einen Jungen mit seinem siamesischen Zwilling – ein Wolf – zurechtkommen oder eine missgestaltete Frau, die eine andere, fette Frau pflegt, von dieser jedoch schließlich im Bett erdrückt wird.

Irgendwann landet man dann in einem (alb)traumhaften Paradiesgarten mit mannshohen Dschungelpflanzen und fragt sich ein wenig verzweifelt, wo man eigentlich hinschauen soll: auf das Paar, das nackt durch einen Wald robbt, vom Schlamm überwältigt wird, wobei sie ihre Arme und er sämtliche Extremitäten einbüßt? Zu den drei Kirchenoberen, die nackte Mädchen unter ihren Kutten verbergen? Zu der deformierten Frau, die in einer schaumigen Höhle mit verdreckter Toilette einen absurden Tanz aufführt, ihre Arme und Beine verliert und von diesen schließlich misshandelt wird? Oder doch lieber auf die eklige Pappmaché-Kröte, die sich als Objekt im Raum befindet und einen so begierig anzustarren scheint? Abgründe gibt es mehr als genug im Werk der Künstlerin, die 1978 in Schweden geboren wurde und mittlerweile in Berlin lebt.

Groteske Figuren, skurrile Kostüme, bezaubernde Schauplätze

Djurberg macht in ihren Filmen und Installationen übrigens alles selbst – von der technischen Realisierung bis zu den grotesken Figuren, den skurrilen Kostümen und den bezaubernden Schauplätzen. Nur die mal psychedelischen, mal retrobarocken Synthesizerklänge, die das Geschehen akustisch vorantreiben und manchmal durch penetrante Fröhlichkeit oder verhängnisvoll klingendes Dräuen noch beklemmender erscheinen lassen, komponiert Djurbergs Lebensgefährte Hans Berg – und zwar nicht hinterher, sondern während des Findungsprozesses.

Die Filme entstehen ohne Skript, gleichsam aus dem Bauch heraus. Ein nicht unwesentlicher Reiz geht von der Tatsache aus, dass die Figuren und ihre Bewegungen keinesfalls perfekt anmuten. Vieles wirkt nur grob geknetet, hin und wieder sieht man Marionettenfäden im Bild, und die bisweilen eingesetzte Schrift steckt voller Rechtschreibfehler.

Circa fünfzig Arbeiten sind in der Ausstellung zu sehen, so dass man vollkommen überwältigt wird. Man kann das Angebot schlichtweg nicht fassen, sieht auf diese Weise allerdings auch sehr schön, wie sich Nathalie Djurbergs Werk von animierten Kohlezeichnungen über reine Filmwelten hin zu Rauminstallationen entwickelt hat.

Neu ist eine Arbeit, für die man eine Virtual-Reality-Brille aufsetzen muss. Man bewegt sich dann wahlweise in einem virtuellen Märchenwald – und fürchtet insgeheim, dass jeden Moment eine der schrägen Djurberg-Figuren hinter einem Baumstamm hervor springt – oder in einem Häuschen, in dem ein Wolf gemütlich eine Zigarette raucht. Man kann ihm Feuer geben und Musik anmachen. Er tanzt dann, was angenehm arglos anmutet.

Aus dem Rahmen fällt eine Projektion mit abstrakten organischen Formen, die über alle Wände eines kleinen Raumes läuft. Hier hat man Gelegenheit, sich auf einen Sitzsack zu legen und geistig zu erholen von all dem Übel in der Welt.

Schirn Kunsthalle, Frankfurt: bis 26. Mai. www.schirn.de

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