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Ausstellung „nolde/kritik/documenta“ in Kassel: Nolde, ein Blender

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Von: Lisa Berins

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Emil Noldes Ölgemälde „Grablegung“ von 1915 als Schwarz-Weiß-Druck. Foto: documenta archiv Kassel/Nicolas Wefers
Emil Noldes Ölgemälde „Grablegung“ von 1915 als Schwarz-Weiß-Druck. © Nicolas Wefers

Wie man einen vom Nationalsozialismus überzeugten Maler ausstellen kann, erforscht der Konzeptkünstler Mischa Kuball in Kassel.

Ein kurzes Leuchten, das Klacken einer Fotokamera. Beim Eintritt in die Ausstellung „nolde/kritik/documenta“ im Kassler Fridericianum ist man erst mal geblendet. Als hätte jemand einen Schnappschuss gemacht, von der ersten Reaktion beim Schritt über die Türschwelle. Dann findet man sich inmitten einer Video-Installation des Künstlers Mischa Kuball wieder. Es geht um eine ernste Sache, um einen moralischen Problemfall: Emil Nolde. Um einen einstigen Lieblingsmaler der Deutschen, einen der wichtigsten Künstler der Moderne, den Maler mit den expressiven Farben und dem starken Ausdruck. Dessen Bilder im Bonner Büro von Altkanzler Helmut Schmidt hingen und im Berliner Büro von Angela Merkel. Bis die damalige Bundeskanzlerin die Leihgaben an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz zurückgab und nicht wiederhaben wollte.

Im Jahr 2019 war das. Da legte eine Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin nach mehrjährigen Recherchen dar, dass Nolde nicht der unbescholtene Künstler war, für den er lange Zeit gehalten wurde. Nolde war Antisemit und überzeugter Anhänger des Nationalsozialismus – und das blieb er bis zum Kriegsende. Selbst als seine Gemälde 1937 in der Propagandaausstellung „Entartete Kunst“ in München ausgestellt wurden, wollte er den Kampf um Anerkennung durch die NS-Kulturpolitik nicht aufgeben.

Spätestens seit dieser Berliner Ausstellung stellt sich eine Reihe unbequemer Fragen: Wie konnte der Künstler im Nachkriegsdeutschland derart erfolgreich rehabilitiert werden, welche Dynamiken haben dazu geführt? Wie konnte sich der Mythos vom verfemten Künstler in den Köpfen verankern? Was sehen wir heute in Noldes Werken, wie können wir ihnen als Betrachter:innen begegnen? Kann man den Menschen Nolde und sein Werk voneinander trennen? Wie kann man Nolde mit dem Wissen um seine Haltung und seine Biografie überhaupt noch ausstellen?

In einem ersten Versuch hat sich jetzt das documenta archiv mit der Einladung des Konzeptkünstlers Mischa Kuball und der Ausstellung „nolde/kritik/documenta“ an diese Fragestellungen gewagt. Es ist eine Art Nolde-Labor geworden, eine Rauminstallation, die sich im Erdgeschoss des Fridericianums über drei Räume streckt: Kuball, der schon 2020/21 in der Draiflessen Collection in Mettingen zu dem Thema ausgestellt hat, experimentiert radikal. Er entzieht den farbstarken Nolde-Bildern ihre Wirkkraft, nimmt ihnen ihre Lebendigkeit, indem er sie als schwarz-weiße Kopien aufhängt. Er stellt Farbfilter aus dichroitischem Glas zwischen die Gemälde und die Betrachtenden, er durchleuchtet Noldes ethnografische Sammlung mit CT-Strahlen, auf der Suche nach einer tieferen Bedeutung. Er fragt sich, wie das kollektive Bildgedächtnis funktioniert, in dem Nolde lange Zeit einen festen Platz besetzt hatte.

Die Documenta spielte dabei eine entscheidende Rolle. Mit den Weltkunst-Ausstellungen 1955, 1959 und 1964 wirkte sie maßgeblich bei der Etablierung eines deutschen Kunstkanons mit. Und schon bei diesen ersten drei Documenta-Ausstellungen wurden Nolde-Werke gezeigt. Dass die aktuelle Schau „nolde/kritik/documenta“ jetzt ausgerechnet im Fridericianum zu sehen ist, kann auch als Teil einer Selbstbefragung des documenta archivs gesehen werden, das die Geschichte der Documenta speichert, dokumentiert und wissenschaftlich bearbeitet.

Mit „forensischer Neugier“ ist der Düsseldorfer Konzeptkünstler Mischa Kuball an die Sache herangegangen: Er will er den Nolde-Mythos durchleuchten, die Künstlermystifizierung dekonstruieren. Dafür hat er sich, wie er sagt, eine „Carte blanche“ nicht nur für das documenta archiv, sondern vor allem für die Nolde Stiftung in Seebüll geben lassen, die den Nachlass Noldes verwaltet. Seitdem Christian Ring vor neun Jahren die Leitung der Stiftung übernommen hat, ist man dort an einer transparenten Aufarbeitung der Biografie Noldes interessiert, und es werden auch Dokumente zur Einsicht freigegeben, die Noldes Ansehen belasten.

Die Videoinstallation im Eingang zur Kasseler Ausstellung zeigt Szenen in Seebüll: Dort werden Schubladen aufgezogen, Archivboxen geöffnet, in denen kleinformatige Bilder liegen. Blitz, klack, ein Foto wird geschossen. Abgelichtet werden Nolde-Bilder, seine „Ungemalten Bilder“. Es sind kleinformatige Aquarelle, die der Künstler wegen eines angeblichen Malverbots während der Nazizeit nicht malen durfte, und die dann heimlich in einem halb versteckten Zimmer entstanden - so zumindest geht die Legende, die Nolde nach dem Krieg selbst erfand und die dazu beitrug, sich als Opfer der NS-Diktatur darzustellen; als Künstler, der in die innere Emigration gegangen war.

Dass die Erzählung so nicht stimmt, betont Birgitta Coers, die Direktorin des documenta archivs, während eines Rundgangs durch die Ausstellung. „Der Mythos vom Malverbot und das Bild vom einsamen Künstler an der See, der im Gehe imen vor sich hin malt, wie es unter anderem auch Siegfried Lenz in seinem Roman ,Deutschstunde‘ entwirft, stimmt ja so nicht“, sagt sie. „1941 wurde Nolde zwar aus der Reichskammer der bildenden Künste ausgeschlossen. Das bedeutete aber nicht, dass er daran gehindert wurde, zu malen, sondern nur, dass er erschwert an Malmaterialien kam, nicht ausstellen und seine Kunst nicht verkaufen durfte. Privat durfte Nolde weiterhin malen.“ Auch die Verkäufe liefen weiterhin gut; so gut, dass Nolde beim Entnazifizierungsverfahren falsche Angaben machen musste, um nach dem Krieg als „nicht belastet“ zu gelten.

Die Legende von Noldes Malverbot hielt sich lange, und daran haben im Nachkriegsdeutschland viele mitgewirkt, besonders der Kunsthistoriker Werner Haftmann, der die Documenta I bis III mitorganisierte. Er wählte 30 von mehr als tausend „Ungemalten Bildern“ aus, denen er auf der Documenta III einen eigenen Raum widmete. Mit dieser prominenten Inszenierung, außerdem mit seinem 1954 erschienen Standardwerk „Kunst im 20. Jahrhundert“, der Publikation „Emil Nolde“ aus dem Jahr 1958 und dem großformatigen Band „Emil Nolde. Ungemalte Bilder“ von 1963, trug er wesentlich dazu bei, dass Nolde sich mit einem positiven Image in einem blinden Fleck der Geschichte festsetzen konnte.

Dass Haftmann selbst eine - bislang nur lückenhaft geklärte - Rolle im Nationalsozialismus spielte, wird in der aktuellen Kasseler Ausstellung nicht explizit thematisiert. Als Hintergrundwissen sind die Erkenntnisse hilfreich, die 2021 in der Schau „documenta: Politik und Kunst“ im Historischen Museum Berlin ans Licht gebracht wurden; dass Haftmann in Italien an der Folterung und Erschießung von Partisanen beteiligt war. 1937 beantragte Haftmann von Italien aus die Aufnahme in die NSDAP, und er war SA-Mitglied. Sein Grund, sich nach dem Krieg für Nolde einzusetzen, habe aber keinesfalls in einer ideologischen oder politischen Übereinstimmung gelegen, sondern rein in der künstlerischen Bewertung von Noldes Arbeiten, sagt Coers.

In einem Kabinett im Fridericianum hängen nun jene bei der Documenta III ausgestellten „Ungemalten Bilder“. Farbig und original sind nur vier von ihnen, die restlichen hängen als Schwarz-Weiß-Kopien an der Wand. Unehrbietig, geradezu respektlos sind sie auf Pappkarton aufgezogen, womit Kuball auch die Wertigkeit von Nolde-Werken diskutieren möchte. Kritik daran, dass wenige Originale in der Schau zu sehen sind – insgesamt sind es sechs; zwei Gemälde und vier Aquarelle – wehrt Kuball ab: Es wäre schon fast einfacher gewesen, farbige Originale zu zeigen, als derart präsentierte farblose Kopien. Die Nolde Stiftung habe strenge Richtlinien, was die Abbildung und Präsentation von Werken des Expressionisten betrifft. Kuballs Installation sei „hart erkämpft“, sagt der Künstler. „Ich wollte eine kritische Ausstellung machen, keine, die dann doch wieder eine Nolde-Blockbuster-Schau wird. Am Anfang stand der Gedanke: Wie zeige ich Nolde, ohne Nolde zu zeigen?“

Der Entzug der Farbe – er sei ein probates Mittel gewesen, um das Auratische und die unmittelbare Überwältigung durch Farben und Stimmung zu durchbrechen, um einen anderen Blick auf Nolde zu ermöglichen. „Es geht darum, den kritischen Diskurs über die Begeisterung zu stellen“, sagt Kuball. Auch die „Grablegung“ von 1915, dem einzigen Nolde-Gemälde, das auf der Documenta II zu sehen war, ist in Kassel als hochwertige, aber farblose Kopie präsentiert. „Ich habe die Ehrfurcht vor Nolde und seinem Werk während meiner Arbeit verloren. Auch ich bin ein Enttäuschter“, sagt Kuball. Für ihn löse Nolde ein wichtiges Versprechen der Kunst, nämlich, dass sie zur Demokratie beitrage, nicht ein.

Eine zentrale Frage in der Forschung zu Emil Nolde ist, inwieweit sich seine Weltanschauung in seinem Werk widerspiegelt. In den Fokus rückt dabei, dass er seit 1933, nachdem er für seine biblischen Motive angegriffen worden war, keine religiösen Sujets mehr malte - und somit auch keine jüdischen Menschen -, und sich stattdessen motivisch der nordischen Sagenwelt widmete. Auch seine Darstellungen außereuropäischer Kulturen riefen schon unter seinen Zeitgenossen Kritik hervor. Nolde glaubte – wie damals durchaus verbreitet –, in ihnen ein früheres Stadium der Menschheitsgeschichte zu erkennen. „Nolde war der Ansicht, mit einer Urstufe der Menschheit konfrontiert zu sein“, sagt Coers. Von seiner Reise nach Neu-Guinea brachte der Künstler Ethnografica mit, er sammelte weitere und ließ sich von ihnen künstlerisch inspirieren.

Diese Kultobjekte im Nolde-Nachlass und ihre Herkünfte sind bisher weitgehend unerforscht. Mischa Kuball hat die Figuren in der Kasseler Ausstellung mittels moderner Technik der Computertomographie durchleuchtet. Die Resultate dieser pseudo-medizinischen Untersuchung sind irritierend: Welches Geheimnis geben sie preis? Ein verwertbarer Befund ist nicht erkennbar, obwohl man tief in das Innerste der Figuren schaut. Vielmehr als um ein faktisches Ergebnis scheint Kuball mit dieser spielerischen Versuchsanordnung einen Denkanstoß, eine Inspiration geben zu wollen. „Es geht darum, sich mit jenen gemein zu machen, die sich auf einen forschenden Weg begeben“, erklärt Kuball seinen Ansatz.

Der Weg wird noch ein langer sein. Am Ende werden die Nolde-Bilder neu kuratiert in unserem Bildgedächtnis hängen. Der Kulturwissenschaftler Aby Warburg, ein Zeitgenosse Emil Noldes, versuchte, eine Ordnung in das kollektive Bildgedächtnis zu bringen. Dafür erschuf er für seinen „Bilderatlas Mnemosyne“ in den 1920ern sogenannte Stecktafeln, 60 an der Zahl, auf denen er fast 1000 Bilder arrangierte und damit Verbindungen und Assoziationen darstellen wollte zwischen historischen Motiven und Sujets der Kunstgeschichte, von der Antike bis zur Gegenwart. Einige dieser Stecktafeln, die von einer Forschungsgruppe am Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe rekonstruiert wurden, sind Teil von Kuballs Installation geworden und bilden eine übergreifende Fragestellung. Was kann uns Warburg über die Systematik unseres Bildgedächtnisses sagen – und welche Lehren können wir daraus ziehen, ganz pragmatisch, um es umzuprogrammieren?

Mischa Kuballs forschungsbasierte, konzeptuelle Rauminstallation ist nicht darauf ausgelegt, eindeutige Antworten und Handlungsempfehlungen zu geben. Stattdessen plädiert sie für einen auch in der sinnlichen Wahrnehmung reflektierten, kritischen Umgang mit den Werken: Man darf sich von der Schönheit der Nolde-Bilder nicht blenden lassen. Unkommentiert werden die Werke des Expressionisten wohl nicht mehr ausgestellt. Kuball findet: „Wenn wir es schaffen, das Gehirn einzuschalten, wenn wir den kritischen Impuls verinnerlicht haben, dann können wir Nolde zeigen. Vielleicht auch irgendwann mal wieder ohne Farbfilter und nicht bloß in Schwarz-Weiß.“

Fridericianum Kassel. Bis 19. Februar.

Podiumsdiskussion am 19. Januar , 19 Uhr, im Fridericianum, zum Thema „Expressionismus und Kolonialismus“ mit der Zeithistorikerin Rebekka Habermas von der Universität Göttingen.

Mischa Kuball, geboren 1959 in Düsseldorf, ist Professor für public art / Kunst im öffentlichen Raum an der Kölner KHM Kunsthochschule für Medien und assoziierter Professor für Medienkunst an der Hochschule für Gestaltung, ZKM, Karlsruhe. Seit 2015 ist er Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Künste NRW. Foto: Nicolas Wefers
Mischa Kuball, geboren 1959 in Düsseldorf, ist unter anderem Professor für Kunst im öffentlichen Raum an der Kölner Kunsthochschule für Medien. © Nicolas Wefers

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