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Ausstellung Künstlerbücher: Jenseits der Buchlogik

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Von: Lisa Berins

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„Pinocchio“ von Claus Böhmler (1969).
„Pinocchio“ von Claus Böhmler (1969). © Günzel/Rademacher/MAK

Das Frankfurter Museum Angewandte Kunst zeichnet ein Porträt des Verlags der Buchhandlung Walther König.

Walther König hat sich schon längst den Raum genommen, bevor er ihn betritt. Mit tiefer Stimme dröhnt er seine Begeisterung heraus; sie gilt der Präsentation von Künstlerbüchern aus seinem Verlag, und damit auch zugleich seinem eigenen Lebenswerk. Das Museum Angewandte Kunst in Frankfurt hat im Erdgeschoss eine ordentliche Auswahl von Werken zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler aufgeblättert, es sind sehr wertvolle Exemplare darunter. Vorzugsausgaben, teilweise Unikate.

Mit der Ausstellung „Erfolgsprogramm Künstlerbücher - Der Verlag der Buchhandlung Walther König“ möchte Kuratorin Eva Linhart ein Porträt des bekannten Verlages zeichnen und hat dafür einen „Kunstraum im Sinne der Buchlogik“ eingerichtet: In der Mitte stehen Bücherregale, deren Auslage alphabetisch nach den Namen sortiert ist, ringsherum auf einer Empore werden frühe Publikationen und aktuelle chronologisch präsentiert – alles in einer bibliografischen Ordentlichkeit, die zur wilden Anfangszeit der Buchhandlung und des Verlags Walther König in einem interessanten Kontrast steht.

Damals, in den 1960ern, hatte König seinen Laden in der illegalen Hinterzimmerkneipe eines Kölner „Büdchens“ eingerichtet. Über die Jahre wurde die Buchhandlung zu einem Hotspot der internationalen Kunstszene: Carl Andre, Bruce Nauman, Gilbert & George, die Großen der Kunst kamen her, wenn sie in der kulturell florierenden Rheinmetropole eigentlich für eine Galerie-Ausstellung arbeiten sollten, erinnert sich Walther König. Er hatte damals nach einem eher geschluderten Jurastudium in Berlin und Münster durch einen Nebenjob seine eigentliche Bestimmung gefunden und sich in der Kölner Bücherstube am Dom zum Buchhändler ausbilden lassen.

Die Geschichte des Verlags der Buchhandlung Walther König begann 1968 mit einem Brief des Bruders Kasper aus New York. Der hatte dort den Künstler Franz Erhard Walther kennengelernt und fragte, ob sie nicht zusammen „ein Buch machen wollten“. „Objekte benutzen“ erschien im Jahr 1969. Es ist ein kleines, eher unscheinbares Buch, das sich den selbstgenähten Objekten Walthers widmet. Noch während der Arbeit daran erschien in dem frisch gegründeten Verlag Gebrüder König „A House of Dust“ der Künstlerin Alison Knowles – auch sie war eine Bekannte des Bruders Kasper.

Eigenständige Kunstwerke

„A House of Dust“ sei das erste computergenerierte Buch, das es gegeben habe; eine nicht enden wollende Variation eines Gedichts als Leporello. „Es kam als Datei auf einem drei Kilo schweren Magnetband an“, erzählt König. Gedruckt werden konnte es nur in der großen Druckerei bei Siemens für „20 000 Mark in der Stunde“.

In den Vitrinen der Ausstellung reihen sich Künstlerbücher von Wolf Vostell, Jörg Immendorff, Martin Kippenberger, Sol LeWitt, Isa Genzken und vielen weiteren bekannten Künstlerinnen und Künstlern aneinander: Ab Mitte der 60er Jahre war das Künstlerbuch als eigenständiges Werk vor allem in der Konzeptkunst beliebt geworden: Es wurde zum Selbstzweck und zur künstlerischen Verfügungsmasse, die durchaus einiges aushalten musste. Das demonstrieren auch neuere Werke in der Schau: In einem wild collagierten Buch von Jonathan Meese mit dem Titel „Sonnenwende“ wellen sich die Seiten unter der Last der verklebten Bilder. Seine Werkübersicht hat Roman Signer mit einer Pistole glatt durchgeschossen. Gerhard Richter hat einen Leineneinband mit Farbe verspachtelt. Er arbeitet gerade wieder an einem Künstlerbuch, das in wenigen Wochen publiziert werden soll.

Zu vielen Werken, die in seinem Verlag erschienen sind, hat König eine Erinnerung: Er habe jedes selbst in die Hand genommen, das brenne sich ins Gedächtnis ein. Das A.R.-Penck-Buch, dessen Manuskript 1970 aus Dresden „rübergeschmuggelt“ werden musste. Das erste Künstlerbuch von Bernd und Hilla Becher überhaupt. Und das „Pinocchio“-Buch von Claus Böhmler aus dem Jahr 1969, mit dem Kindern das Zeichnen lernen sollten. Das Künstlerbuch „Findet mich das Glück“ von Peter Fischli und David Weiß von 2003 ist mit einer Auflage von 300 000 Stück das meistverkaufte Künstlerbuch weltweit. Sein Titel ist für König zugleich eine treffende Bezeichnung des eigenen Erfolgs: „Es ist mir wie auf den Body geschrieben.“

Museum Angewandte Kunst, Frankfurt: bis 28. August. museumangewandtekunst.de

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