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Lynette Yiadom-Boakye, „A Passion Like No Other“, 2012. Foto: Sammlung Lonti Ebers, Courtesy Lynette Yiadom-Boakye
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Lynette Yiadom-Boakye, „A Passion Like No Other“, 2012.

Lynette Yiadom-Boakye

Ausstellung in Düsseldorf von Lynette Yiadom-Boakye: „Ich male keine Opfer“

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
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Die elegischen Gemälde der Londoner Künstlerin Lynette Yiadom-Boakye, die jetzt in Düsseldorf zu sehen sind, zeigen uns die Essenz des Menschseins. Zugleich handelt es sich um hervorragende Studien zu Monochromie.

Das Erste, was einem auffällt an den Bildern von Lynette Yiadom-Boakye, ist die Dunkelheit. Eine Dunkelheit, die nicht finster und beängstigend ist, sondern eine wohlige Wärme ausstrahlt. Die geheimnisvoll wirkt, auf eine angenehme, intime Weise. Die meisten ihrer Gemälde, die jetzt die Düsseldorfer Kunstsammlung NRW-K20 unter dem etwas merkwürdig klingenden Titel „Fliegen im Verbund mit der Nacht“ zeigt, sind riesig. Die Menschen darauf sind kraftvolle Gegenüber. Sie sind schön. Sie haben eine dunkle Hautfarbe wie die Malerin selbst. Sie wirken tiefgründig, nachdenklich und zutiefst menschlich.

Man hat das Gefühl, Yiadom-Boakye habe sehr viel Zeit mit ihren Modellen verbracht, sie kenne sie in- und auswendig, habe nicht nur ihr Aussehen, sondern auch ihre Charaktere genau studiert. Vermutlich, denkt man, handelt es sich um Freunde der Künstlerin, auf deren Identität die oft poetischen Titel keine Rückschlüsse zulassen.

Es ist dann erst einmal enttäuschend, wenn man erfährt, dass es die Menschen, die hier zu sehen sind, gar nicht gibt. Fast fühlt man sich betrogen, weil man sich den vermeintlich Porträtierten auf eine schwer erklärbare Weise nahe gefühlt hat. Das ist einerseits Blödsinn. Allein schon deshalb, weil die überwiegende Zahl der Menschen, die sich diese Ausstellung anschauen, eine helle Hautfarbe haben und vermutlich – so bitter das klingt – einen eher exotisch gefärbten Blick auf die Schwarzen haben, die hier so entspannt und selbstsicher dargestellt sind.

Außerdem: Wie kann man sich jemandem nahe fühlen, der gar nicht existiert? Andererseits: Haben wir uns nicht auch diversen Figuren der Weltliteratur nahe gefühlt? Immer wieder? Und gilt das nicht genauso für die Figuren eines Schwarzen Autors wie James Baldwin?

Was die Figuren in diesen Bildern so eindringlich macht, ist unter anderem das Fehlen von Attributen und konkreten Orten. Interieurs sind nur flüchtig markiert, Außenräume schwer lokalisierbar. Die Personen stehen oder sitzen – meist alleine – einfach irgendwo herum und sind ganz bei sich, was ihre Existenzen mit universellen Erfahrungen zu verknüpfen scheint. Selbst die Kleidung ist in den allermeisten Fällen ganz schlicht, was die Darstellungen als zeitgenössisch erkennbar macht.

Man sollte sich aber vermutlich nicht allzu lange auf die Figuren konzentrieren, denn auch die Malerei hat es in sich, handelt es sich doch um geradezu elegisch anmutende Studien der Monochromie, in denen die Künstlerin die Bandbreite von Pigmentierungsmöglichkeiten innerhalb einer einzelnen Farbe akribisch untersucht. Ihre sorgsamen Erkundungen des Chiaroscuro erinnern bisweilen an Gemälde Rembrandts. „Im Laufe der Zeit erkannte ich, dass ich mich weniger mit dem Motiv und mehr mit der Malerei befassen sollte“, so die Künstlerin, die 1977 in London als Tochter ghanaischer Eltern geboren wurde und eigentlich Optikerin werden wollte, bevor sie zur Malerei kam. „Ich war immer eher an der Malerei als am Bild des Menschen interessiert.“

Yiadom-Boakye malt schnell, nass in nass. Die Farbe – Ölfarbe, Hasenleim – wird dünn aufgetragen, so dass die Struktur der Leinwand hier und da sichtbar bleibt. Verwendete sie in früheren Arbeiten vornehmlich dunkle, bräunliche Farben, so tauchen seit 2012 vermehrt kräftige Töne auf: Türkis, Gelb, Rot. Auch helles Grau kommt vermehrt vor, etwa in den Hemden der männlichen Figuren. Die gewieften Nuancierungen rückt Andrea Schlieker, Kuratorin der Tate Britain, die die Ausstellung mit konzipiert hat, wo sie zuerst zu sehen war, im Katalog zu Recht in die Nähe der Tischtücher bei Paul Cézanne oder der Kissen auf Édouard Manets „Olympia“.

Yiadom-Boakyes Beschäftigung mit Manet wird auch in einem Bild mit dem Titel „King For an Hour“ deutlich, auf dem die Figur die Pose der Nackten aus dem „Frühstück im Grünen“ einnimmt, wobei der „King“ ein mysteriös blickender, voll bekleideter Mann ist. Diese Verschiebung ikonographischer Muster ist typisch für die Künstlerin. Sie findet sich zum Beispiel auf einer Reihe von Bildern, auf denen die Protagonisten und Protagonistinnen eine Hand auf der Hüfte platzieren – eine Körperhaltung, die man von klassischen Herrscherporträts kennt. Ähnliches lässt sich über die immer wieder vorkommende Halskrause sagen, die durch ihre fedrige Substanz jedoch zugleich an traditionelle Stammeskleidung erinnert. Oder ist das am Ende nur unsere Projektion?

Ohnehin verweisen zahlreiche Kompositionen auf historische Vorbilder, entsprechen sie doch den Konventionen der klassischen Porträtkunst. Die allerdings diente vornehmlich dazu, den Betrachterinnen und Betrachtern die Klassenzugehörigkeit und den Rang der Dargestellten zu vermitteln, ihr Ansehen und ihre Bedeutung herauszustellen. Bei Yiadom-Boakye geht es um das Gegenteil. Nicht das Trennende, Besondere der Abgebildeten, sondern vielmehr das, was sie mit allen Menschen verbindet, steht im Vordergrund. Auch dadurch, dass die Figuren fast nie agieren oder eindeutig posieren. Mal abgesehen vom Rauchen tun sie meist gar nichts.

Und das ist womöglich der Grund dafür, dass die Menschen, die wir zu sehen meinen und die laut der Autorin Zadie Smith „eine Seele zu haben scheinen“, gar nicht existieren können. Weil sie Platzhalter sind für das, was uns alle bewegt und umtreibt. Es sind innere Bilder, die die Künstlerin auf die Leinwände bringt; wie sie entstehen, fasst sie folgendermaßen zusammen: „Denken durch Fühlen, so werden sie komponiert.“ Allerdings: „Wenn sie pathetisch werden, überleben sie nicht. Ich male keine Opfer.“ Unwillkürlich muss man bei diesem Satz erneut an Manets „Olympia“ denken. Auf dem Bild steht eine Schwarze Dienerin mit einem Blumenstrauß im Hintergrund. Das war die Rolle, die man Schwarzen auf Gemälden jahrhundertelang zudachte.

Auch das schwingt in diesen Bildern, die vordergründig so sanftmütig erscheinen, mit: Protest. Yiadom-Boakye nimmt Elemente der Kunstgeschichte und überschreibt sie mit zeitgenössischen, eindeutig Schwarzen Protagonisten. Was auf den ersten Blick lapidar erscheint, steckt in Wahrheit voller Zündstoff. „Ich habe immer gegen die Erwartung angekämpft, dass es nur eine bestimmte Art gibt, Ärger und Zorn zu kanalisieren, eine einzige Art des politischen Statements“, so die Künstlerin. „Stereotypen zu vermeiden, nicht die Wahrnehmung zu illustrieren, die die Außenwelt von einem hat, erschien mir immer als das Bahnbrechendste, was ich tun konnte.“ Ihre Schwarzen entsprechen keinem Klischee, sie sind nicht sexy, nicht besonders maskulin und schon gar nicht wild. Sie sind zuallererst Menschen.

Yiadom-Boakyes Bilder zeigen die Welt, wie sie sie wahrnimmt, sie handeln – bei aller historischen Anspielung – von ihrer eigenen Zeit und ihrem eigenen Denken. Das ist es auch, was uns Betrachtende so sehr in den Bann zieht: dass diese Bilder voller Liebe und Wahrheit stecken, so kitschig das klingt.

Yiadom-Boakye, so Andrea Schlicker, „destilliert tiefe Gefühle zu einem einzigen Blick, einer kleinen Geste voller Eloquenz. Sie erklärt Ruhe zu einer Form des Widerstands, Gelassenheit zum sinnstiftenden Akt.“

K20, Düsseldorf: bis 13. Februar. www.kunstsammlung.de

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