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Max Kühn: „Pflanzen brechen aus der Erde“. 1928. Foto: Staatliche Museen zu Berlin/Nationalgalerie, BPL Andreas Kilger
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Max Kühn: „Pflanzen brechen aus der Erde“. 1928.

Kunst

Ausstellung in der Nationalgalerie in Berlin: Keimzeit ist eigentlich immer

  • VonIngeborg Ruthe
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Mit der Ausstellung „Pflanzen brechen aus der Erde. Natur und Kunst von Max Ernst bis Nuria Quevedo“ wendet sich die Nationalgalerie in der Sammlung Scharf-Gerstenberg dem ewigen Werden in der Natur zu

Ist es nicht, wie man will, so muss man es nehmen, wie es ist. So reden flexible Pragmatiker. Diese besondere Ausstellung war für den Frühling gedacht, schon der Titel sagt es: „Pflanzen brechen aus der Erde“. Öffnen durfte die Sammlung Gerstenberg, Charlottenburger Haus der Berliner Nationalgalerie und Domizil vor allem surrealistischer Kunst der klassischen und der Nachkriegsmoderne, wegen des langen Pandemie-Lockdowns freilich erst Wochen später.

In der Ausstellungshalle des westlichen Stüler-Baus an der Schloßstraße wird einem klar: Keimzeit ist eigentlich immer. Selten habe ich in einer musealen Schau so viel Symbolhaft-Hoffnungsvolles gesehen, obwohl Corona mit gefährlichen Mutanten noch immer wie eine Wolke über unserem eben erst wiederbekommenen Alltag hängt. Kunst wendet sich in Krisenzeiten dem Organischen, Vegetabilen, kurz: der Natur zu. Und die Natur zeigt uns, dass Werden und Vergehen ein Kreislauf sind. Der Winter wird vom Frühling, der Frühling vom Sommer, der Sommer vom Herbst, und der Herbst wieder vom Winter abgelöst.

Trost, aber auch Mahnung

Aber auch die verschiedenen Stadien einer Pflanze lehren diesen Kreislauf. Die Natur umarmt sozusagen das Leben wie das Vergehen. Der alte Goethe bedichtete es mit „Stirb und werde“. Das klingt pathetisch, aber es ist auch tröstlich. Und eine Mahnung, denn wir sollten mit der Natur sehr, sehr pfleglich umgehen, wie die weltweiten Ökokrisen es uns dramatisch lehren.

Die Bilder und Skulpturen der Ausstellung stammen allesamt aus den reichen Beständen des Hauses sowie anderen Sammlungen der Nationalgalerie. Und titelgebend mit „Pflanzen brechen aus der Erde“ ist ein kleines Bild von 1928, gemalt von dem kaum bekannten Max Kühn. Lehmigen Ackerboden durchstoßen Triebe, die sich zum Licht recken. Ein bisschen, und damit neigt das Motiv zum Surrealen, gleichen die Pflänzchen Figuren, zuerst mit geneigtem Kopf, dann mit erhobenen Armen. Das Grün wird immer saftiger, das betont den Kontrast zu einer alten, fast schon skelettierten Pflanze vom Vorjahr.

Ausstellungskuratorin Kyllikki Zacharias erinnert beim Rundgang an die berühmten Pflanzenfotos von Karl Blossfeldt. Seit 1899 unterrichtete er an der Unterrichtsanstalt des Berliner Kunstgewerbe-Museums das Fach „Modellieren nach Pflanzen“, bevor er mit seinen Motiven berühmt wurde. Seine „Urformen der Kunst“ von 1928 zählen zu den Inkunabeln der neusachlichen Fotografie. Dieses Sich-Verselbständigen der Pflanzenform findet sich auch in etlichen dem surrealistischen Stil zugehörigen Bildern. So in Max Ernsts Frottage/Bleistiftzeichnung sich spreizender „Feuilles“ (Blätter, 1925) oder dem Ölgemälde „Zypressen“ von 1939. Da gibt es keinen zeitlichen, keinen geschichtspolitischen Hintergrund, allein nur dieses leicht unheimliche Aufbrechen, Expandieren, Recken der Form.

Der Brücke-Expressionist Erich Heckel malte 1918 „Frühling“, zum endlich erlösenden Kriegsende: Einen hymnischen, gleichsam symbolistischen Himmel über den Feldern. In Paul Klees Radierung „Garten der Leidenschaft“ (1913) sieht man einen geradezu kamasutra-ähnlichen, orgiastischen Zeugungs- und Geburtsprozess der Pflanzenwelt. In den fünf wie Bronze bemalten Gips-Kugeln des Italieners Lucio Fontana, den „Concetto spaziale, Natura“ von 1959/60, passiert Ähnliches. In den wuchtigen Samenkapseln – oder einer Art pflanzlichem Uterus – entsteht neues Bäume-Leben. Emil Chimiotti ließ 1959 einen ganzen „Wald“ aus dem Bronzesockel wachsen. Der Chilene Roberto Matta malte 1962 „Mal de Terre“ (Erdweh). Vegetation schießt da erdgeisterhaft aus dem Boden. Und beim Maler Heinz Trökes aus dem Kreis Berliner Nachkriegs-Surrealisten, verwachsen sich 1946 Pflanzen- und Tierkörper zu einer brausenden Farbmasse.

Im 1959 entstandenen Bild „Terre fleurie“ des Art-Brut-Erfinders Jean Dubuffet verbinden sich Ölfarbe und Pflanzenteile, Sand, Erde, sogar Schmetterlingsflügel. In Gemälden von Asger Jorn und Georg Meistermann, so im „Garden of Innocence II“ (1947) und „Der Baum“ (1952) gleicht sich die Formensprache – abstrakte organische Formen erheben sich in die Lüfte zu einem Naturspektakel.

Und Willi Baumeisters Bilder bevölkern seltsam zeichenhafte Wesen, halb Pflanze, halb Tier; man denkt an archaische Höhlenzeichnungen fernab der neuzeitlichen Zivilisation. Baumeister nannte in seinem 1947 erschienenen Buch „Das Unbekannte in der Kunst“ einen weiteren Grund für die Rückkehr zum Thema Natur. In der Einleitung zum Kapitel „Wie sieht Natur aus?“ verwies er auf das „unheimliche Eigenleben der Natur“, das sich dem sentimentalen Blick entziehe. Nur im Zauberspiegel der Malerei komme es gelegentlich zum Vorschein. In einem solch zauberischen Spiegel malte Otto Niemeyer-Holstein 1947 „Im Sumpf“, einen dieser rätselhaftesten Naturorte, die alles verbergen, was sie verschlucken.

Ganz still steht man zum Schluss vor Nuria Quevedos Ölbild „Auf der Ostrauer Scheibe“ aus dem Jahr 1976, dem jüngsten Werk der gesamten Bildversammlung: Ein dunkler, dicht bewaldeter Höhenzug im Elbsandsteingebirge nahe der Grenze zu Tschechien, darüber ein diesiger, regnerischer Himmel. Unpathetische Melancholie, das ist Caspar-David-Friedrich-Motivik: Der Mensch braucht Demut vor der Natur, nur zusammen können beide überleben.

Nationalgalerie/Sammlung Scharf-Gerstenberg, Berlin: bis 30. September. www.smb.museum

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