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Kasimir Malewitsch, „Schwestern“, 1930.
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Kasimir Malewitsch, „Schwestern“, 1930.

Russische Impressionisten

Ausstellung „Impressionismus in Russland“: Im Flirren von Licht und Luft

  • VonIngeborg Ruthe
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Im Potsdamer Museum Barberini beginnt die vor Monaten wegen der Pandemie verschobene Schau „Impressionismus in Russland“.

Kunst mag ja viel mit Illusion zu tun haben. Doch gerade atmosphärische Lichtmalerei online, gar auf dem Handy-Display anzugucken, ist eben nicht das Gleiche, wie direkt davor zu stehen. In Corona-Zeiten jedoch, mit zugesperrten Museen, musste das Digitale als Notlösung dienen. Auch im Potsdamer Barberini mit dem „Impressionismus in Russland“. Die Vernissage der freudig erwarteten Schau sollte am 4. November 2020 sein. Die Bilder der flirrenden Farben hingen an den in feinem Grau getönten Wänden. Doch am 2. November wurde der Lockdown verhängt. Wir konnten nur auf der Website scrollen. Das war wie Kaffee ohne Bohnen.

Die Leihgeber verlängerten die Verträge. Das Barberini-Team um Direktorin Ortrud Westheider betete zu allen Kunstgöttern und verlor trotz zehnmonatiger Wartezeit nicht die Hoffnung. Jetzt hängen alle zwischen später Zarenzeit und Oktoberrevolution 1917 gemalten 80 Bilder aus der Moskauer Tretjakow-Galerie, aus anderen russischen Museen und internationalen Privatsammlungen „in Echt“. Bereit für Besucherinnen und Besucher.

Der Einfluss der französischen Impressionisten auf die russische Malerei vor und nach 1900 ist nur wenig bekannt. Hier setzt man im Barberini an. Museumsgründer Hasso Plattner breitet parallel dazu und im spannenden Dialog eine Etage höher seine eigene Impressionismus-Sammlung mit den Bildern berühmter Franzosen von Monet bis Caillebotte aus. Im „russischen“ Stockwerk darunter gehen wir gleichsam ein Stück mit auf den Malerwegen von Ilja Repin oder der künftigen Kubofuturistin Natalja Gontscharowa, der späteren Expressionisten Kandinsky und Jawlensky bis zu dem in der Klassischen Moderne für sein radikales „Schwarzes Quadrat“ gefeierten Konstruktivisten Malewitsch. Hier wird deutlich, wie sehr Kunst doch aus Kunst kommt: Diese Superstars der Avantgarde waren einmal Impressionisten!

Dazu passt diese Anekdote: Als Kandinsky 1896 vor einem von Monet gemalten Getreideschober stand, sah er zu seiner Irritation ein Bild leuchtender Farben – ohne einen Gegenstand erkennen zu können. Er nannte dies eine „Störerfahrung“, und sie hatte zur Folge, dass er bald darauf in seiner Malerei auch auf das reale Motiv verzichtete, um dann als „Blauer Reiter“-Expressionist das „Geistige in der Kunst“ auszudrücken.

Seit dem späten 19. Jahrhundert zog Paris als führende europäische Kunstmetropole auch Russen magnetisch an. Manche wie Ilja Repin, Maler der berühmten „Wolgatreidler“, reisten sogar mit einem Stipendium aus der Schatulle des Zaren an. Er genoss die befreiende Abkehr vom themenschweren Traditionalismus. Wer an der Petersburger Akademie weiterkommen wollte, reiste in die Stadt an der Seine, sah die Kunst der sich ankündigenden Moderne und malte bald ebenfalls ohne traditionelle Zwänge jene flüchtigen Momente einer sinnlichen, dem Leben zugewandten modernen Welt: Elektrisches Licht, elegante Schaufenster-Auslagen, die Architektur der Boulevards. Die russischen Künstler und Künstlerinnen begeisterten sich an der französischen Lichtmalerei, im Freien „pleinair“ entstanden. Und zwar mit auf den Markt gekommenen Fertig-Farben in Tuben.

Und doch schwingt bei der Kunst aus Russland bei aller Modernität mal mehr, mal weniger, die „Russische Seele“ mit – eine leicht bittersüße Schwermut, gemischt mit herber Naturromantik in den Landschaften, den bäuerlichen Porträts, den Stillleben. Selbst noch in einer in lauter pointillistische Punkte aufgelösten, schier unendlich weiten Landschaft, der „Mondnacht“, 1905 von Nikolai Meschtscherin. Der neue licht- und luftflirrende Stil aus Frankreich erreichte Moskau, St. Petersburg, Witebsk, ja selbst Orte in den Weiten Russlands. Die ersten Maler des neuen Stils wurden die genossenschaftlich organisierten Peredwischniki (Wanderer). Künstler, die mit Wanderausstellungen durch Russland tourten. Sie standen im Ruf der Sezessionisten, der Abgespaltenen. Die Liberalen begeisterten sich am Impressionismus, die Konservativen lehnten ihn wütend ab. Und die Ästheten waren unschlüssig gegenüber diesen spontanen Motiven. Zum Glück gab es bürgerliche Sammler, die sich dem neuen Stil öffneten, so der Kritiker Wladimir Stassow und der Stoffhändler Pawel Tretjakow.

Doch dieses moderne prozesshafte Malen mit Licht, die skizzenhafte Pinselführung inmitten von Spiegelungen und reflektierenden Strichen setzte sich durch. Aus realen Naturszenen entwickeln sich beinahe abstrakte atmosphärische Momente. Maler wie Repin und Jüngere wie Korowin, Serow oder Grabar erkundeten die Natur um Moskau. Der impressive Malstil vergab Lebensfreude, weg von den existenziellen Problemen. Das sich wandelnde Sonnenlicht ließ alles leicht und heiter erscheinen – gerade in den Porträts vertrauter Menschen. Diese Malerei fing das Unbeschwerte des modernen Freizeitvergnügens auch auf der Datscha ein. Und in Porträts und Familienmotiven verknüpften russische Maler wie etwa Tarkhoff das Unmittelbare mit psychologischer Deutung zu einer eigenen Spielart des Impressionismus.

Manchmal schauen wir auch, wie bei Abram Archipow, in Stuben der Bauern, auf Wiesen und Birkenwäldchen. Bisweilen wähnt man sich in der Welt Tolstois oder in einem Tschechow-Stück. Der Blick geht hinein in Häuser des russischen Landadels, des Bürgertums, ruht auf den Porträts schöner Frauen und hübscher Kinder in weißen Baumwollkleidern, auf Konterfeis von Intellektuellen, Musikern, Schauspielerinnen, auf Stillleben einer scheinbar heilen Welt. Nur ab und an scheint die Armut des russischen Volkes durch.

Nach 1900 traf eine zweite Generation russischer Künstler und Künstlerinnen in Paris auf den Postimpressionismus und Fauvismus, diese Experimente mit leuchtenden Reinfarben. Larionow, Gontscharowa und Malewitsch erkoren die Landschaftsmalerei zum Versuchsgenre, sie sahen sich als Impressionisten, bevor sie nach 1910 mit dem expressiven Rayonismus und dem Suprematismus die russische Avantgardekunst begründeten. In der befreiten Farbe fanden sie eine Energie, die für Dynamik und Erneuerung stand. Impressionistische Beobachtung wurde in kubistische und futuristische Zergliederung der Bildfläche transformiert.

Und schließlich, im Revolutionsjahr 1917, verabsolutierte Malewitsch in seiner Weiß-auf- Weiß-Serie das russisch-orthodoxe Kreuz – zum lichthaltigen Nichts. Das Bild „Konstruktion in Auflösung“ aus dem Stedelijk Amsterdam setzt den Schlussakkord der Potsdamer Ausstellung.

Aber im Saal davor hängen Malewitschs zwillingshafte „Schwestern“ aus der Tretjakow-Galerie, gemalt 13 Jahre später. Da griff der verblüffend zur Figurativität Zurückgekehrte noch einmal virtuos und wie selbstverständlich zu den Pariser Impulsen, als sei dies ein Gruß der russischen Seele an das französische Naturell des Lichtmalers Edouard Manet.

Museum Barberini, Potsdam: bis 9. Januar. www.museum-barberini.de

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