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Ausstellung im Jahr 1922: Die Wilden Russlands

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Von: Arno Widmann

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Ein Blatt aus El Lissitzkys Serie „Proun“: „Drive Red Wedges into White Troops!“
Ein Blatt aus El Lissitzkys Serie „Proun“: „Drive Red Wedges into White Troops!“ © imago

Eine Erinnerung an die erste russische Kunstausstellung in Berlin im Oktober 1922.

Am 15. Oktober 1922 öffnete die erste russische Kunstausstellung in Berlin. Im Haus unter den Linden 21, in der Galerie Van Diemen. Das Haus steht nicht mehr. Von dem damals hergestellten, sehr detaillierten und mit vielen Abbildungen versehenen Katalog, erschien 1988 in der Kölner Buchhandlung Walther König ein Reprint. Leider ohne Einleitung oder andere Ergänzungen. Inzwischen gibt es einen ausführlichen Wikipedia-Eintrag über die Ausstellung und dank dieser umfassendsten Enzyklopädie der Weltgeschichte lassen sich jedenfalls die ausstellenden Maler und Malerinnen alle mühelos recherchieren.

Es war eine riesige Ausstellung mit Gemälden, Skulpturen, Porzellan, Kostümen und Stickereien und 26 von Kindern verfertigen Spielzeugen. Ein sehr erweiterter Kunstbegriff. Der Katalog hat 593 Nummern. Das Spielzeug hat wie die 31 Kostüme und Stickereien nur eine Sammelnummer.

Die Ausstellung war überwältigend. Das von Revolution, Bürgerkrieg und Hunger ausgemergelte Russland quoll über von Kunst. Kunst aller Art. Bäuerinnen mit kräftigen Unterarmen und Bauern, die einem Mann zuhören, der ihnen aus der Zeitung vorliest. Landschaftsbilder, die vor Licht strahlten, vom Schnee bedeckte Häuser, am Kubismus geschulte Arbeiten, neben denen, die mit dem Jugendstil oder vom Symbolismus liebäugeln. Es wurden sieben Bilder von Marc Chagall (1887–1875) gezeigt, von El Lissitzky (1890–1941) 23. Darunter zehn Blätter aus seiner Serie „Proun“ (ein Akronym für „Projekt für die Behauptung des Neuen“). El Lissitzky hatte in St. Petersburg Kunst studieren wollen. Aber er war Jude und wurde darum abgelehnt. So kam er an die Technische Hochschule Darmstadt, wo er von 1909 bis 1914 Architektur und Ingenieurwissenschaften studierte. Man könnte sagen, der Konstruktivismus wurde dort erfunden.

Wladimir Tatlin (1885–1953), geboren in Moskau, aufgewachsen im ukrainischen Charkow, war eine der wichtigsten Figuren der russischen Avantgarde. Sein Entwurf für ein Monument für die Dritte Internationale gilt als eines der Hauptwerke revolutionärer Kunst. Das Modell entstand 1920. Das Monument wurde nie fertiggestellt. Man ist versucht zu sagen: zum Glück. Es hatte ein immerhin 400 Meter hoher Turm werden sollen.

Es hat keinen Sinn, all die berühmten Namen aufzuzählen, deren Arbeiten damals in Berlin gezeigt wurden. Es war ein überwältigendes Panorama der Moderne aus einem Land, das alles Neue aufgesogen hatte, das sich inmitten eines Prozesses befand, der die ganze Welt abzusuchen schien.

Die Revolution hatte schon viele vertrieben, dass sie ihre Kinder fressen würde, war schon zu ahnen. Aber übergroß war noch die Hoffnung auf einen Aufstieg aus der Asche des Zarenreiches. So war es fast überall auf der Welt. Es brodelte. Das erste der großen Reiche war 1912 in China gestürzt worden – immerhin das Ende des ältesten Imperiums der Weltgeschichte. Das russische Zarenreich war ein Newcomer verglichen damit.

Nach dessen Sturz entstanden überall auf der Welt kommunistische Parteien. 1921 auch in China. Das revolutionäre Russland hoffte noch immer auf die Weltrevolution, ohne die es nicht würde überleben können. Aber es setzte nicht mehr auf sie allein. Im April 1922 war der Vertrag von Rapallo unterzeichnet worden. Deutschland und Russland sicherten sich gegenseitige – auch militärische – Unterstützung zu.

Die Berliner Ausstellung war eine ihn flankierende, ihn unterstützende Maßnahme. Man konnte das damals nicht getrennt voneinander sehen. Kunst als Propaganda. Das war schon darum nicht falsch, weil die russische Kunst jener Jahre dabei war, sich in den Dienst der Revolution zu stellen. Es gab noch keine Fahnen schwenkenden rotwangigen Rotgardisten. Der sozialistische Realismus war noch nicht erfunden. Noch agitierten die Künstler in alle Richtungen. Es brodelte.

Das hatte es schon seit Jahren getan. Sozial, politisch und in den Künsten.

Auch die russischen Künstler und Künstlerinnen der Avantgarde kamen nicht mehr nur aus Gutsbesitzerfamilien, waren Söhne und Töchter von Rechtsanwälten oder Ärzten. Sie kamen aus allen Schichten. Pawel Nikolajewitsch Filonow (1882 – 1941) war ein Arbeiterkind. Er war in Paris und Lyon, in Konstantinopel, in Jerusalem, in Deutschland und Italien. Immer wieder notgedrungen zu Fuß. Ab 1923 war er Mitglied des staatlichen Instituts für künstlerische Kultur, GINChUK, das unter der Leitung von Kasimir Malewitsch arbeitete, Filonow leitete dort zeitweise die Abteilung für Allgemeine Ideologie. Er war Maler, Autor, Theoretiker der Avantgarde.

Die Avantgarde war international. Fast jeder, der sich künstlerisch dazuzählte, war in ganz Europa unterwegs. Dawid Dawidowitsch Burljuk (1882-1967) zum Beispiel hatte schon 1912 für den „Blauen Reiter“ einen Beitrag geschrieben: „Die Wilden Russlands“. 1913 nahm er gemeinsam mit Bruder Wladimir am Ersten Deutschen Herbstsalon in der Berliner Galerie „Der Sturm“ von Herwarth Walden teil. Anton Abramowitsch Pewsner (1884–1962) und sein Bruder, der Bildhauer und Designer Naum Gabo (1890–1977), waren beide in der Berliner Ausstellung zu sehen, wurden beide US-Bürger und zeigten beide ihre Arbeiten in Kassel auf der Documenta I und der Documenta II.

Die Moderne war in Deutschland und in Russland verboten und unterdrückt worden. Die Ausstellung von 1922 führt vor, was möglich gewesen war in Berlin und in Moskau.

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