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Frank Walter, Ohne Titel, o. J.

MMK

Ausstellung Frank Walter: Was er sah, wollte er nicht glauben

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Frankfurts Museum für Moderne Kunst widmet dem Maler Frank Walter eine große Retrospektive.

Das Maul eines Hais und drei farbige Kreise. Am Horizont links ein graues Dreieck. Es ist das erste von endlos vielen Bildern in dieser Retrospektive von Frank Walter im Frankfurter Museum für Moderne Kunst. Eine schlichte Komposition und doch sehr raffiniert. Weil es in Teilen gänzlich abstrakt, in anderen figürlich erscheint und weil sich das eine dem anderen unterordnet. Man kann die drei Kreise als Bälle deuten, das Dreieck als Berg – und schon bekommt das flache Bild eine beachtliche Tiefe.

Walter hat beide Ausdrucksweisen beherrscht und noch viel mehr. Er war ein Mann mit zahlreichen Talenten. Einer, der kosmologisch-mathematische Zeichnungen von großer Dynamik entwarf und Mikro- mit Makrokosmen in faszinierenden Kompositionen verschränkte. Zugleich ein versierter Landschaftsmaler, der die Intensität eines schwülen Abends oder eines flirrenden Nachmittags in zuweilen winzigen Gemälden kondensierte. Der mit einer Handvoll lässig hingeworfener Pinselstriche auf dünnen Holzplatten, Pappscheiben oder Verpackungsrückseiten Welten erschaffen konnte, in denen man versinken möchte.

Auch Menschen malte Walter, immer wieder porträtierte er sich selbst. Die Überraschung: Wer ihn nicht kennt – und das werden die meisten sein –, dürfte staunen, dass einer, der Frank Walter hieß, dunkelhäutig war. Dass er 1926 in Antigua geboren wurde und dort die meiste Zeit seines Lebens verbracht hat. Frank Walter wollte es selbst nicht glauben. In seiner eigenen Wahrnehmung war er ein weißer Mann. Denn dunkle Haut war in seiner Heimat seit der Kolonialisierung durch die Briten im 17. Jahrhundert gleichbedeutend mit minderwertig.

Walter wusste, dass sich unter seinen Vorfahren ein Deutscher befand. Er hat eine gute Ausbildung genossen und Anfang der fünfziger Jahre eine Zuckerrohrplantage geleitet. In seiner durch die karibische Herkunft geprägten Vorstellung konnte er also gar nichts anderes als weiß sein. Dieses Thema, das (post-)koloniale Verständnis von Rasse und Wertigkeit, quälte den Künstler ein Leben lang. Walter haderte mit seiner Identität, er recherchierte Stammbäume und ging schließlich nach Europa, um den Menschen dort zu zeigen, dass er einer von ihnen war.

Frank Walter, Ohne Titel. 

Die Sache lief allerdings anders als gedacht. In England war er rassistischen Anfeindungen ausgesetzt und musste sich mit Hilfsarbeiter-Jobs über Wasser halten. In Deutschland lief es besser. Er fand Arbeit als Bergarbeiter im Kohlenpott und fühlte sich leidlich wohl. Als er 1961 in die Karibik zurückkehrte, war er schockiert über den Niedergang der Landwirtschaft zugunsten der Tourismus-Industrie. Einige Jahre lebte er auf Dominica, schnitzte bemerkenswerte Holzskulpturen im Stil der indigenen Arawak, dann kehrte er nach Antigua zurück, eröffnete ein Fotostudio und verkaufte selbstgebautes Spielzeug.

1995 zog sich der Künstler von der Welt zurück, lebte ohne Strom und fließend Wasser auf einem Hügel, malte, dichtete und schrieb wie der Teufel. Als er 2009 starb, hinterließ er ein gigantisches Konvolut an Material. Darunter kontemplative Bilder, die eine Rückenfigur – wohl den Künstler selbst – auf oder zwischen Bäumen zeigt, wie er aufs glatte oder bewegte Meer hinausschaut. Bilder, die eine tiefe Ruhe, aber auch Einsamkeit ausstrahlen, ganz ähnlich wie man sie von Caspar David Friedrich kennt – auch wenn die Ausführung mit schnellen Pinselstrichen kaum gegensätzlicher sein könnte.

Auf eigentümliche Weise anrührend ist auch eine Serie von Miniaturbildern, die aus winzigen weißen Tupfen vor dunklem Hintergrund besteht. Einmal meint man eine Menschenschlange von oben zu erkennen, bei der jeder seinen Vordermann in die Arme schließt. Oder auch nicht. Vieles bleibt bei Frank Walter in der Schwebe.

Obwohl der Künstler sich der Qualität seiner Arbeiten stets bewusst war, wurden sie zu seinen Lebzeiten nicht gezeigt. Eine komplette Ausstellung lagerte in Kisten bei ihm zuhause. Erst 2017 waren Teile seines Werkes auf der Biennale in Venedig im Nationalpavillon von Antigua und Barbuda zu sehen. Die Kuratorin, die US-Amerikanerin Barbara Paca, hatte Walter noch selbst gekannt.

Dass all dies, was nun in einem großen, luftigen Museum präsentiert wird, jahrzehntelang in einer ärmlichen Hütte gehortet war – vieles ist an Rändern oder Oberflächen beschädigt –, fühlt sich eigentümlich an. Zumal die Werke aus ihrem Kontext in einen völlig anderen verfrachtet wurden. Zugleich ist es aufregend zu sehen, wie ein kleines Bild von einer Vogelkralle oder einer Felsenkonstellation sich mit seiner neuen Umgebung massiv verändert.

MMK-Direktorin Susanne Pfeffer begegnet dem Dilemma, das entsteht, wenn eine weiße Frau einen karibischen Künstler in einem europäischen Museum ausstellt, mit größtmöglicher Offenheit. Indem sie die Arbeiten einbettet in zeitgenössische Werke, die den Themenkomplex Rassismus und Kolonialisierung von mehreren Seiten umkreisen.

Ein Großteil besteht aus bewegenden Filmarbeiten, von denen vor allem eine heraussticht, weil sie so schonungslos ist: In „Baby I Will Make You Sweat“ dokumentiert Birgit Hein eine Affäre, die sie 1994 mit über 50 Jahren auf Jamaika erlebt hat. Ein Klischee, das in seiner Ausnutzung kolonialer Machtverhältnisse abstößt – zugleich jedoch in der authentischen Darstellung von dem Bedürfnis nach Nähe tief berührt.

Auch Frank Walters Paradies ist ein Sehnsuchtsort, der durch die bis heute nachwirkende Geschichte massiv beschädigt wirkt. Seine Bilder zeigen eine Schönheit, die jeglicher Süße entbehrt.

MMK,Frankfurt: Bis 15. November.

www.mmk.art

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