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Fotograf Willy Römer schrieb dazu: "Hier konnten die Arbeitslosen die eben empfangene Unterstützung sofort umsetzen."

Fotografie

Ausnahmezustand vor dem „Vorwärts“

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Das Berliner Museum für Fotografie zeigt die Revolution 1918/19, zeigt Straßenkampf und schrilles Nachtleben.

Die Wand im Entrée, auf der die Straßenkampf-Fotos hängen, ist rosarot gestrichen. Farbe der Euphorie. Man guckt im Ausstellungssaal des Berliner Museums für Fotografie auf die kontrastharten Schwarz-Weiß-Szenen der Revolution: November, Dezember 1918.

Vorm zerschossenen Eingang des Stadtschlosses stehen Marineposten. Pulverrauch hängt über den Linden. Weihnachten marschieren General Lequis’ Garde-Jäger durchs Brandenburger Tor, wider die Unruhen der Kommunisten. Die Ordnung soll wiederhergestellt werden. Aber viele der Soldaten laufen lieber nach Hause. Kriegsmüdigkeit allerorten.

Dann wechselt das Rosarot der Stellwände in graugedämpftes Weiß. Ernüchterung für den Blick: Zu Jahresbeginn 1919 werden in Berlin Möbelwagen zu Barrikaden. Oder, wie in einem der vielen Willy-Römer-Motive, damals der Berliner Chronist der Stunde, dienen im Zeitungsviertel vorm Mossehaus in der Schützenstraße riesige Remittenden-Stapel. Wehrhafte Prellböcke gegen die MG-Garben der Regierungstruppen.

Hinter diesem Schutzwall aus Gedrucktem sieht man eine abenteuerliche, ja obskure Männer-Mischung in Soldatenuniform, mit Käppi, Hut, Proletenmütze oder Stahlhelm. Seite an Seite für die Revolution, fürs Ende der Monarchie, für die Republik. Für die Freiheit, welche auch immer.

Auf dem fast menschenleeren Kampffeld Alexanderplatz baumeln im März 1919 die zerschossenen Oberleitungen der Straßenbahn überm Pflaster und über den Schienen. Ausnahmezustand vor dem „Vorwärts“-Gebäude, Regierungstruppen haben auf Streikende und Demonstranten geschossen.

Die Revolution vor hundert Jahren entschied sich in den Straßen der Reichshauptstadt, erzählt diese Ausstellung, die von dem Berliner Fotohistoriker Enno Kaufhold und der Sängerin Evelin Förster (zuständig für den Bereich Unterhaltung) zusammen mit dem Leiter des Fotografie-Sammlungen Ludger Derenthal kuratiert wurde. Und als Zeitzeugen mit dabei waren damals Pressefotografen wie Willy Römer, Walter Gircke, Otto oder Georg Haeckel.

Gerade Römers sperrige Plattenkamera – nicht umsonst nannte man den nach 1936 von den Nazis verfemten Fotografen später „das Auge der Weimarer Republik“ – , hat in dieser aufregenden Umbruchszeit nichts verpasst. Er war mit ihr immer zur rechten Zeit am rechten Ort. Er dokumentierte die Rede Karl Liebknechts vor dem Ministerium des Inneren bei der Demonstration für die sofortige Demobilisierung der Soldaten, den Trauerzug auf der Frankfurter Allee zur Beisetzung Rosa Luxemburgs wie auch den Wahlkampf für die „Liste 4“ und die Spieltische der wartenden Arbeitslosen in der Gormannstraße nebst gespendeten Kuchen auf den Tischen.

Zwischen den Aufnahmen vom Nachkriegselend und dem pragmatischen Alltagsleben in der von den Kämpfen malträtierten Stadt und ihren leidenden, aber zähen Bewohnern, berichten Plakate und Filme von den gleichzeitig wiedererwachten Lebensgeistern, der Sehnsucht nach Kultur, vor allem der leichten, der Unterhaltung, dem Tingeltangel. Und so hängen neben den Fotos von Schlangen vor Suppenküchen, bettelnden Kindern, Obdachlosen und Kriegsinvaliden, der Demonstrationen, Kundgebungen, Schießereien und Trauerzüge auch die schrillen Plakate des Berliner Nachtlebens. Die Lebenslust, ja Lebensgier erwachte in den Bars, Varietés, Kabaretts und Kinos, etwa für den Lubitsch-Film „Rauch“ mit Asta Nielsen. In den Nachtbars, auf den Dielen, tanzen die Jüngeren sozusagen auf dem Vulkan, „Fox-Trot“.

Alles wird besser. Aber nichts wird gut. Die Sektkorken knallten zwischen politischem Straßenkampf, Raub- und Lustmord: „Berlin, dein Tänzer ist der Tod“ – von Streik zu Streik, von Bett zu Bett, so hört sich Friedrich Hollaenders sarkastischer „Fox macabre“ an.

Sie saugt einen ein, diese Bildgeschichte der Revolution, der die Weimarer Republik, als eine Berliner Republik, nachfolgte. Eine Demokratieform, von der es damals keine bessere gab, die der Hass von rechts und links, die Weltwirtschaftskrise, schließlich der sieg-heilversprechende Diktator Hitler umbrachten.

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