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Gerhard Marcks bei der Arbeit.

Ausstellung

Der ausgedünnte Mensch

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Das Käthe Kollwitz Museum Köln widmet dem Bildhauer Gerhard Marcks eine umfassende Schau.

Im Grunde sei Bildhauerei ganz einfach, soll Gerhard Marcks einmal gesagt haben: „Man macht das Dünne dünner und das Dicke dicker.“ Das klingt zunächst nach einer koketten Untertreibung, wenn nicht sträflich banal. Und doch traf Marcks die ganze Problematik der Bildhauerei am Anfang der Moderne damit genau: Wer das Dicke dicker macht, als es tatsächlich ist, entfernt sich zwar vom Vorbild der Natur. Aber er bleibt ihm immer noch als Richtschnur treu.

Da hatte das junge 20. Jahrhundert auch ganz anderes zu bieten. Alexander Archipenko setzte seine Menschen nicht mehr aus Körperteilen, sondern aus Volumen und Hohlräumen zusammen, und Constantin Brancusi klatschte zwei Liebende wie nasse Toastbrote aneinander. Solche radikalen Experimente überließ Gerhard Marcks (1889-1981) gerne der Avantgarde und unterbreitete seine Menschen- und Tierskulpturen wie Vorschläge zur Güte. Auch Marcks wollte vom alten Abbildrealismus nichts mehr wissen und suchte wie die Modernen nach einer höheren Wahrheit in den Dingen. Allerdings lief das bei ihm nicht auf abstrakte Figuren hinaus. Sondern auf etwas, das er selbst „prägnante Formen“ nannte.

Im Kölner Käthe Kollwitz Museum lässt sich jetzt diese zwischen Tradition und Moderne angesiedelte Prägnanz eingehend betrachten. Sie findet sich etwa im gebogenen Rücken einer Frau, der auf den zweiten Blick einem anatomischen Gewaltakt nahekommt, einer dem Maler Hans Purrmann mutwillig schief gehauenen Nase oder einer Ziege, deren Leib an den Seiten spitz zuläuft. Auch Marcks unterwarf den Körper zuweilen geometrischen Grundformen, denen selbst Schlangenmenschen nicht gewachsen waren, aber er versuchte dabei stets den Eindruck zu bewahren, etwas oder jemand Lebendiges stünde vor uns.

Eher selten machte er dabei Dickes dicker. In der Regel dünnte Marcks seine Figuren zu eleganten Formen mit kleinen ästhetischen Widerhaken aus. Bei seiner Eva zieht einen weniger die Schlange in den Bann als die Ecken und Kanten der paradiesischen Urfrau.

Die Gefahr des Naturalismus

Gegen die ständig lauernde Gefahr, in den Naturalismus zurückzugleiten, wappnete sich Gerhard Marcks mit Bleistift und Zeichenheft. Er schuf bewusst nicht nach der Natur, sondern ließ Familie und Freunde im Atelier auf und ab spazieren, bis ihm eine Position gefiel und er ihnen innezuhalten befahl. Erst dann machte er zehn bis vierzehn Skizzen, nach deren vom „Original“ bereits deutlich abweichendem Bild er seine Skulpturen schuf. Für die zigtausend Zeichnungen, die auf diesem Wege entstanden (und nicht sogleich verkauft wurden), ließ sich Marcks später eigens einen Vorratsschrank mit nach Motiven geordneten Schubladen bauen; teilweise zog er daraus erst nach Jahrzehnten einzelne Vorlagen heraus.

Auf diese allmähliche Verfertigung der Skulpturen beim Zeichnen konzentriert sich die in Kooperation mit dem Bremer Gerhard-Marcks-Haus entstandene Ausstellung. Jede der 20 Skulpturen oder Modelle wird von mehreren Skizzen begleitet, und wer ein gutes Auge hat, erkennt wohl, wo ein Rückenbogen oder ein Taillenknick vom Papier auf die Bronze übersprang. Auf diese gesteuerten Übersprungshandlungen bezieht sich der Ausstellungstitel „Der Bildhauer denkt“, der unfreiwillig allerdings auch ein Problem der schönen Ausstellung annonciert: Die Zeichnungen sind nur als Skizzen und Vorstufen, aber nicht an sich interessant. So fesselnd die fertigen Skulpturen sein können, so wenig aufregend ist es, Marcks beim Denken zuzusehen.

Man kann die thematisch geordnete Ausstellung allerdings mit viel Gewinn auch chronologisch abgehen: Im Jahr 1932 stand Gerhard Marcks mit seiner gleichermaßen um Harmonie wie Fortschritt bemühten Kunstauffassung an der Schwelle zum Welterfolg. Der Galerist Alfred Flechtheim stellte seine Werke aus und Alfred H. Barr holte seine Skulpturen für eine Überblicksschau moderner deutscher Kunst ins New Yorker Museum of Modern Art.

Protest gegen Entlassung jüdischer Künstler

Mit Hitlers Aufstieg an die Macht war Marcks die erhoffte Karriere allerdings schlagartig verbaut. 1933 protestierte er gegen die Entlassung jüdischer Künstler aus dem Staatsdienst und wurde daraufhin selbst von den Nazis aus seinem Lehramt gedrängt; 1936 schaffte er mit der Skulptur eines schmalbrüstigen Jünglings einen überlegten Gegenentwurf zu den soldatischen Heldenkörpern der faschistischen Bildhauerei. Auch wegen dieses Affronts wurde Marcks später mit Ausstellungsverbot belegt, einige seiner Werke gelangten in die „Entartete Kunst“-Ausstellung, mit der die Nazis die ihnen verhasste Kunstmoderne bloßstellen wollten.

Nach dem Krieg gehörte Gerhard Marcks dann zu den wenigen deutschen Bildhauern, denen der Staat bedenkenlos öffentliche Aufträge geben konnte. Er hatte politisch eine „weiße Weste“ und sein Festhalten an der figürlichen Darstellung passte zur Staatsräson in Kunstfragen. Während die geplünderten Museen bei ihren Ankäufen expressionistische Malerei und Bildhauerei bevorzugten, schienen Marcks’ Skulpturen ästhetisch weniger anstößig und damit besser für Repräsentationszwecke im öffentlichen Raum geeignet.

Diese verspätete Karriere führte Marcks 1950 nach Köln, wo ihm die Stadt auf Betreiben Josef Haubrichs ein von Wilhelm Riphahn entworfenes Atelier- und Wohnhaus zur Verfügung stellte. Dort schuf er nicht nur Büsten von Konrad Adenauer und Theodor Heuss, sondern auch Skulpturen, die zahlreiche deutsche Innenstädte bis heute prägen: die Stadtmusikanten in Bremen, einen Hiob in Nürnberg und in Köln, seiner späten Wahlheimat, die Albertus-Magnus-Statue vor der Universität.

Sein Erfolg als „Staatskünstler“ hat es Gerhard Marcks nicht gerade leichter gemacht, in den Kanon der Moderne aufgenommen zu werden – wie sich die Kunstwelt ohnehin schwer damit tut, seine Qualitäten zwischen Tradition und Moderne einzuordnen. „Man hat mich als Expressionisten gelten lassen, als Entarteten gebrandmarkt, als Klassizisten beiseitegelegt und als Realisten wieder hergeholt“, kommentierte Marcks dies selbst mit einer gewissen Zufriedenheit. Wer sich im Lauf seines Lebens zwischen so vielen Stühlen wiederfand, muss wohl einiges richtig gemacht haben.

Käthe Kollwitz Museum Köln:

bis 3. Juni. www.kollwitz.de

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