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Der Tod ist immer nah: "Zum Walde II" (1915), Farbholzschnitt von Edvard Munch.
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Der Tod ist immer nah: "Zum Walde II" (1915), Farbholzschnitt von Edvard Munch.

Munch im Städel

Die Ausbreitung der Angst

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Das Frankfurter Städel zeigt Edvard Munchs Druckgraphik: Nihilismus. In dieser Ausstellung drängt das Wort sich auf. Selbst im harmlosesten Porträt entsteht der Eindruck der Aussichtslosigkeit.

Edvard Munch war schon ein berühmt-berüchtigter Maler, als er 1894 die Druckgrafik entdeckte, als sie, um die Wahrheit zu sagen, der deutsche Kunstschriftsteller Julius Meier-Graefe ihm aufdrängte. Munchs Gemälde waren schwer verkäuflich. Wer wollte sich die düsteren Ansichten junger Mädchen, die dunklen Gewässer schon an die Salonwand hängen. Vom impressionistischen Licht durchleuchtete Birkenwälder waren beliebt, nicht die Aussichten auf Verzweiflung und Untergang. da boten die erschwinglicheren Mappen mit Holzschnitten, Radierungen oder der gerade erst erfundenen Technik der Farblithografie dem Künstler die Chance, an ein anderes Publikum zu kommen, eines vielleicht auch, das jung und kräftig genug war, nicht über die Verletzungen des Lebens hinweggetröstet werden zu müssen.

1947 erschien W.H. Audens "Zeitalter der Angst". Es brachte die vergangene Epoche auf den Begriff. Eine Epoche, an deren Anfang Edvard Munch stand. Wer seine Biografie kennt, der weiß, dass der Tuberkulose-Tod von Schwester und Mutter ihn tief prägte. Das Leben erscheint auf seinen Bildern als eines am Abgrund. Es ist immer bedroht. Die Liebenden, die nicht nur ineinander verschlungen sondern fast eins geworden am Teich stehen, spiegeln sich nicht lustvoll darin, sondern werden in ihn gehen, um den gemeinsamen - immerhin das! -Tod darin zu suchen.

Das Bild "Der Tag danach" war ein Skandal, als es in Oslo gezeigt wurde. Man könne jetzt nicht mehr mit seinen Töchtern ins Museum gehen, schrieben die Zeitungen. Man nahm angeblich Anstoß am unsittlichen Charakter der Darstellung. Eine Frau, die in einem zerwühlten Bett liegt, ein Arm heraushängend. Das Unsittliche besteht im Unerotischen, im Anti-Erotischen. Bouguereaus Salonplaymates mit viel nackter, rosiger Haut und darunter Diana hätten dem männlichen Publikum die Lefzen befeuchtet. Zu Protestschreiben wäre es nicht gekommen.

Es ist die Beschwörung der Verlassenheit, das Wissen um die hässliche Miserabilität der menschlichen Existenz, die Munchs Bilder dem Publikumsgeschmack seiner Zeit so widerlich machte. Es gab ein heute vergessenes Wort dafür: Nihilismus.

In dieser Ausstellung drängt das Wort sich auf. Selbst noch im harmlosesten Porträt entsteht der Eindruck der Aussichtslosigkeit. Man kann dergleichen nicht lesen als individuellen Zug der Porträtierten, da es sich überall findet. Man erkennt allenfalls einen Munch-Stil darin. Aber so mögen die Freunde des Künstlers ihn damals gesehen haben. Für uns heute zählen weniger die persönlichen Ursachen, Anlässe, Auslöser seiner Angstgefühle als vielmehr das Wissen darum, wie berechtigt die Angst das kommende halbe Jahrhundert sein sollte.

Für uns mag Munch - in Beuys' Sinne - seine Wunde zeigen. Aber wir wissen, dass es nicht seine, sondern die seines Zeitalters war. Seine Angst ist die seiner Epoche. Oder doch Teil von ihr. Dass Leben Überleben ist und dass nur ein zufälliges Hinauszögern eines garantiert eintretenden Endes, weiß die Menschheit von jeher. Aber es gibt Zeiten, in denen dieses Wissen übermächtig wird. Zeiten, in denen Menschen ihm nicht mehr entkommen können. Nicht einmal stundenweise. Für diese Menschen, für diese Zeit hat Edvard Munch gemalt.

Die Städel-Ausstellung zeigt Munchs Druckgrafik. Sie macht klar, dass Munch sein Gefühl, den Ausdruck seines Gefühls nicht nur nicht für sich behalten konnte, sondern dass er es und ihn hinausbrüllen, in Massenauflage unters Volk bringen wollte. Er fütterte eine Propagandamaschine des Nihilismus. Mit angestrengtester Arbeit unter Ausnutzung modernster Techniken brachte er ruhelos aktivistisch das Gefühl völliger Passivität unter die Massen. Mit Erfolg.

Das Innerste nach außen zu kehren, im Intimsten das Allgemeinste zu erkennen, auch dazu ist Kunst da. Das schafft sie. Das kann man in dieser Ausstellung sehen. Man sieht es selbst in den harmlosen Auftragsarbeiten für den Lübecker Augenarzt und Kunstsammler Max Linde. Der hatte übrigens ein Fries für sein Haus abgelehnt, weil darauf ein küssendes Paar zu sehen war. Er wollte das seinen Kindern nicht zumuten.

In der Städel-Ausstellung werden immer wieder Munch-Blätter solchen anderer Künstler gegenübergestellt. So hängt dann neben Munchs "Totem Liebespaar" von 1901 Beckmanns "Liebespaar 1" von 1916. Die Ausstellungsmacher lenken unsere Aufmerksamkeit auch immer wieder auf die verschiedenen Techniken. Jemand, der diesen Hinweisen folgt, der dann noch die Website aufruft und sich dort munitionieren lässt, wird anschließend Bescheid wissen über Kaltnadel und Aquatinta. Er wird verstehen, warum Munch eine Laubsäge nahm und die Druckstöcke für seine Holzschnitte zersägte. Er wird - nimmt er sich viel Zeit und übt fleißig - vielleicht sogar auf den Blättern sehen, was ihnen angetan wurde, wie die Schönheit ihnen eingepresst wurde.

Wer - wie der Schreiber dieser Zeilen - sich die Zeit nicht nimmt, sondern hofft, sie ein andermal zu haben, der wird doch auch beim gewohnt flüchtigen, das heißt nur hier und dort sich ins Einzelne versenkenden Gang durch die Ausstellung auf Dinge stoßen, die er kennt und liebt, die er aber jetzt durchs andere Medium der Druckgrafik noch einmal anders sieht. Die zärtliche Brutalität des Holzschnitts der Mädchen auf der Brücke zum Beispiel hat weniger Stimmung als das Gemälde. Dafür aber ist es definitiver. Hier ist wirklich Ende und nicht nur jugenstilige Endzeitstimmung.

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