Das Lebenswerk der Künstlerin Ré Soupault

Auf Augenhöhe mit der Welt

Die Kunsthalle Mannheim widmet der Mode- und Filmemacherin, der Fotografin, Essayistin und Übersetzerin Ré Soupault die erste umfassende Retrospektive.

Von Natalie Soondrum

Das Centre Pompidou in Paris ist weltweit das größte und bedeutendste Archiv für die Fotografie des Surrealismus. Das hat nicht zuletzt die Ausstellung „La subversion des images“ belegt, in der die Galerie 2009 mal eben 400 Exponate, großteils Originalabzüge, aus den Depots zauberte.

Angesichts des Umfangs der Bestände verwundert es nicht, dass nach wie vor kleine Sensationsfunde gelingen. Zum Beispiel zwei Fotoserien von Man Ray, die lange nicht zugeordnet werden konnten und die nun erstmals öffentlich in der ersten umfassenden Retrospektive der Künstlerin Ré Soupault in der Kunsthalle Mannheim gezeigt werden: Die erste Serie zeigt ein flachbrüstiges Modell mit einer Nase in Modigliani-Länge und Bubikopf. Sie trägt einen Hosenrock mit einer Kasten-Jacke und dazu flache Riemchensandalen. Ein anderes Foto zeigt das lässige Modell in einem Trägerkleid mit kaftanartigem Mantel darüber. Die Gewänder fügen sich nahtlos ein in die Bildkomposition: Es sind Bilder von zeitloser Schönheit, eine unwiderstehliche Mischung aus abstrakter Fotografie und realistischer Darstellung des menschlichen Körpers, Meisterwerke.

Die zweite Serie ist von ebenso ausgesuchter Schlichtheit. Doch die abgebildete Person ist es nicht: Eine junge Frau mit ebenmäßigem Gesicht und rasierten Augenbrauen, was das Tiefliegende ihrer großen Augen verstärkt. Der Kurzhaarschnitt ist patent zurückgekämmt, sie trägt ein schlichtes Kostüm. Sie verschränkt mit geschlossenen Augen die Arme hinter dem Kopf, lehnt sich in eleganter Pose auf dem Klappstuhl nach vorn. Doch sie spielt nicht auf eine Wirkung an, sie will nicht beeindrucken, sie will sein: Sie ist Meta Erna Niemeyer alias Ré Richter alias Renate Green alias Ré Soupault. Die vielen Namen, unter denen sie arbeitete, spiegeln die Vielfältigkeit ihres Werks: Als Mode- und Filmemacherin, Fotografin, Grafikerin, Essayistin und Übersetzerin stand sie Zeit ihres Lebens im Zentrum der Avantgarde.

Kleidung für die moderne Frau

Ihre Mode ist es auch, die Man Ray fotografierte. Sie stellte sie in ihrem Modeatelier „Ré Sport“ her, das sie von 1930 bis 1934 in Paris betrieb, nachdem sie bereits um 1926 für den Pariser Modezaren Paul Poiret den Hosenrock erfunden hatte, den dieser als große Neuheit lancierte. Nebenher verdingte sie sich in dieser Zeit als Modezeichnerin unter dem Namen Renate Green für das angesagte Magazin Sport im Bild.

Es ist ein Verdienst der Kuratoren, dass sie neben den Fotografien von Man Ray auch eine Rekonstruktion von Rés „Transformationskleid“ zeigen, das die Werkstätten des Nationaltheaters Mannheim nach Zeichnungen angefertigt haben. Es ist von schlichtem Schnitt und kann mittels einer Vielzahl von Accessoires – Pullover, Jackett, Schals, anknöpfbare Kragen etc. – verwandelt werden, bis hin zum bodenlangen Abendkleid mit Cape.

Ré war an einer adäquaten Bekleidung für die moderne Frau interessiert. „90 v. Hd. aller Frauen arbeiten heute, und diese 90 v. Hd. brauchen eine rationelle Kleidung“, schreibt die Künstlerin Anfang der Dreißiger in einem Artikel. Sie propagiert damals ultramoderne Details wie den Reißverschluss. Um ihre Mode hochwertig, aber erschwinglich zu gestalten, verwendet sie Stoffe der Couturiers vom Vorjahr. Eine praktische und geniale Idee, die ihre Bauhaus-Prägung verrät. Doch ihre Vorstellungen sind den einfachen Pariserinnen zu hoch. In der Intellektuellen- und Oberschicht findet ihre Mode reißenden Absatz, was sie wiederum auf Dauer reizlos findet.

Ré Soupault (1901–1996) kommt als Tochter eines pommerschen Metzgers und Pferdezüchters zur Welt. Sie ist musisch veranlagt, längst ist das Elternhaus ihr zu eng geworden, als die Kunstlehrerin im Lyzeum ihr das Bauhaus-Manifest von Gropius in die Hand drückt. „Da wollte ich mitmachen“, schreibt sie später, und 1921 geht sie gegen den heftigen Widerstand ihrer Familie (diese will sie zeitweise entmündigen und einweisen lassen) nach Weimar, wo sie ihrem wichtigsten Lehrer Johannes Itten begegnet: „Bei Itten geschah etwas, was uns befreite. Wir lernten nicht malen, sondern lernten neu sehen, neu denken und zugleich lernten wir uns selber kennen.“

1923 macht sie durch einen Kollegen in Berlin Bekanntschaft mit dem Dadaisten Viking Eggeling, der gerade mit einem Filmprojekt kämpft: Die Diagonal-Sinfonie. Technisch völlig unversiert, kommt ihm die junge Bauhaus-Studentin gerade recht: In Zusammenarbeit mit der Firma Askania, die ihre neuesten Filmkameras zur Verfügung stellt, dreht Ré mit Eggeling den ersten Zeichentrickfilm der Avantgarde-Bewegung und einen der großen Filme des „Cinéma Pur“.

Nach Eggelings frühem Tod, er war 1925 über die mühsamen Dreharbeiten buchstäblich verhungert, heiratet sie 1926 den Experimentalfilmer Hans Richter. Dem Kollegen und Erzrivalen Eggelings gelingt es, Ré die Kiste mit seinem Filmnachlass abzuluchsen. Das Ergebnis ist die offizielle Geschichtsschreibung: Ré Soupault verschwand aus den Annalen der Filmgeschichte, und Richter brachte ungehindert eine gefälschte Fassung der „Diagonal-Symphonie“ in Umlauf. Selbst bei der in Mannheim gezeigten Fassung ist nicht sicher, wie nahe sie dem Original kommt.

Nach nur einem Jahr Ehe verlässt Ré 1927 Hans Richter und geht nach Paris, wo sie dem Mann ihres Lebens begegnet, dem Surrealisten und Literaten Philippe Soupault. Der war per Zufall über die „Die Gesänge des Maldoror“ von Lautréamont gestolpert. Ré wird das Schlüsselwerk des Surrealismus 1954 ins Deutsche übertragen. Doch das findet erst in ihrem übernächsten Leben als Essayistin und Übersetzerin surrealistischer Literatur statt, wir sind zwanzig Jahre zu früh.

Als Fotoreporterin unterwegs

Nach ihrer Mode-Episode beginnt Ré 1934 auf Wunsch von Philippe zu fotografieren. Er arbeitet als Chef-Reporter für Magazine wie VU, Excelsior und Intransigeant. Ré bebildert seine Reportagen, die die beiden nach Norwegen, Italien und Spanien führen. Tiefen Eindruck hinterlassen auch 25 Jahre nach ihrer Wiederentdeckung Rés Aufnahmen von den Frauen des „Quartier réservé“ in Tunis . Ab 1937 soll Philippe Soupault dort für die französische Regierung den antifaschistischen Sender „Radio Tunis“ aufbauen. Ré Soupault entdeckt das Viertel, in dem tunesische Frauen leben, die keinen Platz innerhalb ihrer Familien finden. Sie dürfen es nicht verlassen, und ihre einzige Möglichkeit zum Broterwerb ist die Prostitution. Ré nimmt Kontakt zu den Frauen auf und fotografiert sie. Es sind starke Porträts bar jeder Orientalisierung.

Wer die Entwicklung der Reisefotografie kennt, die ihren Ausgang im 19. Jahrhundert nahm und ganz und gar von literarisch-sentimentalen Klischees von der „Fremde“ beherrscht war, weiß sofort, dass die ästhetische Qualität von Ré Soupaults Aufnahmen nicht zu überschätzen ist. Ihre Schulung im Bauhaus befähigt sie, aus dem, was sie an Ort und Stelle vorfindet, eigenständige Bild-Kompositionen zu erschaffen. Sie ist eine Frau im Hosenrock und flachen Riemchensandalen, die sich frei fühlt, welche Pose auch immer einzunehmen, um den Blick auf das zu lenken, was sie wahrnimmt. Und wenn das schüchterne Flüchtlingskinder sind oder Menschen in bewegten Situationen, geht sie bewusst in die Knie. Als freier Geist hat sie keine Angst vor Unterwerfung, auch bedarf sie keines herrschaftlichen Blicks, denn sie ist auf Augenhöhe mit der Welt.

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