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Roberto Diago: "Verbrannte Stadt".

Roberto Diago in Berlin

Wie aufgeplatzte Haut

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Ein kubanischer Künstler erinnert an dunkle Kapitel auf der Insel, unter anderem an die Sklaverei.

Verkohlte Holzkästen türmen sich bis an die weiße Raumdecke hoch zu einer brachialen Skulptur. Der Kubaner Roberto Diago nennt sein Hauptwerk „Ciudad Quemada“ (Verbrannte Stadt). Und die hat er in der Galerie Crone in Berlin-Kreuzberg aufgebaut. Unlängst noch war diese apokalyptische Parabel auf einer Pariser Unesco-Schau zu dem Thema Sklaverei zu sehen, nämlich als Erinnerung an die elenden, ungeschützten, verbrannten Behausungen schwarzer Sklaven auf Kuba.

Und daneben hängen riesige schwarze, braune, ockerfarbene Bilder, mit Juteflicken und -streifen beklebt. Im Schwarz klaffen blutrot vertikale „Wunden“, wie aufgeplatzte schwarze Haut, wie von den Riemen der Peitschen und Knüppel geschlagen, mit denen die Sklaven einst von ihren Antreibern gepeinigt wurden. Auf Kolonialgeschichte der doppelten Art wird hier von diesem Künstler verwiesen. Die willkürlich zusammengeworfenen, zur Pyramide aufeinandergetürmten Kästen erwecken den Eindruck eines perfiden Systems: Die spanischen Konquistadoren rotteten erst die indianische Urbevölkerung aus, dann brachten sie auf Sklavenschiffen seit dem 16. Jahrhundert Afrikaner auf den amerikanischen Kontinent und auf die Inseln.

Aber (nicht nur) Kubas spanischstämmige, kreolische wie afro-karibische Bevölkerung lebt auch in der Moderne noch mit einem großen Konflikt: Die Sklaverei wurde auf Kuba zwar 1886 abgeschafft, und nach der Revolution 1959 verkündete Fidel Castro die Gleichheit aller Klassen und Rassen. Doch die schwarze Minderheit fühlt sich – und wird – teilweise noch immer benachteiligt. Daran haben auch die sozialistischen Zeiten auf Kuba nur wenig geändert. Und darauf spielt Diago nachdrücklich an. Denn er ist schwarz, wie schon seine Urahnen.

Er selbst, sagt er, habe keine Benachteiligung erlebt. Sein Großvater, der Maler Juan Roberto Diego Querol, war sogar einer der gefeierten Moderne-Nationalkünstler des revolutionären Kuba. Dennoch beobachtet der Enkel den alltäglichen Rassismus. Er sieht und hört, was andere Schwarze, die nicht so prominent sind wie er selbst, erleben, latent, aber allgegenwärtig.

Minimalistische Formensprache

Roberto Diago, geboren 1971 in Havanna, studierte an der Kunstakademie. Er bevorzugt eine minimalistische Formensprache. Auf diese Weise löste er sich – ohne je mit der Castro-Kulturpolitik zu kollidieren – von der sozialistisch-idealistischen Kunst-Tradition und mied fortan anekdotische oder folkloristische Elemente.

Diagos Kunst entlang der Biografie seiner Vorfahren hat eine melancholische, fast schmerzhafte poetische Kraft, ja, beinahe Wucht. Es gibt keine Figuren, keine Gesichter in seinen Bildern und Skulpturen aus Holz und dick mit Ölfarbe überstrichenen Jutesack-Streifen, jenem rauen Material, in dem seine Vorfahren auf den Zuckerrohr-, Kaffee- und Tabak-Plantagen die Ernte schleppen mussten.

Roberto Diago verbindet genau jene Verweise ästhetisch mit einer modernen Formensprache. Seine Arbeiten entstehen zwar mit konzeptionellem Hintergrund, lassen aber zugleich an die sinnliche italienische „Arte povera “ (arme Kunst, mit Materialien wie Holz, Stein, Ton, Seilen, Leinen, rostigem Eisen) denken. Er macht auf seinen Bildern Baumwoll-Wülste zu Narben einer „Haut, die gleichsam „spricht“. Die „Wunden“ auf den schwarzen Tafeln lassen an den Nachkriegs-Avantgardisten Lucio Fontana denken, der seine Leinwände aufschlitzte.

Es ist, als verweise Diago mit seiner Schau „Tracing Ashes“ erstens auf die blutige, rabiate Geschichte Kubas, auf die Mangelgesellschaft. Und zweitens auf die ungewisse Situation und Zukunft des Landes im Umbruch, nachdem die USA vor Kurzem, nach jahrzehntelanger diplomatischer Eiszeit, das Wirtschaftsembargo gelockert haben.

Denkwürdig, dass der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) Diagos Berliner Ausstellung eröffnete, auch der kubanische und der US-amerikanische Botschafter gekommen waren. Diago stellt die Frage nach kultureller Identität im Land zwischen Sozialismus, Santería-Religion und Kapitalismusverheißung neu. Wohin steuert die Karibikinsel? Bleibt die Jugend im Lande? Lieben, Glauben, Hoffen auf Kubanisch.

Galerie Crone, Berlin-Kreuzberg: bis 23. Januar. www.cronegalerie.de

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