Da sind sie wieder: die Rätsel in Neo Rauchs beklemmend romantischen, irritierenden Bildwelten.
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Da sind sie wieder: die Rätsel in Neo Rauchs beklemmend romantischen, irritierenden Bildwelten.

Neo Rauch

Auf jeden Fall eine Gefahr

  • vonIngeborg Ruthe
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Neo Rauch hat in der Corona-Isolation viel gemalt. Die Leipziger Galerie Eigen+Art zeigt 16 neue Bilder.

Nieselregen überm Gelände der einstigen Baumwollspinnerei Leipzig-Plagwitz, dem angesagtesten Kunstszene-Viertel Sachsens. Hier haben viele Künstler ihre Ateliers. Galerien, Klubs, Gastronomie siedelten sich an. Vor Halle fünf disziplinierter Andrang mit Regenschirmen: Geduldig und auf Abstand warten Bilderhungrige, eingelassen zu werden zu Neo Rauchs merkwürdigen Figuren, diesen Zeitreisenden auf Leinwänden. Der Sechzigjährige ist Ostdeutschlands erfolgreichster, weltweit höchstgehandelter Menschenmaler, einst Protagonist der „Neuen Leipziger Schule“. Seine Menschenbilder standen damals, um 2000, völlig außerhalb des Kanons der zeitgenössischen Kunst. Und seinen Kritikern gilt das bis heute als konservativ, gar reaktionär. Tatsächlich brachte dieser Maler das Figurative tief aus der Leipziger Tradition zurück in die Gegenwart.

Auch Neo Rauch hat in der Spinnerei sein Atelier, stellt in der Galerie Eigen+Art Leipzig die neuen Bilder aus. 16 Tafeln, entstanden, seit die Welt von Corona heimgesucht wird. Eigentlich sollte er im Museum der Bildenden Künste seiner Heimatstadt eine Retrospektive bestücken. Die hat er abgelehnt. Er fühlt sich mit 60 noch nicht alt genug für die Musealisierung. Lieber gibt er sozusagen vor Ort preis, was die Isolation durch die Pandemie bis jetzt aus ihm heraustrieb.

So auch diese Szene: Ein Kentaur ist der griechischen Mythologie entstiegen und bittet in seinem orangeroten Wams die siamesische Zwillingsfrau im orangeroten Kleid zum Tanz. Dies auf einer hölzernen, gleichfalls orangeroten Rampe. Das doppelte Lottchen lässt sich auffordern von dem Zigarette rauchenden Mischwesen, hält sich aber vorsichtshalber an einem Handlauf fest. Auch der ist orangerot. Fast tritt die machohafte Chimäre, halb gestiefelter Mann, halb Pferd, auf ein auf der Rampe liegendes Instrument. Die Musik kommt von weiter hinten, da sitzt ein Gitarrist und eine Frau – auch sie in Orangerot – tanzt allein. Eine somnambule Szene in einem ebenso seltsamen Ambiente von maroden Kellergemäuern und Landschaft mit Mondschein.

Da sind sie wieder: die Rätsel in Neo Rauchs beklemmend romantischen, irritierenden Bildwelten. Gestalten, die aus einer anderen Welt, aus dem vergangenen Jahrhundert und dem davor zu kommen scheinen. Es sind zeitlose Gleichnisse: mystisch, historisch, brutal. Wer nun vom Maler Auskunft erwartet, was das bedeuten soll, muss sich zufriedengeben mit: „Das ist direkt an der Grenze dessen angelangt, was es leisten könnte“, sagt Rauch. „Was hat das nun darüber hinaus zu sagen? Soweit will ich mich dann doch nicht öffnen. Auf jeden Fall lauert eine Gefahr, die man bändigen muss“.

Der Handlauf, dessen sich die gedoppelte Frauengestalt auf dem Bild bei ihrem Tanz makabre als Halt versichert, ist Titel der Ausstellung. Eine Metapher. Der Maler bestätigt, was dahinter steckt.

Um das Thema des Ausbalancierens geht es generell. Heißt das, in Rauchs unerklärlichem Welttheater schimmert Hoffnung auf? Ein Handlauf, an dem wir uns auf der Reise in die Zukunft festhalten? Auch die fünfzehn weiteren Gemälde aus den Corona-Monaten deuten so etwas an. All die surrealen und altmodischen Gestalten wie in einer Zeitkapsel, aus der Zeit der Romantik, der Aufklärung. Figuren, die sich wie im Trance auf den Weg machen. In eine Welt, die aus dem Lot geraten ist und in der es keine Gewissheiten mehr gibt. Fragen, aber keine Antworten.

Rauch versucht, die Unwucht auszugleichen. Aber das Figuren-Ergebnis seiner neuen Bilder ist enigmatisch bis zur Beklemmung, wie von einer unausgesprochenen Katastrophe überschattet.

Solche Malerei berührt, weil der Maler Mysterien nachspürt, ohne sie zu zerstören. Wir lernen sehen. Und die altmodischen Figuren scheinen hören zu können. Es ist, als würden sie vor sich hinmurmeln, wir sollten begreifen, dass Kunst ein Wagnis ist, ein Offenbaren innerster Ängste. Ein Wahnsinnsakt: Konfrontation eines grübelnden, zweifelnden Malers mit sich selber.

Figürliche Malerei eignet sich schon immer gut für eine gesellschaftlich orientierte Interpretation. Doch Rauch widerspricht dem „Hineinlesen“. Mögen seine Motive auch wie Kommentierungen derzeitiger Verhältnisse wirken, etwa wenn im Bild „Die Wurzel“ ein Mann, selber von einem schlangenartigen Seil gebunden, einem anderen Typen mit Megafon derb den Schuh auf den Leib setzt und ihn auf den Boden zwingt. Eine Szene, in der ein Demonstrant brutal überwältigt wird? Rauch sagt, solche Assoziationen spielten sich nur im Kopf des Betrachters ab. „Meine Malerei ist nicht politisch.“ Natürlich reflektiere er seine Zeit, das, was geschieht. „Was ich male aber sind Spiegelbilder meiner inneren Zustände. Und was sich da hineinmischt, hineinmengt, das kann ich nur bedingt kontrollieren.“

Das Publikum vor Rauchs Bildern ist auffallend still, etwas Seltenes im redseligen Sachsen, ich beobachte, dass vor allem Frauen immer wieder zu diesem einen Gemälde gehen, als ziehe sie magisch die gedoppelte Frauenfigur, die sich beim Tanzen vor ihrem eigenen Schatten festhält, am Handlauf.

Galerie Eigen+Art in der Spinnerei, Leipzig: 29. September bis 28. November. www..eigen-art.com

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