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Werner Spies im Jahr 2012.

Werner Spies

Auch die ultimative Instanz ist fehlbar

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Zum 80. Geburtstag des Kunstkritikerpapstes Werner Spies, der im Beltracchi-Skandal an Renommee verlor.

Wenn die westliche Kunstwelt inklusive alte Bundesrepublik seit den 1970er Jahren einen Kritikerpapst hatte, dann hieß der Werner Spies – ein Mann wie aus dem Kunstbilderbuch: charismatisch, universal gebildet, dazu eine vergeistigte Erscheinung, immer elegant gekleidet, subtil und geschliffen in den Umgangsformen. So lesen sich auch seine Texte: feingeistig, lebhaft, fassbar auch für Kunstlaien, voller bildstarker, kluger, espritgeladener Einsprengsel, Verweise, Vergleiche. Jedenfalls hat kaum ein anderer so umfassend über Kunst und Künstler der Moderne geschrieben wie Werner Spies, der heute 80 Jahre alt wird.

Seine Porträts und Beschreibungen vermitteln die spontane Begeisterung für ein bestimmtes Werk, die er mit anderen Menschen teilen möchte. Sie stecken den Leser sofort an – und fügen sich zu einer sehr persönlichen Kunstgeschichte. Auch wenn er selber Ausstellungen kuratierte, wenn er etwa dem Max-Ernst-Museum in Brühl dienlich war mit seiner exzellenten Kenntnis des deutschen, nach Frankreich und in der NS-Zeit in die USA emigrierten, nach dem Krieg nach Paris zurückgekehrten Surrealisten.

Es ist stets ein Gewinn, Spies’ Aufsätze oder Rezensionen zu lesen. Er, ein Kenner und Freund Picassos – mit ihm besuchte er in Südfrankreich sogar Stierkämpfe, obwohl ihm die Corrida eher Totenbleiche ins Gesicht malte, wie Fotos in Picasso-Bänden es belegen – stand auch anderen Künstlern der Klassischen, der Nachkriegs- und der Spätmoderne nahe. Den Surrealisten um Breton sowieso. Aber auch andere interessierten ihn: Jörg Immendorff, Anselm Kiefer, Gerhard Richter, Rebecca Horn, der Ostler Neo Rauch.

Und so galt Spies als die unfehlbare, zumeist ultimative Instanz für alle religiösen wie weltlichen Kunstbewertungen und Exegesen. Sei es die Einordnung von Stilen und Stilismen, Quellen, Bezügen und Referenzen. Oder betraf es die Echtheitsbewertung von Meisterwerken.

Selten ist so jemand so tief gestürzt

Spies, geboren am 1. April 1937 in Tübingen, studierter Philosoph, Kunsthistoriker, Romanist, Professor in Tübingen, Wien, Düsseldorf, Paris und lange Kritiker der FAZ, leitete von 1997 bis 2000 das Pariser Centre Pompidou. Er kuratierte weltweit Ausstellungen mit Werken von Max Ernst und Picasso. Spies, verheiratet mit einer Französin und mit Wohnsitz Paris, ist ein verdienter Kulturvermittler zwischen Deutschland und Frankreich. Daher wurde er Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der französischen Ehrenlegion.

An ihm führte kein Weg vorbei. Aber selten ist ein Mann, der jahrzehntelang so vom Netz des Kunst- und Kulturbetriebs getragen wurde, umworben von Politikern, Künstlern, Mäzenen, Schriftstellern und Medien, so tief gestürzt. Als 2010 der Kunstfälscherskandal um das rheinische Ehepaar Beltracchi aufflog, wurde Spies zur großen tragischen Figur: Er hatte sieben von Wolfgang Beltracchi – zugegeben, perfekt gefälschte – Max-Ernst-Werke für echt erklärt und, hier liegt die Tragödie, von gleich drei Stellen – Fälschern, Händlern und Mäzenen – Provisionen kassiert, insgesamt im sechsstelligen Bereich.

Mit dürren Worten

Daraufhin wurde Spies von einem französischen Zivilgericht zu Schadenersatz verurteilt. Ein Berufungsgericht sprach ihn später davon frei. Sein Ansehen aber war schwer angeschlagen. Wie sehr ihn sein fataler Irrtum getroffen hat, das kommt indes in seiner Autobiografie „Mein Glück“, 2012 erschienen, auf lediglich sechs von 606 Buchseiten vor. Mit dürren Worten nur geht er auf den Beltracchi-Skandal ein. Dabei hätte er die Chance gehabt, die Beltracchi-Bilder als Fälschungen zu enttarnen.

Irren ist menschlich auch bei Kunstpäpsten – aber den eigenen Fehlpass reuig einzugestehen, das hat der große Samuel-Beckett-Versteher nicht geschafft. Den Gang nach Canossa wagte er nicht. Es war das Ende der Unfehlbarkeit und brauchte zehn Jahre, bis sich die Wogen glätteten, andere Kunstskandälchen diesen einen relativierten. Und Werner Spies wieder eine differenziertere Ein- und Wertschätzung zuteilwerden kann.

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