Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Philips Wouwerman, Selbstportrait, Zeichnung, 17,5 x 14,6 cm,British Museum, London
+
Philips Wouwerman, Selbstportrait, Zeichnung, 17,5 x 14,6 cm,British Museum, London

Wouwerman in Kassel

In Arkadien keilen sich die Bauern

Knapp 600 Werke des niederländischen Malers Philips Wouwerman überlebten die Jahrhunderte. Mithilfe der eigenen Sammlung und zusätzlichen Leihgaben macht Kassel nun ein grandioses Panorama sichtbar.

Es ist immer wieder schön festzustellen, dass man nicht alles mit eigenen Augen gesehen haben muss, um es zu malen. Die niederländischen Bauernkaten des Philips Wouwerman zum Beispiel stehen hier und dort vor südländischen Gebirgslandschaften. Dass der Haarlemer Maler selbst bis Italien kam, gilt als unwahrscheinlich.

Selbst nach Hamburg soll er nur gereist sein, um dort gegen den Willen der Familie eine Katholikin zu heiraten. Offenbar orientierte er sich vielmehr an südlichen Bildmotiven seiner Kollegen. Sein ungezwungener Umgang mit geografischen Gegebenheiten macht aber nicht nur einen Reiz seiner Bilder aus sich keilende Bauern in Arkadien , sondern erzählt auch von der Allmacht des Künstlers. Wer soll ihn daran hindern? Das Amt für Kartografie und Bodenerhebungen?

Das überlebt keiner!

Und dann ist es auf einmal doch wichtig, etwas mit eigenen Augen gesehen zu haben. Auf dem Gemälde "Feldschlacht" gerät Pferde-Spezialist Wouwerman ausgerechnet auf seinem ureigensten Terrain ins Straucheln. Im Vordergrund sieht man einen Schimmel, der, wie soll man es nennen: kompakt stehend zurückscheut. Das ist perfekt, sagt Kuratorin Alice Anna Klaassen, die sich beim gemeinsamen Ausstellungsrundgang als Reitexpertin erweist.

Rechts davon galoppieren zwei Pferde. Sie sehen aus wie Karussellfiguren, sagt die Kuratorin. Tatsächlich gelang es ja erst mitttels der Fotografie, galoppierende Pferde im Ansatz korrekt zu malen. Das aber, was das Auge zu fassen bekam, brachte Wouwerman fotorealistisch ins Bild: Das scheuende Schlachtross, das so trainiert ist, dass es sich auf engstem Raum drehen und ausschlagen kann, um seinem Herrn Platz im Getümmel zu schaffen. Was man heute an der Spanischen Hofreitschule bewundert, sagt Klaassen, hat hier seinen Ursprung.

Also lernt der Besucher doch etwas über Pferde, in einer Ausstellung, die endlich einmal mehr von Wouwerman zeigen und erzählen will. Tut sie auch. "Feldschlacht" ist ein Meisterwerk, auf dem ab der Bildmitte das Feuerwaffengewölk in die gleichmütigen Wolken am Himmel übergeht, während am Boden gebrüllt, gestikuliert und gestorben, mit aufgeblasenen Backen trompetet und mit den Armen das nackte Leben geschützt wird (vergebens: Wer hier unter die Hufe kommt, der ist erledigt). Dass Nahkampf im 17. Jahrhundert keine Kostümfest mit Piff-Paff-Puff war, wird in aller Schärfe deutlich.

"Feldschlacht" ist das größte Gemälde der Wouwerman-Ausstellung auf der Kasseler Wilhelmshöhe. Es ist vermutlich auch das größte, das er je malte, jedenfalls das größte der knapp 600, die die Jahrhunderte überdauerten. Die Schau wiederum, entstanden in Kooperation mit dem Maurtishuis Den Haag, ist die erste allein Wouwerman gewidmete.

In Kassel befindet sich dank der Sammel- (und Pferde-?)Leidenschaft der Landgrafen die zweitgrößte Wouwerman-Sammlung Deutschlands (nur Dresden hat mehr). Mit aus aller Welt eingeflogenen Leihgaben wird nun ein grandioses Künstler- und Kunstpanorama sichtbar. Dass sich fast immer wie von ungefähr ein Pferd ins Bild schiebt: Was tuts?

Am Wegesrand ruht sich ein Mann mit Schlapphut aus. "Die Rast", 1646, demonstriert, dass der frühe Wouwerman (wie der späte Wouwerman) ein Freund von Diagonalen war. Das Pferd ist halb von hinten zu sehen, das gelang ihm immer besonders gut. "Schlitten auf dem Eis" ist ein klassisches niederländische Sujet. Die spielenden Kinder bewegen sich gefährlich auf einen Riss zu. Das Pferd betritt dort hinten gerade das Ufer. "Der Scheck vor der Schmiede" tut nicht einmal so, als stünde nicht das Pferd im Vordergrund. Alle Details, Werkzeuge, Zaumzeug, Einrichtung, sind korrekt, betont Klaassen, wie die Pferdewissenschaftler der Universität Göttingen bestätigt haben.

Aber Wouwerman setzt auch immer wieder noch einen drauf, überrascht mit etwas völlig anderem. "Pyramus und Thisbe" etwa, seinem einzigen aus der Mythologie gegriffenen Werk. Die Geschichte aus Ovid Metamorphosen ist heute eher durch Shakespeares "Sommernachtstraum" bekannt und damit ein für allemal der Lächerlichkeit preisgegeben.

Die Katze mit dem Hundekopf

Auch Wouwermans allerfeinstes Bildchen ist theatralisch im auch amüsanten Sinne. Hinten macht sich die unheilstiftende Löwin davon und sieht aus wie eine Katze mit Hundekopf. Um das staunenswerte Bild "Ritter Tod und Teufel" zu malen, dürfte er Dürers Kupferstich gekannt haben. Immer wieder tritt Wouwerman uns als reger Kunstkonsument entgegen. Heute würde man viele seiner Arbeiten unter didaktischen Aspekten als Wimmelbilder bezeichnen. Keine Szene, in der es nicht etwas zu entdecken gibt, und manches Unaussprechliche. Kein Seesturm kann zu klein sein, um nicht einen winzigen Schwimmer gegen die Wellen kämpfen zu lassen. Keine Situation zu ernst der Kreuzestod Jesu! , um nicht irgendwo am Rand jemanden unterzubringen, der gerade sein Geschäft verrichtet. Klaassen hat bei ihren Sichtungen festgestellt, dass sich die possierlichen Randszenen nie wiederholen.

Wouwermans Bilder eignen sich für Kurzsichtige, die hier hineinschlüpfen können und auch müssen, um alles zu entdecken. Es sind Bilder, die man daheim um sich haben sollte. Leider kann man sich das wohl kaum leisten, muss also in den kommenden Wochen nach Kassel fahren.

Es ist immer wieder schön festzustellen, dass dann und wann ein Künstler mit seiner Kunst reich wird. Von Anfang an, lernen wir, war Wouwerman erfolgreich, verdiente genug Geld, um es mit Immobilienhandel zu vermehren und seine Kinder gut versorgen, bevor er mit 48 starb. Sein Nachruhm war ordentlich. Erst dem fortschreitenden 19. Jahrhundert wurde er zu unpompös?

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare